Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

der andern Art bestehe. Vielleicht drückt man sich
darüber am Richtigsten aus, wenn man sagt, die
Kunst der Alten, das ist, die Klassik, habe darin
bestanden, daß sie jede Idee, die sie darstellen
wollten, sei's mit dem Meißel, am Stoff des
Marmors, sei's mit dem Griffel, am Stoff der
Sprache, daß sie jede darzustellende Idee, so voll¬
kommen an diesem Stoffe ausdrückten, daß nichts
mehr und nichts weniger, als eben die Idee selbst
sinnlich vor Augen trat; dagegen die Kunst der
Romantiker darin bestand und besteht, daß sie die
Idee im sinnlichen Stoff keineswegs vollkommen
erschöpften, sondern nur symbolisch an ihm dar¬
stellten, so daß man bei ihren Gebilden immer
etwas mehr hinzuzudenken habe, als man vor Au¬
gen sähe. Die Ursache war denn die, daß die
alten griechischen Künstler, nach ihren Begriffen
von sinnlicher Form und Schönheit, alle diejeni¬
gen Ideen zur Darstellung verschmähten und von
sich wiesen, welche sie nicht in feste Form voll¬
kommen einfassen konnten, die Künstler und Dich¬
ter des Mittelalters aber sich kein Bedenken dar¬
aus machten, das Höchste und Tiefste, was nur
die Menschenbrust fassen, aber kaum ein sterblicher
Mund aussprechen konnte, symbolisch in Formen
und Gestalten wenigstens anzudeuten. Daß uns

der andern Art beſtehe. Vielleicht druͤckt man ſich
daruͤber am Richtigſten aus, wenn man ſagt, die
Kunſt der Alten, das iſt, die Klaſſik, habe darin
beſtanden, daß ſie jede Idee, die ſie darſtellen
wollten, ſei's mit dem Meißel, am Stoff des
Marmors, ſei's mit dem Griffel, am Stoff der
Sprache, daß ſie jede darzuſtellende Idee, ſo voll¬
kommen an dieſem Stoffe ausdruͤckten, daß nichts
mehr und nichts weniger, als eben die Idee ſelbſt
ſinnlich vor Augen trat; dagegen die Kunſt der
Romantiker darin beſtand und beſteht, daß ſie die
Idee im ſinnlichen Stoff keineswegs vollkommen
erſchoͤpften, ſondern nur ſymboliſch an ihm dar¬
ſtellten, ſo daß man bei ihren Gebilden immer
etwas mehr hinzuzudenken habe, als man vor Au¬
gen ſaͤhe. Die Urſache war denn die, daß die
alten griechiſchen Kuͤnſtler, nach ihren Begriffen
von ſinnlicher Form und Schoͤnheit, alle diejeni¬
gen Ideen zur Darſtellung verſchmaͤhten und von
ſich wieſen, welche ſie nicht in feſte Form voll¬
kommen einfaſſen konnten, die Kuͤnſtler und Dich¬
ter des Mittelalters aber ſich kein Bedenken dar¬
aus machten, das Hoͤchſte und Tiefſte, was nur
die Menſchenbruſt faſſen, aber kaum ein ſterblicher
Mund ausſprechen konnte, ſymboliſch in Formen
und Geſtalten wenigſtens anzudeuten. Daß uns

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0038" n="24"/>
der andern Art be&#x017F;tehe. Vielleicht dru&#x0364;ckt man &#x017F;ich<lb/>
daru&#x0364;ber am Richtig&#x017F;ten aus, wenn man &#x017F;agt, die<lb/>
Kun&#x017F;t der Alten, das i&#x017F;t, die Kla&#x017F;&#x017F;ik, habe darin<lb/>
be&#x017F;tanden, daß &#x017F;ie jede Idee, die &#x017F;ie dar&#x017F;tellen<lb/>
wollten, &#x017F;ei's mit dem Meißel, am Stoff des<lb/>
Marmors, &#x017F;ei's mit dem Griffel, am Stoff der<lb/>
Sprache, daß &#x017F;ie jede darzu&#x017F;tellende Idee, &#x017F;o voll¬<lb/>
kommen an die&#x017F;em Stoffe ausdru&#x0364;ckten, daß nichts<lb/>
mehr und nichts weniger, als eben die Idee &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
&#x017F;innlich vor Augen trat; dagegen die Kun&#x017F;t der<lb/>
Romantiker darin be&#x017F;tand und be&#x017F;teht, daß &#x017F;ie die<lb/>
Idee im &#x017F;innlichen Stoff keineswegs vollkommen<lb/>
er&#x017F;cho&#x0364;pften, &#x017F;ondern nur &#x017F;ymboli&#x017F;ch an ihm dar¬<lb/>
&#x017F;tellten, &#x017F;o daß man bei ihren Gebilden immer<lb/>
etwas mehr hinzuzudenken habe, als man vor Au¬<lb/>
gen &#x017F;a&#x0364;he. Die Ur&#x017F;ache war denn die, daß die<lb/>
alten griechi&#x017F;chen Ku&#x0364;n&#x017F;tler, nach ihren Begriffen<lb/>
von &#x017F;innlicher Form und Scho&#x0364;nheit, alle diejeni¬<lb/>
gen Ideen zur Dar&#x017F;tellung ver&#x017F;chma&#x0364;hten und von<lb/>
&#x017F;ich wie&#x017F;en, welche &#x017F;ie nicht in fe&#x017F;te Form voll¬<lb/>
kommen einfa&#x017F;&#x017F;en konnten, die Ku&#x0364;n&#x017F;tler und Dich¬<lb/>
ter des Mittelalters aber &#x017F;ich kein Bedenken dar¬<lb/>
aus machten, das Ho&#x0364;ch&#x017F;te und Tief&#x017F;te, was nur<lb/>
die Men&#x017F;chenbru&#x017F;t fa&#x017F;&#x017F;en, aber kaum ein &#x017F;terblicher<lb/>
Mund aus&#x017F;prechen konnte, &#x017F;ymboli&#x017F;ch in Formen<lb/>
und Ge&#x017F;talten wenig&#x017F;tens anzudeuten. Daß uns<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[24/0038] der andern Art beſtehe. Vielleicht druͤckt man ſich daruͤber am Richtigſten aus, wenn man ſagt, die Kunſt der Alten, das iſt, die Klaſſik, habe darin beſtanden, daß ſie jede Idee, die ſie darſtellen wollten, ſei's mit dem Meißel, am Stoff des Marmors, ſei's mit dem Griffel, am Stoff der Sprache, daß ſie jede darzuſtellende Idee, ſo voll¬ kommen an dieſem Stoffe ausdruͤckten, daß nichts mehr und nichts weniger, als eben die Idee ſelbſt ſinnlich vor Augen trat; dagegen die Kunſt der Romantiker darin beſtand und beſteht, daß ſie die Idee im ſinnlichen Stoff keineswegs vollkommen erſchoͤpften, ſondern nur ſymboliſch an ihm dar¬ ſtellten, ſo daß man bei ihren Gebilden immer etwas mehr hinzuzudenken habe, als man vor Au¬ gen ſaͤhe. Die Urſache war denn die, daß die alten griechiſchen Kuͤnſtler, nach ihren Begriffen von ſinnlicher Form und Schoͤnheit, alle diejeni¬ gen Ideen zur Darſtellung verſchmaͤhten und von ſich wieſen, welche ſie nicht in feſte Form voll¬ kommen einfaſſen konnten, die Kuͤnſtler und Dich¬ ter des Mittelalters aber ſich kein Bedenken dar¬ aus machten, das Hoͤchſte und Tiefſte, was nur die Menſchenbruſt faſſen, aber kaum ein ſterblicher Mund ausſprechen konnte, ſymboliſch in Formen und Geſtalten wenigſtens anzudeuten. Daß uns

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834/38
Zitationshilfe: Wienbarg, Ludolf: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg, 1834, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/wienbarg_feldzuege_1834/38>, abgerufen am 17.09.2019.