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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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Thukydides. stimmung nach dem falle des Reiches.
stilistisches kunstwerk liefern zu wollen, und so ist er in die gesellschaft
der kunstprosaiker geraten: nicht bloss der historiker würde ungleich
reineren genuss von dem werke haben, wenn es fertig geworden wäre,
wie es begonnen war, in der ächten attischen rede des politischen lebens.
nur so weit es das programm von 432 erfüllt, ist es dem werke des
Herodotos ebenbürtig, denn nur so weit steht es wie dieses einzig da;
stilistisch war es eigentlich schon veraltet, als es erschien. einzig aber
musste es bleiben, weil die voraussetzung des politischen geschichts-
werkes, der grosse staat, nicht mehr vorhanden war. eben deshalb
hat kein griechischer staatsmann mehr geschichte geschrieben, mehr
als ein jahrhundert lang. erst Hieronymos mag allenfalls verglichen
werden.4)

Das menschenalter der kämpfe, deren ergebnis die zertrümmerungStimmung
nach dem
falle des
Reiches

des nationalen staates war, hatte in dem ringen der parteien auch die
historische schriftstellerei zu einer waffe geschmiedet; es konnte auch
nicht ausbleiben, dass die scham und der zorn über den sturz des reiches
und andererseits die sehnsucht und die klage um das verlorene die
schriftstellerisch so unglaublich regsame zeit auf die geschichte des
grossen jahrhunderts hinführte. diese litteratur mit ihren flugschriften
über die helden der guten alten zeit und die bösen demagogen, die das
unheil gebracht, mit ihren epitaphien und panegyriken ist in anderem
zusammenhange (I cap. 6) besprochen.

Man hatte das gefühl, unter trümmern zu wohnen, und niemand
eigentlich war davon befriedigt, dass die staaten in den alten formen weiter
wirtschafteten. dennoch gelang eine reform oder revolution in Sparta und
Korinth so wenig wie in Athen. alle besseren stimmten in der negation
des bestehenden überein, nur fand sich nirgend auch nur ein realisirbares
programm für einen neubau. weithin durch das volk gieng das gefühl,
o dass doch ein könig käme; aber dieses gefühl war von einer messia-
nischen unbestimmtheit, mochten auch die litteraten bald nach Persien,
bald nach Syrakus lugen. Persiens schwäche war durch den zug der
Kyreer an den tag gekommen, und der diplomatische erfolg des königs-
friedens konnte diesen eindruck nicht verwischen. deshalb borgte man
von dort nur die romanfigur des alten Kyros. historische einkleidungen

4) Nur in Sicilien gab es dank der energie des Dionysios einen grösseren
staat, und dort schreibt auch der staatsmann Philistos geschichte in der art des
Thukydides. aber wir wissen davon nur das factum von hörensagen, da wir weder
von der geschichte Siciliens noch von dem werke des Philistos eine wirkliche kenntnis
gewinnen können.

Thukydides. stimmung nach dem falle des Reiches.
stilistisches kunstwerk liefern zu wollen, und so ist er in die gesellschaft
der kunstprosaiker geraten: nicht bloſs der historiker würde ungleich
reineren genuſs von dem werke haben, wenn es fertig geworden wäre,
wie es begonnen war, in der ächten attischen rede des politischen lebens.
nur so weit es das programm von 432 erfüllt, ist es dem werke des
Herodotos ebenbürtig, denn nur so weit steht es wie dieses einzig da;
stilistisch war es eigentlich schon veraltet, als es erschien. einzig aber
musste es bleiben, weil die voraussetzung des politischen geschichts-
werkes, der groſse staat, nicht mehr vorhanden war. eben deshalb
hat kein griechischer staatsmann mehr geschichte geschrieben, mehr
als ein jahrhundert lang. erst Hieronymos mag allenfalls verglichen
werden.4)

Das menschenalter der kämpfe, deren ergebnis die zertrümmerungStimmung
nach dem
falle des
Reiches

des nationalen staates war, hatte in dem ringen der parteien auch die
historische schriftstellerei zu einer waffe geschmiedet; es konnte auch
nicht ausbleiben, daſs die scham und der zorn über den sturz des reiches
und andererseits die sehnsucht und die klage um das verlorene die
schriftstellerisch so unglaublich regsame zeit auf die geschichte des
groſsen jahrhunderts hinführte. diese litteratur mit ihren flugschriften
über die helden der guten alten zeit und die bösen demagogen, die das
unheil gebracht, mit ihren epitaphien und panegyriken ist in anderem
zusammenhange (I cap. 6) besprochen.

Man hatte das gefühl, unter trümmern zu wohnen, und niemand
eigentlich war davon befriedigt, daſs die staaten in den alten formen weiter
wirtschafteten. dennoch gelang eine reform oder revolution in Sparta und
Korinth so wenig wie in Athen. alle besseren stimmten in der negation
des bestehenden überein, nur fand sich nirgend auch nur ein realisirbares
programm für einen neubau. weithin durch das volk gieng das gefühl,
o daſs doch ein könig käme; aber dieses gefühl war von einer messia-
nischen unbestimmtheit, mochten auch die litteraten bald nach Persien,
bald nach Syrakus lugen. Persiens schwäche war durch den zug der
Kyreer an den tag gekommen, und der diplomatische erfolg des königs-
friedens konnte diesen eindruck nicht verwischen. deshalb borgte man
von dort nur die romanfigur des alten Kyros. historische einkleidungen

4) Nur in Sicilien gab es dank der energie des Dionysios einen gröſseren
staat, und dort schreibt auch der staatsmann Philistos geschichte in der art des
Thukydides. aber wir wissen davon nur das factum von hörensagen, da wir weder
von der geschichte Siciliens noch von dem werke des Philistos eine wirkliche kenntnis
gewinnen können.
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[13/0023] Thukydides. stimmung nach dem falle des Reiches. stilistisches kunstwerk liefern zu wollen, und so ist er in die gesellschaft der kunstprosaiker geraten: nicht bloſs der historiker würde ungleich reineren genuſs von dem werke haben, wenn es fertig geworden wäre, wie es begonnen war, in der ächten attischen rede des politischen lebens. nur so weit es das programm von 432 erfüllt, ist es dem werke des Herodotos ebenbürtig, denn nur so weit steht es wie dieses einzig da; stilistisch war es eigentlich schon veraltet, als es erschien. einzig aber musste es bleiben, weil die voraussetzung des politischen geschichts- werkes, der groſse staat, nicht mehr vorhanden war. eben deshalb hat kein griechischer staatsmann mehr geschichte geschrieben, mehr als ein jahrhundert lang. erst Hieronymos mag allenfalls verglichen werden. 4) Das menschenalter der kämpfe, deren ergebnis die zertrümmerung des nationalen staates war, hatte in dem ringen der parteien auch die historische schriftstellerei zu einer waffe geschmiedet; es konnte auch nicht ausbleiben, daſs die scham und der zorn über den sturz des reiches und andererseits die sehnsucht und die klage um das verlorene die schriftstellerisch so unglaublich regsame zeit auf die geschichte des groſsen jahrhunderts hinführte. diese litteratur mit ihren flugschriften über die helden der guten alten zeit und die bösen demagogen, die das unheil gebracht, mit ihren epitaphien und panegyriken ist in anderem zusammenhange (I cap. 6) besprochen. Stimmung nach dem falle des Reiches Man hatte das gefühl, unter trümmern zu wohnen, und niemand eigentlich war davon befriedigt, daſs die staaten in den alten formen weiter wirtschafteten. dennoch gelang eine reform oder revolution in Sparta und Korinth so wenig wie in Athen. alle besseren stimmten in der negation des bestehenden überein, nur fand sich nirgend auch nur ein realisirbares programm für einen neubau. weithin durch das volk gieng das gefühl, o daſs doch ein könig käme; aber dieses gefühl war von einer messia- nischen unbestimmtheit, mochten auch die litteraten bald nach Persien, bald nach Syrakus lugen. Persiens schwäche war durch den zug der Kyreer an den tag gekommen, und der diplomatische erfolg des königs- friedens konnte diesen eindruck nicht verwischen. deshalb borgte man von dort nur die romanfigur des alten Kyros. historische einkleidungen 4) Nur in Sicilien gab es dank der energie des Dionysios einen gröſseren staat, und dort schreibt auch der staatsmann Philistos geschichte in der art des Thukydides. aber wir wissen davon nur das factum von hörensagen, da wir weder von der geschichte Siciliens noch von dem werke des Philistos eine wirkliche kenntnis gewinnen können.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/23>, abgerufen am 21.08.2019.