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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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III. 13. Die briefe des Isokrates.
angehörig? zieht etwa ein xenophontischer beleg für den atticismus
eines wortes? und wenn ein in der tat gewöhnliches wort wie atta
hier allein in dem ganzen nachlasse des Isokrates steht, ist das keine
instanz? der brief beansprucht nun von Isokrates geschrieben zu sein;
die situation, die er voraussetzt, ist einfach, er ist ein empfehlungs-
schreiben für einen nicht genannten sohn eines gewissen Diodotos, der
nach anderen stellungen bereits bei Antipatros angekommen ist und hier
nur weiter empfohlen wird; der sohn reist erst jetzt nach Makedonien.
um des inhaltes willen würde es mir sehr fern liegen, den brief zu be-
anstanden. jetzt, wo die form mich zur verwerfung zwingt, vermag ich
doch nicht zu entscheiden, ob Diodotos oder sein sohn sich dies em-
pfehlungsschreiben des berühmten mannes einmal, vielleicht als jener
längst tot war, verfertigt haben, oder ob ein rhetor mitsammt dem briefe
auch die thesis erfunden hat. übrigens entschuldigt er am schlusse
selbst die etwa im stile vorhandenen anstösse. das würde Isokrates nur
getan haben, wenn er sicher war, dass keine darin wären.

Brief 9.Eine viel plumpere und dümmere fälschung ist der brief an Archi-
damos (9), obwol ich da den stil nicht tadeln kann. ob man dem Iso-
krates zutrauen will, ein so grosses stück (11--14), eine von fünf seiten,
aus dem Panegyrikos abzuschreiben, dessen tendenz noch 17 paraphrasirt,
stehe dahin. aber wenn der brief ächt ist, so ist er nach der rede
Archidamos geschrieben, und er versetzt sich selbst in die zeit, wo Iso-
krates 80 jahre war (356): den Archidamos aber kann nur die voll-
kommenste verkehrung aller geschichte von der zeit losreissen, in die
er sich selbst setzt, 366, und für die diese gut geschriebene politische
brochure bestimmt ist.5) übrigens war Isokrates in den fünfziger jahren
alles andere als pantapasin apeirekos: er stand in mitten einer
eben so starken wie fruchtbaren tätigkeit. dagegen wäre es in der tat
das übermass von abgeschmacktheit gewesen, Sparta, das sich mit mühe
der Arkader erwehrte und Megalopolis erst bezwungen haben musste, um
überhaupt eine politische rolle zu spielen, auf den kampfplatz nach Asien
zu rufen. dies ist also eine in jeder beziehung ausser der form kümmer-
liche nachahmung, die sicherlich erst verfasst ist, als die zeitgeschichte
genügend in vergessenheit geraten war. übrigens ist es kein wirklicher
brief, sondern nur in dem sinne, wie der an Dionysios; der verfasser
ist auch über die einleitung nicht hinausgekommen, wozu ihm eben jener

5) Ob er oder Alkidamas, der die gegenschrift für Messene verfasste, früher
geschrieben hat, bin ich ausser stande zu entscheiden.

III. 13. Die briefe des Isokrates.
angehörig? zieht etwa ein xenophontischer beleg für den atticismus
eines wortes? und wenn ein in der tat gewöhnliches wort wie ἄττα
hier allein in dem ganzen nachlasse des Isokrates steht, ist das keine
instanz? der brief beansprucht nun von Isokrates geschrieben zu sein;
die situation, die er voraussetzt, ist einfach, er ist ein empfehlungs-
schreiben für einen nicht genannten sohn eines gewissen Diodotos, der
nach anderen stellungen bereits bei Antipatros angekommen ist und hier
nur weiter empfohlen wird; der sohn reist erst jetzt nach Makedonien.
um des inhaltes willen würde es mir sehr fern liegen, den brief zu be-
anstanden. jetzt, wo die form mich zur verwerfung zwingt, vermag ich
doch nicht zu entscheiden, ob Diodotos oder sein sohn sich dies em-
pfehlungsschreiben des berühmten mannes einmal, vielleicht als jener
längst tot war, verfertigt haben, oder ob ein rhetor mitsammt dem briefe
auch die ϑέσις erfunden hat. übrigens entschuldigt er am schlusse
selbst die etwa im stile vorhandenen anstöſse. das würde Isokrates nur
getan haben, wenn er sicher war, daſs keine darin wären.

Brief 9.Eine viel plumpere und dümmere fälschung ist der brief an Archi-
damos (9), obwol ich da den stil nicht tadeln kann. ob man dem Iso-
krates zutrauen will, ein so groſses stück (11—14), eine von fünf seiten,
aus dem Panegyrikos abzuschreiben, dessen tendenz noch 17 paraphrasirt,
stehe dahin. aber wenn der brief ächt ist, so ist er nach der rede
Archidamos geschrieben, und er versetzt sich selbst in die zeit, wo Iso-
krates 80 jahre war (356): den Archidamos aber kann nur die voll-
kommenste verkehrung aller geschichte von der zeit losreiſsen, in die
er sich selbst setzt, 366, und für die diese gut geschriebene politische
brochure bestimmt ist.5) übrigens war Isokrates in den fünfziger jahren
alles andere als παντάπασιν ἀπειϱηκώς: er stand in mitten einer
eben so starken wie fruchtbaren tätigkeit. dagegen wäre es in der tat
das übermaſs von abgeschmacktheit gewesen, Sparta, das sich mit mühe
der Arkader erwehrte und Megalopolis erst bezwungen haben muſste, um
überhaupt eine politische rolle zu spielen, auf den kampfplatz nach Asien
zu rufen. dies ist also eine in jeder beziehung auſser der form kümmer-
liche nachahmung, die sicherlich erst verfaſst ist, als die zeitgeschichte
genügend in vergessenheit geraten war. übrigens ist es kein wirklicher
brief, sondern nur in dem sinne, wie der an Dionysios; der verfasser
ist auch über die einleitung nicht hinausgekommen, wozu ihm eben jener

5) Ob er oder Alkidamas, der die gegenschrift für Messene verfaſste, früher
geschrieben hat, bin ich auſser stande zu entscheiden.
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[394/0404] III. 13. Die briefe des Isokrates. angehörig? zieht etwa ein xenophontischer beleg für den atticismus eines wortes? und wenn ein in der tat gewöhnliches wort wie ἄττα hier allein in dem ganzen nachlasse des Isokrates steht, ist das keine instanz? der brief beansprucht nun von Isokrates geschrieben zu sein; die situation, die er voraussetzt, ist einfach, er ist ein empfehlungs- schreiben für einen nicht genannten sohn eines gewissen Diodotos, der nach anderen stellungen bereits bei Antipatros angekommen ist und hier nur weiter empfohlen wird; der sohn reist erst jetzt nach Makedonien. um des inhaltes willen würde es mir sehr fern liegen, den brief zu be- anstanden. jetzt, wo die form mich zur verwerfung zwingt, vermag ich doch nicht zu entscheiden, ob Diodotos oder sein sohn sich dies em- pfehlungsschreiben des berühmten mannes einmal, vielleicht als jener längst tot war, verfertigt haben, oder ob ein rhetor mitsammt dem briefe auch die ϑέσις erfunden hat. übrigens entschuldigt er am schlusse selbst die etwa im stile vorhandenen anstöſse. das würde Isokrates nur getan haben, wenn er sicher war, daſs keine darin wären. Eine viel plumpere und dümmere fälschung ist der brief an Archi- damos (9), obwol ich da den stil nicht tadeln kann. ob man dem Iso- krates zutrauen will, ein so groſses stück (11—14), eine von fünf seiten, aus dem Panegyrikos abzuschreiben, dessen tendenz noch 17 paraphrasirt, stehe dahin. aber wenn der brief ächt ist, so ist er nach der rede Archidamos geschrieben, und er versetzt sich selbst in die zeit, wo Iso- krates 80 jahre war (356): den Archidamos aber kann nur die voll- kommenste verkehrung aller geschichte von der zeit losreiſsen, in die er sich selbst setzt, 366, und für die diese gut geschriebene politische brochure bestimmt ist. 5) übrigens war Isokrates in den fünfziger jahren alles andere als παντάπασιν ἀπειϱηκώς: er stand in mitten einer eben so starken wie fruchtbaren tätigkeit. dagegen wäre es in der tat das übermaſs von abgeschmacktheit gewesen, Sparta, das sich mit mühe der Arkader erwehrte und Megalopolis erst bezwungen haben muſste, um überhaupt eine politische rolle zu spielen, auf den kampfplatz nach Asien zu rufen. dies ist also eine in jeder beziehung auſser der form kümmer- liche nachahmung, die sicherlich erst verfaſst ist, als die zeitgeschichte genügend in vergessenheit geraten war. übrigens ist es kein wirklicher brief, sondern nur in dem sinne, wie der an Dionysios; der verfasser ist auch über die einleitung nicht hinausgekommen, wozu ihm eben jener Brief 9. 5) Ob er oder Alkidamas, der die gegenschrift für Messene verfaſste, früher geschrieben hat, bin ich auſser stande zu entscheiden.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 394. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/404>, abgerufen am 17.09.2019.