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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
flussreiche rolle zu spielen, um heimzukehren und politisch tätig zu werden.
darum suchte und pflegte er den verkehr mit den königen und gewann
ein entschiedenes politisches urteil. es hat sich gezeigt, dass er die po-
litischen parteischriften Athens genau wie Aristoteles auszunutzen ver-
stand (oben I s. 135). mit den philosophischen richtungen seiner zeit
hatte er so viel fühlung, dass er das persönlich moralische in der
schilderung und beurteilung der personen in den vordergrund rückte,
bei allerhand merkwürdigen erscheinungen auch der natur gern ver-
weilte und seine allgemeinen speculationen in der form von phantasti-
schen märchen vortrug. aber eine entschiedene politische tendenz und
eine energische individualität lassen ihn als einen stern von eigenem
lichte erscheinen.8) er ist ein mann, der ganz seiner eigenen zeit gehört
und uns deshalb schon fast hellenistisch erscheint.

Ephoros von Kyme dagegen ist nichts als litterat und hat das
zweifelhafte verdienst die weltgeschichte als das würdigste object epideik-
tischer beredsamkeit behandelt zu haben, also der vater jener auf-
fassung zu sein, die uns von Cicero und Livius her geläufig ist und den
begriff der geschichte eigentlich denaturirt. denn es gehört dazu der
patriotismus der panegyriken, der pragmatismus der allgemeinen bil-
dung und die moral des zu beiden gehörigen bildungsphilisters. wie
verschieden der inhalt jenes patriotismus auch scheinen mag, wie stark
sich der ballast des toten wissens vermehrt und die moralische
terminologie geändert hat: der bildungsphilister ist ganz derselbe ge-
blieben, und deshalb grassirt die ephorische historiographie. es ist die
zur zeit in Deutschland approbirte geisttötende und seelenvergiftende
'geschichte' mit zugehöriger 'geographie', die in naiver schamlosigkeit
ihre tendenz eingesteht, gesinnungstüchtigkeit und bildung zu züchten,
und streber oder socialdemokraten erzieht. die persönlichkeit des Ephoros
ist gleichgiltig; auf sein urteil kommt nichts an: aber der stoff, den

8) Es ist gar nicht schwer, auf grund von einigen berührungen, wie sie die
lebendige regsamkeit und der austausch der gedanken in dem Athen des vierten
jahrhunderts geben musste, Theopompos an eine philosophenschule anzugliedern: aber
das ist trügerisch; man blicke nur die ganze person und das ganze werk an. man
könnte das nämliche mit Ephoros versuchen, z. b. auf grund seiner erzählung vom
gastmale der Sieben weisen, denen er den unverdorbenen naturmenschen Anacharsis
und den spötter Aesop gesellt, auch ihn in das gefolge des modephilosophen Anti-
sthenes einrücken. -- seitdem dieses geschrieben war, hat Rohde ausführlicher die
aufstellungen Hirzels (Rh. M. 47) über Theopompos bestritten, auf die ich zielte,
aber leider hat auch Schwartz (Ind. Rostock. 93) in Ephoros den Kyniker wirklich
gefunden.

II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
fluſsreiche rolle zu spielen, um heimzukehren und politisch tätig zu werden.
darum suchte und pflegte er den verkehr mit den königen und gewann
ein entschiedenes politisches urteil. es hat sich gezeigt, daſs er die po-
litischen parteischriften Athens genau wie Aristoteles auszunutzen ver-
stand (oben I s. 135). mit den philosophischen richtungen seiner zeit
hatte er so viel fühlung, daſs er das persönlich moralische in der
schilderung und beurteilung der personen in den vordergrund rückte,
bei allerhand merkwürdigen erscheinungen auch der natur gern ver-
weilte und seine allgemeinen speculationen in der form von phantasti-
schen märchen vortrug. aber eine entschiedene politische tendenz und
eine energische individualität lassen ihn als einen stern von eigenem
lichte erscheinen.8) er ist ein mann, der ganz seiner eigenen zeit gehört
und uns deshalb schon fast hellenistisch erscheint.

Ephoros von Kyme dagegen ist nichts als litterat und hat das
zweifelhafte verdienst die weltgeschichte als das würdigste object epideik-
tischer beredsamkeit behandelt zu haben, also der vater jener auf-
fassung zu sein, die uns von Cicero und Livius her geläufig ist und den
begriff der geschichte eigentlich denaturirt. denn es gehört dazu der
patriotismus der panegyriken, der pragmatismus der allgemeinen bil-
dung und die moral des zu beiden gehörigen bildungsphilisters. wie
verschieden der inhalt jenes patriotismus auch scheinen mag, wie stark
sich der ballast des toten wissens vermehrt und die moralische
terminologie geändert hat: der bildungsphilister ist ganz derselbe ge-
blieben, und deshalb grassirt die ephorische historiographie. es ist die
zur zeit in Deutschland approbirte geisttötende und seelenvergiftende
‘geschichte’ mit zugehöriger ‘geographie’, die in naiver schamlosigkeit
ihre tendenz eingesteht, gesinnungstüchtigkeit und bildung zu züchten,
und streber oder socialdemokraten erzieht. die persönlichkeit des Ephoros
ist gleichgiltig; auf sein urteil kommt nichts an: aber der stoff, den

8) Es ist gar nicht schwer, auf grund von einigen berührungen, wie sie die
lebendige regsamkeit und der austausch der gedanken in dem Athen des vierten
jahrhunderts geben muſste, Theopompos an eine philosophenschule anzugliedern: aber
das ist trügerisch; man blicke nur die ganze person und das ganze werk an. man
könnte das nämliche mit Ephoros versuchen, z. b. auf grund seiner erzählung vom
gastmale der Sieben weisen, denen er den unverdorbenen naturmenschen Anacharsis
und den spötter Aesop gesellt, auch ihn in das gefolge des modephilosophen Anti-
sthenes einrücken. — seitdem dieses geschrieben war, hat Rohde ausführlicher die
aufstellungen Hirzels (Rh. M. 47) über Theopompos bestritten, auf die ich zielte,
aber leider hat auch Schwartz (Ind. Rostock. 93) in Ephoros den Kyniker wirklich
gefunden.
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[16/0026] II. 1. Die quellen der griechischen geschichte. fluſsreiche rolle zu spielen, um heimzukehren und politisch tätig zu werden. darum suchte und pflegte er den verkehr mit den königen und gewann ein entschiedenes politisches urteil. es hat sich gezeigt, daſs er die po- litischen parteischriften Athens genau wie Aristoteles auszunutzen ver- stand (oben I s. 135). mit den philosophischen richtungen seiner zeit hatte er so viel fühlung, daſs er das persönlich moralische in der schilderung und beurteilung der personen in den vordergrund rückte, bei allerhand merkwürdigen erscheinungen auch der natur gern ver- weilte und seine allgemeinen speculationen in der form von phantasti- schen märchen vortrug. aber eine entschiedene politische tendenz und eine energische individualität lassen ihn als einen stern von eigenem lichte erscheinen. 8) er ist ein mann, der ganz seiner eigenen zeit gehört und uns deshalb schon fast hellenistisch erscheint. Ephoros von Kyme dagegen ist nichts als litterat und hat das zweifelhafte verdienst die weltgeschichte als das würdigste object epideik- tischer beredsamkeit behandelt zu haben, also der vater jener auf- fassung zu sein, die uns von Cicero und Livius her geläufig ist und den begriff der geschichte eigentlich denaturirt. denn es gehört dazu der patriotismus der panegyriken, der pragmatismus der allgemeinen bil- dung und die moral des zu beiden gehörigen bildungsphilisters. wie verschieden der inhalt jenes patriotismus auch scheinen mag, wie stark sich der ballast des toten wissens vermehrt und die moralische terminologie geändert hat: der bildungsphilister ist ganz derselbe ge- blieben, und deshalb grassirt die ephorische historiographie. es ist die zur zeit in Deutschland approbirte geisttötende und seelenvergiftende ‘geschichte’ mit zugehöriger ‘geographie’, die in naiver schamlosigkeit ihre tendenz eingesteht, gesinnungstüchtigkeit und bildung zu züchten, und streber oder socialdemokraten erzieht. die persönlichkeit des Ephoros ist gleichgiltig; auf sein urteil kommt nichts an: aber der stoff, den 8) Es ist gar nicht schwer, auf grund von einigen berührungen, wie sie die lebendige regsamkeit und der austausch der gedanken in dem Athen des vierten jahrhunderts geben muſste, Theopompos an eine philosophenschule anzugliedern: aber das ist trügerisch; man blicke nur die ganze person und das ganze werk an. man könnte das nämliche mit Ephoros versuchen, z. b. auf grund seiner erzählung vom gastmale der Sieben weisen, denen er den unverdorbenen naturmenschen Anacharsis und den spötter Aesop gesellt, auch ihn in das gefolge des modephilosophen Anti- sthenes einrücken. — seitdem dieses geschrieben war, hat Rohde ausführlicher die aufstellungen Hirzels (Rh. M. 47) über Theopompos bestritten, auf die ich zielte, aber leider hat auch Schwartz (Ind. Rostock. 93) in Ephoros den Kyniker wirklich gefunden.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/26>, abgerufen am 17.10.2019.