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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893.

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1. Chronologie.
drei letzten zahlen, denn in wie weit ein jahr sowol als endjahr in dem
einen wie als anfangsjahr in dem andern posten enthalten ist, kann man
nicht ausrechnen. da tritt aber schliesslich zum glücke noch ein helfer
in der not hervor: in der chronik des Eusebius steht (oder hat gestanden)
der anfang des Peisistratos richtig zu ol. 54, 4, der tod des Hipparchos
zu 65, 3: dazwischen steht Pisistratus apud Athenienses tyrannidem
exercuit
zu 59, 3 oder 4, also 542 oder 41: das kann nur die schlacht
von Pallene meinen, und es stimmt so gut, wie man irgend verlangen kann.
die antike chronographie und Aristoteles und Herodot sind durchaus in
einklang, und wir sind berechtigt diesen wichtigen daten vollen glauben
zu schenken. ich betrachte 541 als ein festes datum für die schlacht
von Pallene; dass sie auch 542 gewesen sein kann, ist für jene zeit
eine unwesentliche differenz. die würden wir nur heben können, wenn
wir mehr archontennamen besässen und fixiren könnten. in dieser
richtung gewinnen wir nichts neues, aber wol in einem punkte eine ent-
scheidung, was auch nicht zu verachten ist. 556/5 war Hegesias archon,
nicht Euthydemos, dem Boeckh dies jahr zugewiesen hatte. nach Euthy-
demos ist vielmehr das nächstfolgende benannt, 555/4, wie Dopp gewollt
hat. unter Euthydemos, 555/4 = ol. 56, 2, hat also die parische chronik
die thronbesteigung des Kroisos, Sosikrates (Diogen. I 68) das ephoren-
jahr des Chilon gesetzt.37)

Die jahre
508--478.
Nach Isagoras 508/7 ist der nächste feste punkt Phainippos 490/89,
der archon der Marathonschlacht (22, 3), wie wir aus der parischen chronik
wissen, der zweite träger des namens in der liste. an dem jahre 490
oder dem eponymos Phainippos für dieses jahr zu zweifeln kann keinem
leidlich gesunden verstande beikommen: die liste der archonten 496--88
ist durch zeugnisse, die sich gegenseitig stützen, längst gesichert. dann
ist aber eine der zahlen bei Aristoteles falsch, welcher nur 15 jahre
zwischen 508 und 490 zu zählen scheint, da er den archon Hermokreon
etei pempto nach Isagoras, den Phainippos etei dodekato nach Hermo-
kreon ansetzt. und wirklich ist das jahr 504/3, das so dem Hermokreon
gehören müsste, von Akestorides besetzt, mit dem olympiadenjahre 69, 1
von Dionysios (V 37) geglichen: Kenyon hat demnach die zahl 5 in 8
geändert, damit wenigstens die 12 bleiben kann; ogdoo für pempto
empfiehlt sich freilich nicht durch leichtigkeit. denkbar ist auch, dass
Aristoteles das erste mal das ausgangsjahr nicht rechnete, Hermokreon
also 503/2 zu stehn käme, und nachher dodekato leichter in id ge-

37) Bei Eusebius von ol. 56, 2 auf 3 oder 4 verschoben.

1. Chronologie.
drei letzten zahlen, denn in wie weit ein jahr sowol als endjahr in dem
einen wie als anfangsjahr in dem andern posten enthalten ist, kann man
nicht ausrechnen. da tritt aber schlieſslich zum glücke noch ein helfer
in der not hervor: in der chronik des Eusebius steht (oder hat gestanden)
der anfang des Peisistratos richtig zu ol. 54, 4, der tod des Hipparchos
zu 65, 3: dazwischen steht Pisistratus apud Athenienses tyrannidem
exercuit
zu 59, 3 oder 4, also 542 oder 41: das kann nur die schlacht
von Pallene meinen, und es stimmt so gut, wie man irgend verlangen kann.
die antike chronographie und Aristoteles und Herodot sind durchaus in
einklang, und wir sind berechtigt diesen wichtigen daten vollen glauben
zu schenken. ich betrachte 541 als ein festes datum für die schlacht
von Pallene; daſs sie auch 542 gewesen sein kann, ist für jene zeit
eine unwesentliche differenz. die würden wir nur heben können, wenn
wir mehr archontennamen besäſsen und fixiren könnten. in dieser
richtung gewinnen wir nichts neues, aber wol in einem punkte eine ent-
scheidung, was auch nicht zu verachten ist. 556/5 war Hegesias archon,
nicht Euthydemos, dem Boeckh dies jahr zugewiesen hatte. nach Euthy-
demos ist vielmehr das nächstfolgende benannt, 555/4, wie Dopp gewollt
hat. unter Euthydemos, 555/4 = ol. 56, 2, hat also die parische chronik
die thronbesteigung des Kroisos, Sosikrates (Diogen. I 68) das ephoren-
jahr des Chilon gesetzt.37)

Die jahre
508—478.
Nach Isagoras 508/7 ist der nächste feste punkt Phainippos 490/89,
der archon der Marathonschlacht (22, 3), wie wir aus der parischen chronik
wissen, der zweite träger des namens in der liste. an dem jahre 490
oder dem eponymos Phainippos für dieses jahr zu zweifeln kann keinem
leidlich gesunden verstande beikommen: die liste der archonten 496—88
ist durch zeugnisse, die sich gegenseitig stützen, längst gesichert. dann
ist aber eine der zahlen bei Aristoteles falsch, welcher nur 15 jahre
zwischen 508 und 490 zu zählen scheint, da er den archon Hermokreon
ἔτει πέμπτῳ nach Isagoras, den Phainippos ἔτει δωδεκάτῳ nach Hermo-
kreon ansetzt. und wirklich ist das jahr 504/3, das so dem Hermokreon
gehören müſste, von Akestorides besetzt, mit dem olympiadenjahre 69, 1
von Dionysios (V 37) geglichen: Kenyon hat demnach die zahl 5 in 8
geändert, damit wenigstens die 12 bleiben kann; ὀγδόῳ für πέμπτῳ
empfiehlt sich freilich nicht durch leichtigkeit. denkbar ist auch, daſs
Aristoteles das erste mal das ausgangsjahr nicht rechnete, Hermokreon
also 503/2 zu stehn käme, und nachher δωδεκάτῳ leichter in ιδ΄ ge-

37) Bei Eusebius von ol. 56, 2 auf 3 oder 4 verschoben.
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[24/0038] 1. Chronologie. drei letzten zahlen, denn in wie weit ein jahr sowol als endjahr in dem einen wie als anfangsjahr in dem andern posten enthalten ist, kann man nicht ausrechnen. da tritt aber schlieſslich zum glücke noch ein helfer in der not hervor: in der chronik des Eusebius steht (oder hat gestanden) der anfang des Peisistratos richtig zu ol. 54, 4, der tod des Hipparchos zu 65, 3: dazwischen steht Pisistratus apud Athenienses tyrannidem exercuit zu 59, 3 oder 4, also 542 oder 41: das kann nur die schlacht von Pallene meinen, und es stimmt so gut, wie man irgend verlangen kann. die antike chronographie und Aristoteles und Herodot sind durchaus in einklang, und wir sind berechtigt diesen wichtigen daten vollen glauben zu schenken. ich betrachte 541 als ein festes datum für die schlacht von Pallene; daſs sie auch 542 gewesen sein kann, ist für jene zeit eine unwesentliche differenz. die würden wir nur heben können, wenn wir mehr archontennamen besäſsen und fixiren könnten. in dieser richtung gewinnen wir nichts neues, aber wol in einem punkte eine ent- scheidung, was auch nicht zu verachten ist. 556/5 war Hegesias archon, nicht Euthydemos, dem Boeckh dies jahr zugewiesen hatte. nach Euthy- demos ist vielmehr das nächstfolgende benannt, 555/4, wie Dopp gewollt hat. unter Euthydemos, 555/4 = ol. 56, 2, hat also die parische chronik die thronbesteigung des Kroisos, Sosikrates (Diogen. I 68) das ephoren- jahr des Chilon gesetzt. 37) Nach Isagoras 508/7 ist der nächste feste punkt Phainippos 490/89, der archon der Marathonschlacht (22, 3), wie wir aus der parischen chronik wissen, der zweite träger des namens in der liste. an dem jahre 490 oder dem eponymos Phainippos für dieses jahr zu zweifeln kann keinem leidlich gesunden verstande beikommen: die liste der archonten 496—88 ist durch zeugnisse, die sich gegenseitig stützen, längst gesichert. dann ist aber eine der zahlen bei Aristoteles falsch, welcher nur 15 jahre zwischen 508 und 490 zu zählen scheint, da er den archon Hermokreon ἔτει πέμπτῳ nach Isagoras, den Phainippos ἔτει δωδεκάτῳ nach Hermo- kreon ansetzt. und wirklich ist das jahr 504/3, das so dem Hermokreon gehören müſste, von Akestorides besetzt, mit dem olympiadenjahre 69, 1 von Dionysios (V 37) geglichen: Kenyon hat demnach die zahl 5 in 8 geändert, damit wenigstens die 12 bleiben kann; ὀγδόῳ für πέμπτῳ empfiehlt sich freilich nicht durch leichtigkeit. denkbar ist auch, daſs Aristoteles das erste mal das ausgangsjahr nicht rechnete, Hermokreon also 503/2 zu stehn käme, und nachher δωδεκάτῳ leichter in ιδ΄ ge- Die jahre 508—478. 37) Bei Eusebius von ol. 56, 2 auf 3 oder 4 verschoben.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles01_1893/38>, abgerufen am 23.08.2019.