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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893.

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1. Chronologie.
beifügt 19), in Delphi nichts überliefert war, und, fügen wir hinzu, nicht
wol überliefert sein konnte, da protokolle über die sitzungen der
Amphiktionen in der erforderlichen ausführlichkeit zu Solons zeiten nicht
wol geführt sein können. 20) aber diese attische tradition passt vortreff-
lich in ein buch, das die delphische jahresliste mit der attischen aus-
glich. da Aischines die geschichte schon kennt, ist sie in Athen nicht
erst durch Aristoteles bekannt geworden, ist also auch er schwerlich
derjenige, der zuerst die delphische geschichte auf attische jahre stellte,
sondern ein attischer chronist, auf dem er auch in den Pythioniken
fusste. wer dies mein buch durchgelesen hat, wird den schluss, der ihm
jetzt vielleicht noch zu kühn erscheint, selbstverständlich finden. übrigens
tut es nichts zur sache, was jenseits Aristoteles liegt. bleiben wir also
dabei, die geschichte des heiligen krieges, wie wir sie auf der parischen
chronik und in den Pindarscholien lesen, für aristotelisch zu halten,
ganz wie Boeckh.

Aber der antrag Solons scheint mit den angaben der Politie un-
vereinbar. 590 ist Krisa erobert, aber Solon ist gleich nach 594/3 auf
zehn jahre verreist. wenn das ein widerspruch ist, so hat ihn Aristo-
teles begangen, unbeschadet der herkunft jenes kriegsberichts, denn der
antrag des Solon ist ja ausdrücklich auf seinen namen hin überliefert,
und der heilige krieg fällt nach allen nachrichten in das erste jahr-
zehnt nach Solons amtsjahr. aber erstens wissen wir gar nicht, wie
lange der krieg vor der eroberung Krisas gedauert hat, noch auch
ob die execution unmittelbar nachdem sie beschlossen war, ausgeführt
ist. 21) nach dem falle von Krisa haben sich die reste der Krisaeer noch

19) Plutarch widerlegt eine ansicht des Hermippos, seiner hauptquelle, mit der
berufung darauf, dass Aischines davon schweige und die Delphan upomnemata damit
stritten. das ganze erscheint als einlage. der classische redner, der den stilisten
der trajanischen zeit näher lag als den compilirenden gelehrten der barockzeit, und
das dem Plutarchos persönlich unterstellte archiv sind zeugen, deren verhör dem
Plutarchos billigerweise zugetraut werden darf, und dass er gegen seine hauptquelle
(deren gewährsmann er mit angibt) sich wendet, spricht auch für einen zusatz aus
eigenen mitteln.
20) Die ältesten attischen volksbeschlüsse, die uns auf stein erhalten sind,
nennen den antragsteller nicht. aber Aristoteles hat den mann genannt, der 561
den antrag stellte, dem Peisistratos eine leibwache zu bewilligen, Aristion (14, 1,
bei Plutarch Ariston vgl. cap. 8). schwerlich sind die acten quelle, sondern der
name ist mit der geschichte von der selbstverwundung überliefert gewesen. der
mann, der den verhängnisvollen antrag stellte, der exapatesas ton demon, blieb im
gedächtnis.
21) Zum mindesten mussten die deputirten mit dem Amphiktionenbeschlusse nach

1. Chronologie.
beifügt 19), in Delphi nichts überliefert war, und, fügen wir hinzu, nicht
wol überliefert sein konnte, da protokolle über die sitzungen der
Amphiktionen in der erforderlichen ausführlichkeit zu Solons zeiten nicht
wol geführt sein können. 20) aber diese attische tradition paſst vortreff-
lich in ein buch, das die delphische jahresliste mit der attischen aus-
glich. da Aischines die geschichte schon kennt, ist sie in Athen nicht
erst durch Aristoteles bekannt geworden, ist also auch er schwerlich
derjenige, der zuerst die delphische geschichte auf attische jahre stellte,
sondern ein attischer chronist, auf dem er auch in den Pythioniken
fuſste. wer dies mein buch durchgelesen hat, wird den schluſs, der ihm
jetzt vielleicht noch zu kühn erscheint, selbstverständlich finden. übrigens
tut es nichts zur sache, was jenseits Aristoteles liegt. bleiben wir also
dabei, die geschichte des heiligen krieges, wie wir sie auf der parischen
chronik und in den Pindarscholien lesen, für aristotelisch zu halten,
ganz wie Boeckh.

Aber der antrag Solons scheint mit den angaben der Politie un-
vereinbar. 590 ist Krisa erobert, aber Solon ist gleich nach 594/3 auf
zehn jahre verreist. wenn das ein widerspruch ist, so hat ihn Aristo-
teles begangen, unbeschadet der herkunft jenes kriegsberichts, denn der
antrag des Solon ist ja ausdrücklich auf seinen namen hin überliefert,
und der heilige krieg fällt nach allen nachrichten in das erste jahr-
zehnt nach Solons amtsjahr. aber erstens wissen wir gar nicht, wie
lange der krieg vor der eroberung Krisas gedauert hat, noch auch
ob die execution unmittelbar nachdem sie beschlossen war, ausgeführt
ist. 21) nach dem falle von Krisa haben sich die reste der Krisaeer noch

19) Plutarch widerlegt eine ansicht des Hermippos, seiner hauptquelle, mit der
berufung darauf, daſs Aischines davon schweige und die Δελφᾶν ὑπομνήματα damit
stritten. das ganze erscheint als einlage. der classische redner, der den stilisten
der trajanischen zeit näher lag als den compilirenden gelehrten der barockzeit, und
das dem Plutarchos persönlich unterstellte archiv sind zeugen, deren verhör dem
Plutarchos billigerweise zugetraut werden darf, und daſs er gegen seine hauptquelle
(deren gewährsmann er mit angibt) sich wendet, spricht auch für einen zusatz aus
eigenen mitteln.
20) Die ältesten attischen volksbeschlüsse, die uns auf stein erhalten sind,
nennen den antragsteller nicht. aber Aristoteles hat den mann genannt, der 561
den antrag stellte, dem Peisistratos eine leibwache zu bewilligen, Aristion (14, 1,
bei Plutarch Ariston vgl. cap. 8). schwerlich sind die acten quelle, sondern der
name ist mit der geschichte von der selbstverwundung überliefert gewesen. der
mann, der den verhängnisvollen antrag stellte, der ἐξαπατήσας τὸν δῆμον, blieb im
gedächtnis.
21) Zum mindesten muſsten die deputirten mit dem Amphiktionenbeschlusse nach
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[14/0028] 1. Chronologie. beifügt 19), in Delphi nichts überliefert war, und, fügen wir hinzu, nicht wol überliefert sein konnte, da protokolle über die sitzungen der Amphiktionen in der erforderlichen ausführlichkeit zu Solons zeiten nicht wol geführt sein können. 20) aber diese attische tradition paſst vortreff- lich in ein buch, das die delphische jahresliste mit der attischen aus- glich. da Aischines die geschichte schon kennt, ist sie in Athen nicht erst durch Aristoteles bekannt geworden, ist also auch er schwerlich derjenige, der zuerst die delphische geschichte auf attische jahre stellte, sondern ein attischer chronist, auf dem er auch in den Pythioniken fuſste. wer dies mein buch durchgelesen hat, wird den schluſs, der ihm jetzt vielleicht noch zu kühn erscheint, selbstverständlich finden. übrigens tut es nichts zur sache, was jenseits Aristoteles liegt. bleiben wir also dabei, die geschichte des heiligen krieges, wie wir sie auf der parischen chronik und in den Pindarscholien lesen, für aristotelisch zu halten, ganz wie Boeckh. Aber der antrag Solons scheint mit den angaben der Politie un- vereinbar. 590 ist Krisa erobert, aber Solon ist gleich nach 594/3 auf zehn jahre verreist. wenn das ein widerspruch ist, so hat ihn Aristo- teles begangen, unbeschadet der herkunft jenes kriegsberichts, denn der antrag des Solon ist ja ausdrücklich auf seinen namen hin überliefert, und der heilige krieg fällt nach allen nachrichten in das erste jahr- zehnt nach Solons amtsjahr. aber erstens wissen wir gar nicht, wie lange der krieg vor der eroberung Krisas gedauert hat, noch auch ob die execution unmittelbar nachdem sie beschlossen war, ausgeführt ist. 21) nach dem falle von Krisa haben sich die reste der Krisaeer noch 19) Plutarch widerlegt eine ansicht des Hermippos, seiner hauptquelle, mit der berufung darauf, daſs Aischines davon schweige und die Δελφᾶν ὑπομνήματα damit stritten. das ganze erscheint als einlage. der classische redner, der den stilisten der trajanischen zeit näher lag als den compilirenden gelehrten der barockzeit, und das dem Plutarchos persönlich unterstellte archiv sind zeugen, deren verhör dem Plutarchos billigerweise zugetraut werden darf, und daſs er gegen seine hauptquelle (deren gewährsmann er mit angibt) sich wendet, spricht auch für einen zusatz aus eigenen mitteln. 20) Die ältesten attischen volksbeschlüsse, die uns auf stein erhalten sind, nennen den antragsteller nicht. aber Aristoteles hat den mann genannt, der 561 den antrag stellte, dem Peisistratos eine leibwache zu bewilligen, Aristion (14, 1, bei Plutarch Ariston vgl. cap. 8). schwerlich sind die acten quelle, sondern der name ist mit der geschichte von der selbstverwundung überliefert gewesen. der mann, der den verhängnisvollen antrag stellte, der ἐξαπατήσας τὸν δῆμον, blieb im gedächtnis. 21) Zum mindesten muſsten die deputirten mit dem Amphiktionenbeschlusse nach

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles01_1893/28>, abgerufen am 26.08.2019.