Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

Bild:
<< vorherige Seite

Brief 5.
mit harmlosem gesichte so dar, als hätte er es gehört, und belobt den
prinzen für das was er gern an ihn loben würde. an einen minder
vornehmen würde er die form der mahnung gerichtet haben 'wozu die
spintisierkünste der eristik und dialektik, die dir Aristoteles beibringt,
wozu lernen was man gar nicht braucht. du bist für das praktische
leben bestimmt, dazu hilft dir nur die schulung fürs leben, die allgemeine
bildung und die rhetorik'. so schwatzen ja auch jetzt die Isokratesse,
nur dass sie weder reden noch schreiben können. könig Philippos aber
wusste, wozu er beide brauchen konnte, den rhetor um die gimpel der
öffentlichen meinung zu fangen, und den philosophen um dem makedo-
nischen throne einen herrn von ächt hellenischer seele zu geben. dieser
brief ist wirklich ein hübsches stückchen isokrateischer finesse: der ist
ächt, weil er tiefer ist als er scheint und auf notorisch wahre verhält-
nisse versteckt bezug nimmt.

So endet meine prüfung. es gibt also ächte und unächte stücke
in der sammlung. die form zeigt, dass sie alle, wie natürlich, recht alt
sind. weil es ächte gab, liessen sich unächte schmieden; deren jeder
seine verschiedene herkunft hat. die Alexandriner haben sie natürlich
so vereinzelt überkommen, wie wir jetzt den dritten demosthenischen
brief lesen. da ist also von vorn herein gar kein anderes resultat zu
erwarten als ein sehr complicirtes. so viel stücke, so viel einzelne pro-
bleme. ich würde es schon für einen grossen fortschritt halten, wenn
man aufhörte die schur über einen kamm für methode zu halten.



Brief 5.
mit harmlosem gesichte so dar, als hätte er es gehört, und belobt den
prinzen für das was er gern an ihn loben würde. an einen minder
vornehmen würde er die form der mahnung gerichtet haben ‘wozu die
spintisierkünste der eristik und dialektik, die dir Aristoteles beibringt,
wozu lernen was man gar nicht braucht. du bist für das praktische
leben bestimmt, dazu hilft dir nur die schulung fürs leben, die allgemeine
bildung und die rhetorik’. so schwatzen ja auch jetzt die Isokratesse,
nur daſs sie weder reden noch schreiben können. könig Philippos aber
wuſste, wozu er beide brauchen konnte, den rhetor um die gimpel der
öffentlichen meinung zu fangen, und den philosophen um dem makedo-
nischen throne einen herrn von ächt hellenischer seele zu geben. dieser
brief ist wirklich ein hübsches stückchen isokrateischer finesse: der ist
ächt, weil er tiefer ist als er scheint und auf notorisch wahre verhält-
nisse versteckt bezug nimmt.

So endet meine prüfung. es gibt also ächte und unächte stücke
in der sammlung. die form zeigt, daſs sie alle, wie natürlich, recht alt
sind. weil es ächte gab, lieſsen sich unächte schmieden; deren jeder
seine verschiedene herkunft hat. die Alexandriner haben sie natürlich
so vereinzelt überkommen, wie wir jetzt den dritten demosthenischen
brief lesen. da ist also von vorn herein gar kein anderes resultat zu
erwarten als ein sehr complicirtes. so viel stücke, so viel einzelne pro-
bleme. ich würde es schon für einen groſsen fortschritt halten, wenn
man aufhörte die schur über einen kamm für methode zu halten.



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0409" n="399"/><fw place="top" type="header">Brief 5.</fw><lb/>
mit harmlosem gesichte so dar, als hätte er es gehört, und belobt den<lb/>
prinzen für das was er gern an ihn loben würde. an einen minder<lb/>
vornehmen würde er die form der mahnung gerichtet haben &#x2018;wozu die<lb/>
spintisierkünste der eristik und dialektik, die dir Aristoteles beibringt,<lb/>
wozu lernen was man gar nicht braucht. du bist für das praktische<lb/>
leben bestimmt, dazu hilft dir nur die schulung fürs leben, die allgemeine<lb/>
bildung und die rhetorik&#x2019;. so schwatzen ja auch jetzt die Isokratesse,<lb/>
nur da&#x017F;s sie weder reden noch schreiben können. könig Philippos aber<lb/>
wu&#x017F;ste, wozu er beide brauchen konnte, den rhetor um die gimpel der<lb/>
öffentlichen meinung zu fangen, und den philosophen um dem makedo-<lb/>
nischen throne einen herrn von ächt hellenischer seele zu geben. dieser<lb/>
brief ist wirklich ein hübsches stückchen isokrateischer finesse: der ist<lb/>
ächt, weil er tiefer ist als er scheint und auf notorisch wahre verhält-<lb/>
nisse versteckt bezug nimmt.</p><lb/>
          <p>So endet meine prüfung. es gibt also ächte und unächte stücke<lb/>
in der sammlung. die form zeigt, da&#x017F;s sie alle, wie natürlich, recht alt<lb/>
sind. weil es ächte gab, lie&#x017F;sen sich unächte schmieden; deren jeder<lb/>
seine verschiedene herkunft hat. die Alexandriner haben sie natürlich<lb/>
so vereinzelt überkommen, wie wir jetzt den dritten demosthenischen<lb/>
brief lesen. da ist also von vorn herein gar kein anderes resultat zu<lb/>
erwarten als ein sehr complicirtes. so viel stücke, so viel einzelne pro-<lb/>
bleme. ich würde es schon für einen gro&#x017F;sen fortschritt halten, wenn<lb/>
man aufhörte die schur über einen kamm für methode zu halten.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[399/0409] Brief 5. mit harmlosem gesichte so dar, als hätte er es gehört, und belobt den prinzen für das was er gern an ihn loben würde. an einen minder vornehmen würde er die form der mahnung gerichtet haben ‘wozu die spintisierkünste der eristik und dialektik, die dir Aristoteles beibringt, wozu lernen was man gar nicht braucht. du bist für das praktische leben bestimmt, dazu hilft dir nur die schulung fürs leben, die allgemeine bildung und die rhetorik’. so schwatzen ja auch jetzt die Isokratesse, nur daſs sie weder reden noch schreiben können. könig Philippos aber wuſste, wozu er beide brauchen konnte, den rhetor um die gimpel der öffentlichen meinung zu fangen, und den philosophen um dem makedo- nischen throne einen herrn von ächt hellenischer seele zu geben. dieser brief ist wirklich ein hübsches stückchen isokrateischer finesse: der ist ächt, weil er tiefer ist als er scheint und auf notorisch wahre verhält- nisse versteckt bezug nimmt. So endet meine prüfung. es gibt also ächte und unächte stücke in der sammlung. die form zeigt, daſs sie alle, wie natürlich, recht alt sind. weil es ächte gab, lieſsen sich unächte schmieden; deren jeder seine verschiedene herkunft hat. die Alexandriner haben sie natürlich so vereinzelt überkommen, wie wir jetzt den dritten demosthenischen brief lesen. da ist also von vorn herein gar kein anderes resultat zu erwarten als ein sehr complicirtes. so viel stücke, so viel einzelne pro- bleme. ich würde es schon für einen groſsen fortschritt halten, wenn man aufhörte die schur über einen kamm für methode zu halten.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/409
Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 399. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/409>, abgerufen am 16.09.2019.