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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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III. 9. Die rede für Polystratos.
eine handschrift haben, aufnahme fand, ist ein weiterer zufall, für den
wir der kritiklosigkeit des auswählenden dankbar sein müssen.

Wie gut oder schlecht der redeschreiber seine sache gemacht hat,
haben wir zu lernen, nicht ihm vorzuschreiben. ich beabsichtige nicht
mit den umstellungen, die modernen kritikern gefallen, mich auseinander
zusetzen, von der auszugshypothese ganz zu schweigen. aber ich nehme
allerdings auch daran anstoss, dass die beteiligung des Polystratos an
dem rate der 400 und seine nichtbeteiligung an den debatten im rat-
hause zweimal erzählt wird, und kann 6--8 neben 16. 17 schlecht ver-
tragen, besser gesagt, ich verlange eine erklärung dafür, dass 1--10
schon eingehend erörtert ist, dass die zugehörigkeit zu den 400 den
Polystratos nicht belastet, und doch 13--17 dieselbe sache von neuem
abgehandelt wird. mir hat sich (keineswegs erst jetzt) die lösung er-
geben, dass 1--10 ein ganz anderer fürsprecher das wort hat als der
sohn, der mit 11 anhebt. es hat ja gar keinen anstoss, dass es mehrere
sind; und dass derselbe redeschreiber ihnen die reden macht, und diese
dann zusammen veröffentlicht werden, ist zugestandenermassen in der
rede wider Phormion und in der Apollodors wider Neaira geschehen
(Dem. 34 und 59).

Man fange nur an zu lesen und merke auf, wo man erfährt, dass
der sprecher ein sohn des Polystratos ist: das ist erst in § 11. von da
ab geht es durch. und konnte denn dieser von den söhnen des Poly-
stratos sagen o men en Sikelia en, oi d en Boiotois?17) der in
Sicilien war er ja selber. der sohn sagt pos an ouk an deina pas-
khoimen 15, e deina tan18) pathoimen 19, deina d an pathoimen 36:
hier heisst es deinon de moi dokei einai 10. nirgend wagt jener ein
ega d egoumai axious einai toutous meden paskhein 5: was liegt den
richtern daran, wie der angeklagte über die billigkeit denkt? so spricht
ein mann, dessen wort gewicht hat. und sollte wirklich der sohn mit

17) Seltsam, dass im frühjahr 411 die beiden söhne in Boeotien sind, von
denen der ältere im herbst bei Kynossema gefochten hat, der jüngere in der
attischen reiterei diente, die mit dem sicherheitsdienst gegen die festung Dekeleia
genug zu tun hatte. dass Athen damals einen vorstoss gegen die Boeoter machen
konnte, ist interessant genug. Thukydides hat über diesen kriegsschauplatz kaum
etwas erfahren: wir kennen die niederlage der Boeoter am Kolonos, an die das
drama des Sophokles anknüpft, und den sieg des hipparchen Pythodoros, dessen
denkmal in den Athenischen Mitteilungen XIV veröffentlicht ist.
18) e deina agan Kh. toi nicht ge hinter e ist der stil des fünften jahr-
hunderts, wie das drama lehrt; auch dort ist es meist entstellt, wie es der krasis
zu gehn pflegt, wo sie von alters her bezeichnet ward.

III. 9. Die rede für Polystratos.
eine handschrift haben, aufnahme fand, ist ein weiterer zufall, für den
wir der kritiklosigkeit des auswählenden dankbar sein müssen.

Wie gut oder schlecht der redeschreiber seine sache gemacht hat,
haben wir zu lernen, nicht ihm vorzuschreiben. ich beabsichtige nicht
mit den umstellungen, die modernen kritikern gefallen, mich auseinander
zusetzen, von der auszugshypothese ganz zu schweigen. aber ich nehme
allerdings auch daran anstoſs, daſs die beteiligung des Polystratos an
dem rate der 400 und seine nichtbeteiligung an den debatten im rat-
hause zweimal erzählt wird, und kann 6—8 neben 16. 17 schlecht ver-
tragen, besser gesagt, ich verlange eine erklärung dafür, daſs 1—10
schon eingehend erörtert ist, daſs die zugehörigkeit zu den 400 den
Polystratos nicht belastet, und doch 13—17 dieselbe sache von neuem
abgehandelt wird. mir hat sich (keineswegs erst jetzt) die lösung er-
geben, daſs 1—10 ein ganz anderer fürsprecher das wort hat als der
sohn, der mit 11 anhebt. es hat ja gar keinen anstoſs, daſs es mehrere
sind; und daſs derselbe redeschreiber ihnen die reden macht, und diese
dann zusammen veröffentlicht werden, ist zugestandenermaſsen in der
rede wider Phormion und in der Apollodors wider Neaira geschehen
(Dem. 34 und 59).

Man fange nur an zu lesen und merke auf, wo man erfährt, daſs
der sprecher ein sohn des Polystratos ist: das ist erst in § 11. von da
ab geht es durch. und konnte denn dieser von den söhnen des Poly-
stratos sagen ὃ μὲν ἐν Σικελίᾳ ἦν, οἳ δ̕ ἐν Βοιωτοῖς?17) der in
Sicilien war er ja selber. der sohn sagt πῶς ἂν οὐκ ἂν δεινὰ πάσ-
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hier heiſst es δεινὸν δέ μοι δοκεῖ εἶναι 10. nirgend wagt jener ein
ἐγὰ δ̕ ἡγοῦμαι ἀξίους εἶναι τούτους μηδὲν πάσχειν 5: was liegt den
richtern daran, wie der angeklagte über die billigkeit denkt? so spricht
ein mann, dessen wort gewicht hat. und sollte wirklich der sohn mit

17) Seltsam, daſs im frühjahr 411 die beiden söhne in Boeotien sind, von
denen der ältere im herbst bei Kynossema gefochten hat, der jüngere in der
attischen reiterei diente, die mit dem sicherheitsdienst gegen die festung Dekeleia
genug zu tun hatte. daſs Athen damals einen vorstoſs gegen die Boeoter machen
konnte, ist interessant genug. Thukydides hat über diesen kriegsschauplatz kaum
etwas erfahren: wir kennen die niederlage der Boeoter am Kolonos, an die das
drama des Sophokles anknüpft, und den sieg des hipparchen Pythodoros, dessen
denkmal in den Athenischen Mitteilungen XIV veröffentlicht ist.
18) ἦ δεινὰ ἄγαν Χ. τοι nicht γε hinter ἦ ist der stil des fünften jahr-
hunderts, wie das drama lehrt; auch dort ist es meist entstellt, wie es der krasis
zu gehn pflegt, wo sie von alters her bezeichnet ward.
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[363/0373] III. 9. Die rede für Polystratos. eine handschrift haben, aufnahme fand, ist ein weiterer zufall, für den wir der kritiklosigkeit des auswählenden dankbar sein müssen. Wie gut oder schlecht der redeschreiber seine sache gemacht hat, haben wir zu lernen, nicht ihm vorzuschreiben. ich beabsichtige nicht mit den umstellungen, die modernen kritikern gefallen, mich auseinander zusetzen, von der auszugshypothese ganz zu schweigen. aber ich nehme allerdings auch daran anstoſs, daſs die beteiligung des Polystratos an dem rate der 400 und seine nichtbeteiligung an den debatten im rat- hause zweimal erzählt wird, und kann 6—8 neben 16. 17 schlecht ver- tragen, besser gesagt, ich verlange eine erklärung dafür, daſs 1—10 schon eingehend erörtert ist, daſs die zugehörigkeit zu den 400 den Polystratos nicht belastet, und doch 13—17 dieselbe sache von neuem abgehandelt wird. mir hat sich (keineswegs erst jetzt) die lösung er- geben, daſs 1—10 ein ganz anderer fürsprecher das wort hat als der sohn, der mit 11 anhebt. es hat ja gar keinen anstoſs, daſs es mehrere sind; und daſs derselbe redeschreiber ihnen die reden macht, und diese dann zusammen veröffentlicht werden, ist zugestandenermaſsen in der rede wider Phormion und in der Apollodors wider Neaira geschehen (Dem. 34 und 59). Man fange nur an zu lesen und merke auf, wo man erfährt, daſs der sprecher ein sohn des Polystratos ist: das ist erst in § 11. von da ab geht es durch. und konnte denn dieser von den söhnen des Poly- stratos sagen ὃ μὲν ἐν Σικελίᾳ ἦν, οἳ δ̕ ἐν Βοιωτοῖς? 17) der in Sicilien war er ja selber. der sohn sagt πῶς ἂν οὐκ ἂν δεινὰ πάσ- χοιμεν 15, ἦ δεινά τἂν 18) πάϑοιμεν 19, δεινὰ δ̕ ἂν πάϑοιμεν 36: hier heiſst es δεινὸν δέ μοι δοκεῖ εἶναι 10. nirgend wagt jener ein ἐγὰ δ̕ ἡγοῦμαι ἀξίους εἶναι τούτους μηδὲν πάσχειν 5: was liegt den richtern daran, wie der angeklagte über die billigkeit denkt? so spricht ein mann, dessen wort gewicht hat. und sollte wirklich der sohn mit 17) Seltsam, daſs im frühjahr 411 die beiden söhne in Boeotien sind, von denen der ältere im herbst bei Kynossema gefochten hat, der jüngere in der attischen reiterei diente, die mit dem sicherheitsdienst gegen die festung Dekeleia genug zu tun hatte. daſs Athen damals einen vorstoſs gegen die Boeoter machen konnte, ist interessant genug. Thukydides hat über diesen kriegsschauplatz kaum etwas erfahren: wir kennen die niederlage der Boeoter am Kolonos, an die das drama des Sophokles anknüpft, und den sieg des hipparchen Pythodoros, dessen denkmal in den Athenischen Mitteilungen XIV veröffentlicht ist. 18) ἦ δεινὰ ἄγαν Χ. τοι nicht γε hinter ἦ ist der stil des fünften jahr- hunderts, wie das drama lehrt; auch dort ist es meist entstellt, wie es der krasis zu gehn pflegt, wo sie von alters her bezeichnet ward.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 363. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/373>, abgerufen am 18.10.2019.