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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
quellen der Odyssee. o wenn sie doch griechisch dächten! pege oder
krene? wenn krene, dann ist auch Tzetzes eine quelle, wenn pege,
dann ist auch Ephoros keine. die litterarische forschung darf nicht so
vornehm sein wie Kallimachos der dichter (als forscher war er auch be-
scheidner), sie muss apo krenes pinein, muss sich um alle brunnen und
canäle und reservoirs kümmern. die historie dagegen prüft was sie
trinkt darauf, ob es pegaion udor ist, authigenes oder verschlämmt,
durch den filter geschmacklos geworden, von der sonne halbverdunstet.
auch die olige libas ist ihr genehm, wenn sie nur akron aoton
ist, und was nach der quelle schmeckt, das nimmt sie, einerlei wie ver-
mittelt.

Begriff der
quelle
Ein jeder historiker ist schon vermittler, auch wenn er Thukydides
heisst. als quelle kann sein bericht nur gelten, so weit er zeuge ist;
sonst geht die geschichtliche forschung über ihn weg, auf seine zeugen.
die urkunden und die aussagen von zeugen, das sind erst quellen. ob
sie aber ihre aussagen mit der absicht gemacht haben, geschichtliche
kunde zu übermitteln, d. h. geschichte geschrieben, ist nebensache. was
unserer tagespresse entspricht, reden flugschriften komoedien, alle pri-
vaten documente vom pindarischen siegesliede bis zum schlichten grab-
stein haben auf die geltung als quellen viel mehr anspruch als die com-
pendien später zeit, die der allgemeinen bildung oder, was dasselbe ist,
der allgemeinen ignoranz dienen. eine quellenkunde, die von dem
richtigen begriffe der quelle ausgeht, tut der griechischen geschichte
allerdings not. erst durch sie erfährt sie, was sie überhaupt wissen
kann. sie erfährt sofort, dass sie von vielen jahrhunderten aus den
quellen keine geschichte schreiben kann. wenn diese forderung gestellt
wird, dann sind die bekannten striche bei der Heraklidenwanderung
oder der ersten Olympiade oder dem jahre des Solon noch viel zu früh:
dann müssen wir uns eingestehn, dass erst das jahr des Pythodoros, 432,
das anfangsjahr der griechischen geschichte ist. denn vater Herodotos
hat auch das mit vater Homer gemein, dass seine geschichte absurd
wird, wenn man sie pragmatisirt. die Hellenen sind ein eigenes volk.
ihre geschichte scheint, je besser sie erkannt wird, desto später an-
zufangen, während im Orient die Babylonier, von den Assyrern ganz zu
schweigen, und die Aegypter mit ihren königslisten und den denksteinen
ihrer siege in fabelhafte fernen reichen. die könige der Ramessiden-
dynastie sind sogar leibhaft in ihren mumien vorhanden, so dass man
ihre hohlen zähne zählen und ihre leibeslänge messen kann. aber der
körper ist tot, und die zahlen sind tot. leben hat allein die seele, und

II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
quellen der Odyssee. o wenn sie doch griechisch dächten! πηγὴ oder
κϱήνη? wenn κϱήνη, dann ist auch Tzetzes eine quelle, wenn πηγή,
dann ist auch Ephoros keine. die litterarische forschung darf nicht so
vornehm sein wie Kallimachos der dichter (als forscher war er auch be-
scheidner), sie muſs ἀπὸ κϱήνης πίνειν, muſs sich um alle brunnen und
canäle und reservoirs kümmern. die historie dagegen prüft was sie
trinkt darauf, ob es πηγαῖον ὕδωϱ ist, αὐϑιγενές oder verschlämmt,
durch den filter geschmacklos geworden, von der sonne halbverdunstet.
auch die ὀλίγη λιβάς ist ihr genehm, wenn sie nur ἄκϱον ἄωτον
ist, und was nach der quelle schmeckt, das nimmt sie, einerlei wie ver-
mittelt.

Begriff der
quelle
Ein jeder historiker ist schon vermittler, auch wenn er Thukydides
heiſst. als quelle kann sein bericht nur gelten, so weit er zeuge ist;
sonst geht die geschichtliche forschung über ihn weg, auf seine zeugen.
die urkunden und die aussagen von zeugen, das sind erst quellen. ob
sie aber ihre aussagen mit der absicht gemacht haben, geschichtliche
kunde zu übermitteln, d. h. geschichte geschrieben, ist nebensache. was
unserer tagespresse entspricht, reden flugschriften komoedien, alle pri-
vaten documente vom pindarischen siegesliede bis zum schlichten grab-
stein haben auf die geltung als quellen viel mehr anspruch als die com-
pendien später zeit, die der allgemeinen bildung oder, was dasselbe ist,
der allgemeinen ignoranz dienen. eine quellenkunde, die von dem
richtigen begriffe der quelle ausgeht, tut der griechischen geschichte
allerdings not. erst durch sie erfährt sie, was sie überhaupt wissen
kann. sie erfährt sofort, daſs sie von vielen jahrhunderten aus den
quellen keine geschichte schreiben kann. wenn diese forderung gestellt
wird, dann sind die bekannten striche bei der Heraklidenwanderung
oder der ersten Olympiade oder dem jahre des Solon noch viel zu früh:
dann müssen wir uns eingestehn, daſs erst das jahr des Pythodoros, 432,
das anfangsjahr der griechischen geschichte ist. denn vater Herodotos
hat auch das mit vater Homer gemein, daſs seine geschichte absurd
wird, wenn man sie pragmatisirt. die Hellenen sind ein eigenes volk.
ihre geschichte scheint, je besser sie erkannt wird, desto später an-
zufangen, während im Orient die Babylonier, von den Assyrern ganz zu
schweigen, und die Aegypter mit ihren königslisten und den denksteinen
ihrer siege in fabelhafte fernen reichen. die könige der Ramessiden-
dynastie sind sogar leibhaft in ihren mumien vorhanden, so daſs man
ihre hohlen zähne zählen und ihre leibeslänge messen kann. aber der
körper ist tot, und die zahlen sind tot. leben hat allein die seele, und

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[4/0014] II. 1. Die quellen der griechischen geschichte. quellen der Odyssee. o wenn sie doch griechisch dächten! πηγὴ oder κϱήνη? wenn κϱήνη, dann ist auch Tzetzes eine quelle, wenn πηγή, dann ist auch Ephoros keine. die litterarische forschung darf nicht so vornehm sein wie Kallimachos der dichter (als forscher war er auch be- scheidner), sie muſs ἀπὸ κϱήνης πίνειν, muſs sich um alle brunnen und canäle und reservoirs kümmern. die historie dagegen prüft was sie trinkt darauf, ob es πηγαῖον ὕδωϱ ist, αὐϑιγενές oder verschlämmt, durch den filter geschmacklos geworden, von der sonne halbverdunstet. auch die ὀλίγη λιβάς ist ihr genehm, wenn sie nur ἄκϱον ἄωτον ist, und was nach der quelle schmeckt, das nimmt sie, einerlei wie ver- mittelt. Ein jeder historiker ist schon vermittler, auch wenn er Thukydides heiſst. als quelle kann sein bericht nur gelten, so weit er zeuge ist; sonst geht die geschichtliche forschung über ihn weg, auf seine zeugen. die urkunden und die aussagen von zeugen, das sind erst quellen. ob sie aber ihre aussagen mit der absicht gemacht haben, geschichtliche kunde zu übermitteln, d. h. geschichte geschrieben, ist nebensache. was unserer tagespresse entspricht, reden flugschriften komoedien, alle pri- vaten documente vom pindarischen siegesliede bis zum schlichten grab- stein haben auf die geltung als quellen viel mehr anspruch als die com- pendien später zeit, die der allgemeinen bildung oder, was dasselbe ist, der allgemeinen ignoranz dienen. eine quellenkunde, die von dem richtigen begriffe der quelle ausgeht, tut der griechischen geschichte allerdings not. erst durch sie erfährt sie, was sie überhaupt wissen kann. sie erfährt sofort, daſs sie von vielen jahrhunderten aus den quellen keine geschichte schreiben kann. wenn diese forderung gestellt wird, dann sind die bekannten striche bei der Heraklidenwanderung oder der ersten Olympiade oder dem jahre des Solon noch viel zu früh: dann müssen wir uns eingestehn, daſs erst das jahr des Pythodoros, 432, das anfangsjahr der griechischen geschichte ist. denn vater Herodotos hat auch das mit vater Homer gemein, daſs seine geschichte absurd wird, wenn man sie pragmatisirt. die Hellenen sind ein eigenes volk. ihre geschichte scheint, je besser sie erkannt wird, desto später an- zufangen, während im Orient die Babylonier, von den Assyrern ganz zu schweigen, und die Aegypter mit ihren königslisten und den denksteinen ihrer siege in fabelhafte fernen reichen. die könige der Ramessiden- dynastie sind sogar leibhaft in ihren mumien vorhanden, so daſs man ihre hohlen zähne zählen und ihre leibeslänge messen kann. aber der körper ist tot, und die zahlen sind tot. leben hat allein die seele, und Begriff der quelle

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/14>, abgerufen am 20.08.2019.