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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen.
lichen dingen, spielt mit Euripides und den weibern und bietet eine
kunst auf, die ihm sonst fremd ist: er schürzt und löst eine intrigue.
das mochte er immer tun, wo es ihm die Muse eingab; es kann nicht
verlangt werden, dass er ausschliesslich politisire. indessen ein teil seines
lustigen spieles weicht davon ab und redet zwar nicht direct vom staate,
aber spiegelt die hauptaction des staatlichen lebens wieder. die Thesmo-
phorien werden auf der pnyx in den formen der volksversammlung ge-
halten. in wie weit der wirkliche cultus dem dichter einen anhalt für
diese fiction bot, ist unbekannt; er hat sie aber viel weiter ausgeführt
als für die fabel seines stückes nötig war. hundert verse schildern die
eröffnung, so ausführlich, dass die modernen einen teil davon weg-
geschnitten haben, weil sie nichts als wiederholungen darin fanden. die
scene beginnt mit einer proclamation in prosa, einem gebete, das sich
zunächst an die Thesmophoren und ihren götterkreis wendet, aber als
inhalt der verhandlungen und gebete bereits neben das wol der frauen
auch das des demos Athenaion stellt. die frau die diese proclamation
spricht schliesst mit dem apollinischen rufe ie paion und dem wunsche
'freude sei mit uns'. der chor, der sich nun gesammelt hat, nimmt den
wunsch an und nimmt das gebet auf, richtet es aber an die grossen
götter Zeus Apollon Athena Artemis Poseidon und die nymphen in der
see und auf den bergen des landes: sie alle, das theon genos, wie sie
zusammenfassend genannt werden, sollen den 'adlichen frauen Athens'
gewähren eine fruchtbare verhandlung zu führen. nun geht die auf-
forderung zum gebete weiter; es folgen die fluchformeln der ekklesie,
durchsetzt mit höchst belustigenden weiblichen verwünschungen, sonst
aber gerade die welche uns aus dem psephisma des Demophantos (giltig
vom hekatombaion des Glaukippos, juli 410) und sonst geläufig sind. ver-
wünscht werden, wer tyrannis für sich oder andere erstrebt, wer mit
den Medern verhandelt, wer das volk betrügt (exapata ton demon)
oder die versprechungen, die er gemacht hat, nicht hält (me didosin
an uposkhetai pote, vgl. Ar. 43, 5 ean tis uposkhomenos ti me poiese
to demo), wer besticht oder sich bestechen lässt, wer mass und gewicht
fälscht. wieder respondirt die gemeinde mit einem bekräftigenden liede,
das wieder ganz und gar dem staate gilt. die verwünschungen treffen
jetzt jeden, der 'die herkömmlichen eide übertritt, aus eigennütziger ab-
sicht in gemeinschädlicher weise volksbeschlüsse und gesetze ändern will,
den feinden die geheimnisse mitteilt oder die Meder in das land führt'.
dann beginnt die verhandlung mit der verlesung der tagesordnung, die
höchst correct in einem probuleuma des rates besteht.


III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen.
lichen dingen, spielt mit Euripides und den weibern und bietet eine
kunst auf, die ihm sonst fremd ist: er schürzt und löst eine intrigue.
das mochte er immer tun, wo es ihm die Muse eingab; es kann nicht
verlangt werden, daſs er ausschlieſslich politisire. indessen ein teil seines
lustigen spieles weicht davon ab und redet zwar nicht direct vom staate,
aber spiegelt die hauptaction des staatlichen lebens wieder. die Thesmo-
phorien werden auf der pnyx in den formen der volksversammlung ge-
halten. in wie weit der wirkliche cultus dem dichter einen anhalt für
diese fiction bot, ist unbekannt; er hat sie aber viel weiter ausgeführt
als für die fabel seines stückes nötig war. hundert verse schildern die
eröffnung, so ausführlich, daſs die modernen einen teil davon weg-
geschnitten haben, weil sie nichts als wiederholungen darin fanden. die
scene beginnt mit einer proclamation in prosa, einem gebete, das sich
zunächst an die Thesmophoren und ihren götterkreis wendet, aber als
inhalt der verhandlungen und gebete bereits neben das wol der frauen
auch das des δῆμος Ἀϑηναίων stellt. die frau die diese proclamation
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‘freude sei mit uns’. der chor, der sich nun gesammelt hat, nimmt den
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götter Zeus Apollon Athena Artemis Poseidon und die nymphen in der
see und auf den bergen des landes: sie alle, das ϑεῶν γένος, wie sie
zusammenfassend genannt werden, sollen den ‘adlichen frauen Athens’
gewähren eine fruchtbare verhandlung zu führen. nun geht die auf-
forderung zum gebete weiter; es folgen die fluchformeln der ekklesie,
durchsetzt mit höchst belustigenden weiblichen verwünschungen, sonst
aber gerade die welche uns aus dem psephisma des Demophantos (giltig
vom hekatombaion des Glaukippos, juli 410) und sonst geläufig sind. ver-
wünscht werden, wer tyrannis für sich oder andere erstrebt, wer mit
den Medern verhandelt, wer das volk betrügt (ἐξαπατᾷ τὸν δῆμον)
oder die versprechungen, die er gemacht hat, nicht hält (μὴ δίδωσιν
ἃν ὑπόσχηταί ποτε, vgl. Ar. 43, 5 ἐάν τις ὑπόσχομενός τι μὴ ποιήσῃ
τῷ δήμῳ), wer besticht oder sich bestechen läſst, wer maſs und gewicht
fälscht. wieder respondirt die gemeinde mit einem bekräftigenden liede,
das wieder ganz und gar dem staate gilt. die verwünschungen treffen
jetzt jeden, der ‘die herkömmlichen eide übertritt, aus eigennütziger ab-
sicht in gemeinschädlicher weise volksbeschlüsse und gesetze ändern will,
den feinden die geheimnisse mitteilt oder die Meder in das land führt’.
dann beginnt die verhandlung mit der verlesung der tagesordnung, die
höchst correct in einem probuleuma des rates besteht.


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[348/0358] III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen. lichen dingen, spielt mit Euripides und den weibern und bietet eine kunst auf, die ihm sonst fremd ist: er schürzt und löst eine intrigue. das mochte er immer tun, wo es ihm die Muse eingab; es kann nicht verlangt werden, daſs er ausschlieſslich politisire. indessen ein teil seines lustigen spieles weicht davon ab und redet zwar nicht direct vom staate, aber spiegelt die hauptaction des staatlichen lebens wieder. die Thesmo- phorien werden auf der pnyx in den formen der volksversammlung ge- halten. in wie weit der wirkliche cultus dem dichter einen anhalt für diese fiction bot, ist unbekannt; er hat sie aber viel weiter ausgeführt als für die fabel seines stückes nötig war. hundert verse schildern die eröffnung, so ausführlich, daſs die modernen einen teil davon weg- geschnitten haben, weil sie nichts als wiederholungen darin fanden. die scene beginnt mit einer proclamation in prosa, einem gebete, das sich zunächst an die Thesmophoren und ihren götterkreis wendet, aber als inhalt der verhandlungen und gebete bereits neben das wol der frauen auch das des δῆμος Ἀϑηναίων stellt. die frau die diese proclamation spricht schlieſst mit dem apollinischen rufe ἰὴ παιών und dem wunsche ‘freude sei mit uns’. der chor, der sich nun gesammelt hat, nimmt den wunsch an und nimmt das gebet auf, richtet es aber an die groſsen götter Zeus Apollon Athena Artemis Poseidon und die nymphen in der see und auf den bergen des landes: sie alle, das ϑεῶν γένος, wie sie zusammenfassend genannt werden, sollen den ‘adlichen frauen Athens’ gewähren eine fruchtbare verhandlung zu führen. nun geht die auf- forderung zum gebete weiter; es folgen die fluchformeln der ekklesie, durchsetzt mit höchst belustigenden weiblichen verwünschungen, sonst aber gerade die welche uns aus dem psephisma des Demophantos (giltig vom hekatombaion des Glaukippos, juli 410) und sonst geläufig sind. ver- wünscht werden, wer tyrannis für sich oder andere erstrebt, wer mit den Medern verhandelt, wer das volk betrügt (ἐξαπατᾷ τὸν δῆμον) oder die versprechungen, die er gemacht hat, nicht hält (μὴ δίδωσιν ἃν ὑπόσχηταί ποτε, vgl. Ar. 43, 5 ἐάν τις ὑπόσχομενός τι μὴ ποιήσῃ τῷ δήμῳ), wer besticht oder sich bestechen läſst, wer maſs und gewicht fälscht. wieder respondirt die gemeinde mit einem bekräftigenden liede, das wieder ganz und gar dem staate gilt. die verwünschungen treffen jetzt jeden, der ‘die herkömmlichen eide übertritt, aus eigennütziger ab- sicht in gemeinschädlicher weise volksbeschlüsse und gesetze ändern will, den feinden die geheimnisse mitteilt oder die Meder in das land führt’. dann beginnt die verhandlung mit der verlesung der tagesordnung, die höchst correct in einem probuleuma des rates besteht.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 348. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/358>, abgerufen am 20.10.2019.