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Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834.

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ist so weit aus dem Leben gerückt und das Leben
selbst äußert sich noch so glatt, schwach, dürftig
und widersprechend, daß es immer ein halbes Wun¬
der bleiben muß, wenn ein Voß, ein August Wolf
mitten aus philologischem Wuste sich erheben und
Funken poetischer Lebendigkeit ausströmen, die kein
Mensch vor ihnen dieser Wissenschaft zutraute.

Wären und würden nun solche Männer häu¬
fig und häufiger, entvölkerten sich die Schulämter
nach und nach von Leuten, die mit dem Alterthum
nicht blos ein Sylbenstechen halten, konjugiren
und dekliniren lehrten, sondern dessen Geist zu er¬
läutern und Jünglingen einzuflößen verständen, so
würde dies eine Reaktion auf die Universitäten
verursachen, welche sich auf alle die humanen und
inhumanen Studien erstrecken würde, die man her¬
kömmlich auf ihnen treibt, und es würden nicht allein
die sogenannten Brodstudien davon gut haben und
zu Geiststudien aufrücken und mit der Humanität
mehr Hand in Hand gehen, sondern auch selbst
die humaniora würden humaner werden und nicht
so leicht einer Geschichte und Philosophie nur
darum etwas studiren, weil etwas Kenntniß davon
im Examen verlangt wird, sondern aus innerm
Antrieb, aus reiner Bildungslust und mit der,
auf Schulen bereits erzielten Vorbereitung zum
würdigen Eintritt in diese höhern Gebiete der Wis¬

iſt ſo weit aus dem Leben geruͤckt und das Leben
ſelbſt aͤußert ſich noch ſo glatt, ſchwach, duͤrftig
und widerſprechend, daß es immer ein halbes Wun¬
der bleiben muß, wenn ein Voß, ein Auguſt Wolf
mitten aus philologiſchem Wuſte ſich erheben und
Funken poetiſcher Lebendigkeit ausſtroͤmen, die kein
Menſch vor ihnen dieſer Wiſſenſchaft zutraute.

Waͤren und wuͤrden nun ſolche Maͤnner haͤu¬
fig und haͤufiger, entvoͤlkerten ſich die Schulaͤmter
nach und nach von Leuten, die mit dem Alterthum
nicht blos ein Sylbenſtechen halten, konjugiren
und dekliniren lehrten, ſondern deſſen Geiſt zu er¬
laͤutern und Juͤnglingen einzufloͤßen verſtaͤnden, ſo
wuͤrde dies eine Reaktion auf die Univerſitaͤten
verurſachen, welche ſich auf alle die humanen und
inhumanen Studien erſtrecken wuͤrde, die man her¬
koͤmmlich auf ihnen treibt, und es wuͤrden nicht allein
die ſogenannten Brodſtudien davon gut haben und
zu Geiſtſtudien aufruͤcken und mit der Humanitaͤt
mehr Hand in Hand gehen, ſondern auch ſelbſt
die humaniora wuͤrden humaner werden und nicht
ſo leicht einer Geſchichte und Philoſophie nur
darum etwas ſtudiren, weil etwas Kenntniß davon
im Examen verlangt wird, ſondern aus innerm
Antrieb, aus reiner Bildungsluſt und mit der,
auf Schulen bereits erzielten Vorbereitung zum
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[55/0069] iſt ſo weit aus dem Leben geruͤckt und das Leben ſelbſt aͤußert ſich noch ſo glatt, ſchwach, duͤrftig und widerſprechend, daß es immer ein halbes Wun¬ der bleiben muß, wenn ein Voß, ein Auguſt Wolf mitten aus philologiſchem Wuſte ſich erheben und Funken poetiſcher Lebendigkeit ausſtroͤmen, die kein Menſch vor ihnen dieſer Wiſſenſchaft zutraute. Waͤren und wuͤrden nun ſolche Maͤnner haͤu¬ fig und haͤufiger, entvoͤlkerten ſich die Schulaͤmter nach und nach von Leuten, die mit dem Alterthum nicht blos ein Sylbenſtechen halten, konjugiren und dekliniren lehrten, ſondern deſſen Geiſt zu er¬ laͤutern und Juͤnglingen einzufloͤßen verſtaͤnden, ſo wuͤrde dies eine Reaktion auf die Univerſitaͤten verurſachen, welche ſich auf alle die humanen und inhumanen Studien erſtrecken wuͤrde, die man her¬ koͤmmlich auf ihnen treibt, und es wuͤrden nicht allein die ſogenannten Brodſtudien davon gut haben und zu Geiſtſtudien aufruͤcken und mit der Humanitaͤt mehr Hand in Hand gehen, ſondern auch ſelbſt die humaniora wuͤrden humaner werden und nicht ſo leicht einer Geſchichte und Philoſophie nur darum etwas ſtudiren, weil etwas Kenntniß davon im Examen verlangt wird, ſondern aus innerm Antrieb, aus reiner Bildungsluſt und mit der, auf Schulen bereits erzielten Vorbereitung zum wuͤrdigen Eintritt in dieſe hoͤhern Gebiete der Wiſ¬

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Zitationshilfe: Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834, S. 55. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834/69>, abgerufen am 22.11.2019.