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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893.

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Das jahr des Aristoteles.
zerfällt und zugleich mit der sommersonnenwende und dem neumonde
des hekatombaion beginnt. für seine zwecke reichte diese rechnung aus,
und die Athener wären gänzlich unverständig gewesen, wenn sie nicht
unter einem jahre eben dieses ideelle verstanden hätten. aber für die
zeitbestimmung vergangener ereignisse ist nur ein reelles jahr brauch-
bar. und in dem einen falle, wo Aristoteles ein solches datum zugleich
nach dem ideellen monat und dem jahrpunkte bezeichnet, ist es ihm
begegnet, dass es absolut falsch ist, weil das von ihm durch den archon
bezeichnete jahr zufällig ein schaltjahr war. 5)

Dem verfasser der Politien, der die gesonderte überlieferung so
vieler städte verarbeitete, die alle ihre eigenen jahre hatten, müsste frei-
lich die aufgabe einer einheitlichen chronologie von selbst nahe getreten
sein, auf die alle jene daten bezogen werden mussten, um wirklich
brauchbar zu werden; und da er die attischen jahre nicht weiter be-
stimmt, so liegt es nahe, ihm zuzutrauen, dass er, wenn er einmal ein
argivisches oder epidaurisches datum hat verständlich machen wollen,
es auf den attischen archon umgerechnet hat, also in der weise, wie es
in der parischen chronik mit dem ausgangsjahre geschehen ist. ein aristo-
telisches beispiel, gleichsetzung attischer und delphischer archonten, wird
uns noch begegnen. 6) es mag an mir liegen, dass mir kein zweites
bekannt ist; aber eine verarbeitung der Politien zu einer geschichte ist
ein gedanke, den Aristoteles niemals gefasst hat, und dass nicht er der
vater der chronologie geworden ist, sondern erst sein gegner Timaios, is
ja bekannt. immerhin ist es fraglich, ob die bevorzugung der Olym-
piaden gegen die attischen archonten ein vorteil war, und so viel ist fest
zu halten, dass alle daten nach attischen archonten auf das vorurteil
sowol des höheren alters wie der ganz besonderen zuverlässigkeit an-
spruch haben.

5) epi Eukleous tou Molonos menos Gamelionos peri tropas ootos tou
eliou kheimerinas Meteorol. I 343b. der Gamelion des Eukles begann im februar
vgl. Boeckh Mondcycl. 30. A. Mommsen Chronol. 387. die monatsbezeichnung ist
nicht anders zu beurteilen als in den eben citirten stellen, nur hatte hier Aristoteles
den monatsnamen überkommen und setzte die wintersonnenwende zu, weil er die
ansicht bekämpft, dass die kometen um die zeit der sommersonnenwende erschienen.
davon dass das ihm überlieferte datum metonisch gewesen wäre oder er nach dem
metonischen kalender gerechnet hätte, kann für einen unbefangen die stellen nach-
lesenden menschen keine rede sein, und es ist auch unbillig, ihn wegen dieses
misgeschickes der nachlässigkeit zu zeihen.
6) Dass er selbst diese ausgleichung bereits in seiner vorlage vorfand, wird
freilich unten wahrscheinlich werden.

Das jahr des Aristoteles.
zerfällt und zugleich mit der sommersonnenwende und dem neumonde
des hekatombaion beginnt. für seine zwecke reichte diese rechnung aus,
und die Athener wären gänzlich unverständig gewesen, wenn sie nicht
unter einem jahre eben dieses ideelle verstanden hätten. aber für die
zeitbestimmung vergangener ereignisse ist nur ein reelles jahr brauch-
bar. und in dem einen falle, wo Aristoteles ein solches datum zugleich
nach dem ideellen monat und dem jahrpunkte bezeichnet, ist es ihm
begegnet, daſs es absolut falsch ist, weil das von ihm durch den archon
bezeichnete jahr zufällig ein schaltjahr war. 5)

Dem verfasser der Politien, der die gesonderte überlieferung so
vieler städte verarbeitete, die alle ihre eigenen jahre hatten, müſste frei-
lich die aufgabe einer einheitlichen chronologie von selbst nahe getreten
sein, auf die alle jene daten bezogen werden muſsten, um wirklich
brauchbar zu werden; und da er die attischen jahre nicht weiter be-
stimmt, so liegt es nahe, ihm zuzutrauen, daſs er, wenn er einmal ein
argivisches oder epidaurisches datum hat verständlich machen wollen,
es auf den attischen archon umgerechnet hat, also in der weise, wie es
in der parischen chronik mit dem ausgangsjahre geschehen ist. ein aristo-
telisches beispiel, gleichsetzung attischer und delphischer archonten, wird
uns noch begegnen. 6) es mag an mir liegen, daſs mir kein zweites
bekannt ist; aber eine verarbeitung der Politien zu einer geschichte ist
ein gedanke, den Aristoteles niemals gefaſst hat, und daſs nicht er der
vater der chronologie geworden ist, sondern erst sein gegner Timaios, is
ja bekannt. immerhin ist es fraglich, ob die bevorzugung der Olym-
piaden gegen die attischen archonten ein vorteil war, und so viel ist fest
zu halten, daſs alle daten nach attischen archonten auf das vorurteil
sowol des höheren alters wie der ganz besonderen zuverlässigkeit an-
spruch haben.

5) ἐπὶ Εὐκλέους τοῦ Μόλωνος μηνὸς Γαμηλιῶνος πεϱὶ τϱοπὰς ὄοτος τοῦ
ἡλίου χειμεϱινάς Meteorol. I 343b. der Gamelion des Eukles begann im februar
vgl. Boeckh Mondcycl. 30. A. Mommsen Chronol. 387. die monatsbezeichnung ist
nicht anders zu beurteilen als in den eben citirten stellen, nur hatte hier Aristoteles
den monatsnamen überkommen und setzte die wintersonnenwende zu, weil er die
ansicht bekämpft, daſs die kometen um die zeit der sommersonnenwende erschienen.
davon daſs das ihm überlieferte datum metonisch gewesen wäre oder er nach dem
metonischen kalender gerechnet hätte, kann für einen unbefangen die stellen nach-
lesenden menschen keine rede sein, und es ist auch unbillig, ihn wegen dieses
misgeschickes der nachlässigkeit zu zeihen.
6) Daſs er selbst diese ausgleichung bereits in seiner vorlage vorfand, wird
freilich unten wahrscheinlich werden.
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[5/0019] Das jahr des Aristoteles. zerfällt und zugleich mit der sommersonnenwende und dem neumonde des hekatombaion beginnt. für seine zwecke reichte diese rechnung aus, und die Athener wären gänzlich unverständig gewesen, wenn sie nicht unter einem jahre eben dieses ideelle verstanden hätten. aber für die zeitbestimmung vergangener ereignisse ist nur ein reelles jahr brauch- bar. und in dem einen falle, wo Aristoteles ein solches datum zugleich nach dem ideellen monat und dem jahrpunkte bezeichnet, ist es ihm begegnet, daſs es absolut falsch ist, weil das von ihm durch den archon bezeichnete jahr zufällig ein schaltjahr war. 5) Dem verfasser der Politien, der die gesonderte überlieferung so vieler städte verarbeitete, die alle ihre eigenen jahre hatten, müſste frei- lich die aufgabe einer einheitlichen chronologie von selbst nahe getreten sein, auf die alle jene daten bezogen werden muſsten, um wirklich brauchbar zu werden; und da er die attischen jahre nicht weiter be- stimmt, so liegt es nahe, ihm zuzutrauen, daſs er, wenn er einmal ein argivisches oder epidaurisches datum hat verständlich machen wollen, es auf den attischen archon umgerechnet hat, also in der weise, wie es in der parischen chronik mit dem ausgangsjahre geschehen ist. ein aristo- telisches beispiel, gleichsetzung attischer und delphischer archonten, wird uns noch begegnen. 6) es mag an mir liegen, daſs mir kein zweites bekannt ist; aber eine verarbeitung der Politien zu einer geschichte ist ein gedanke, den Aristoteles niemals gefaſst hat, und daſs nicht er der vater der chronologie geworden ist, sondern erst sein gegner Timaios, is ja bekannt. immerhin ist es fraglich, ob die bevorzugung der Olym- piaden gegen die attischen archonten ein vorteil war, und so viel ist fest zu halten, daſs alle daten nach attischen archonten auf das vorurteil sowol des höheren alters wie der ganz besonderen zuverlässigkeit an- spruch haben. 5) ἐπὶ Εὐκλέους τοῦ Μόλωνος μηνὸς Γαμηλιῶνος πεϱὶ τϱοπὰς ὄοτος τοῦ ἡλίου χειμεϱινάς Meteorol. I 343b. der Gamelion des Eukles begann im februar vgl. Boeckh Mondcycl. 30. A. Mommsen Chronol. 387. die monatsbezeichnung ist nicht anders zu beurteilen als in den eben citirten stellen, nur hatte hier Aristoteles den monatsnamen überkommen und setzte die wintersonnenwende zu, weil er die ansicht bekämpft, daſs die kometen um die zeit der sommersonnenwende erschienen. davon daſs das ihm überlieferte datum metonisch gewesen wäre oder er nach dem metonischen kalender gerechnet hätte, kann für einen unbefangen die stellen nach- lesenden menschen keine rede sein, und es ist auch unbillig, ihn wegen dieses misgeschickes der nachlässigkeit zu zeihen. 6) Daſs er selbst diese ausgleichung bereits in seiner vorlage vorfand, wird freilich unten wahrscheinlich werden.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 1. Berlin, 1893, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles01_1893/19>, abgerufen am 20.08.2019.