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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,1. Reutlingen u. a., 1851.

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bereits zur Fülle seiner Einzelbilder ausgebreitet hat, blicken rückwärts
und verlangen, daß dieß ganze entfaltete Leben desselben überhaupt und
zunächst auch abgesehen von den Contrasten ein wohl eingeleitetes und
angelegtes sei. Die Saamenkörner sollen sichtbar sein, aus denen der
Baum mit seinen Aesten aufsteigt, der Sturm soll seine Sturmvögel vor-
ausschicken, das Einfache des Anfangs als fruchtbarer Keim erscheinen.
Man vergegenwärtige sich, wie im Bauwerk die Basis, die Säulen, das
erste Stockwerk auf die reiche Gliederung des Gebälks, den Schmuck des
Giebelfelds, den Glanz des mittleren Stockwerks, wie die Propyläen auf
den Parthenon, das gothische Portal auf die Herrlichkeit des Innern,
die viereckige Anlage im Thurm auf den Fortschritt zum Achteck, dieses
auf die zierliche Spitze, wie im Laokoon die beiden Söhne auf das Voll-
maaß des Leidens im Vater den aufsteigenden Blick vorbereiten, wie in
der Landschaft der Vordergrund dem Mittelgrund und dieser dem Hinter-
grunde denselben Dienst leistet, wie im historischen Gemälde die Situation
einer Gestalt auf die einer andern, die ganze Situation auf die des
Helden hinführt, wie im Musikwerke vordringende Tongruppen wieder-
kehrend, wachsend die Entfaltung aller Gewalten vorankündigen; die
bestimmteste Form jedoch wird dieß Compositionsgesetz in der Dichtkunst,
namentlich im Drama annehmen. Und so sollen auch die Contraste nicht
unvorbereitet sein, sondern organisch hervorwachsen. Der Moment des
Gegenstoßes darf freilich nicht abgeschwächt werden, (ähnlich wie im
Erhabenen und Komischen aus demselben Grunde Plötzlichkeit gefordert
wurde §. 86. 173.) aber er darf auch nicht aus den Wolken fallen;
die Erwartung schwächt ihn keineswegs ab, sie macht nur empfänglicher
für die Ueberraschung, welche, wohlbegründet, ein großes Kunstmittel,
unbegründet ein kindischer Effect ist. So treten in Romeo und Julie
höchste Lust und Todesschauer in vollen Contrast, aber diese sind in
jener und vor ihr längst in düsterer Ahnung vorbereitet; so klopft
jedem Zuschauer das Herz vor dem nahen Pfeilschuße des Tell auf
Geßler, ob wohl, ja gerade weil wir jenen lauernd im Hinter-
grunde wissen. -- Alle diese Bemerkungen führen aber auf einen
Begriff hin, in welchem sich das Gesetz der Vorbereitung näher bestimmt
und welcher in der Kunst von durchgreifender Wichtigkeit ist: den Begriff
der Motivirung.

2. Die Motivirung ist hinreichende Verbindung der Theile eines
ästhetischen Ganzen unter dem Gesichtspunkte der Causalität. Das Gesetz
der Motivirung ist die lex rationis sufficientis in der Kunst; diesen
bestimmteren Sinn nimmt jetzt der Begriff der Motivirung an. Zuerst
leuchtet nun der schon in §. 493, 1. (Anm.) berührte Unterschied des

bereits zur Fülle ſeiner Einzelbilder ausgebreitet hat, blicken rückwärts
und verlangen, daß dieß ganze entfaltete Leben deſſelben überhaupt und
zunächſt auch abgeſehen von den Contraſten ein wohl eingeleitetes und
angelegtes ſei. Die Saamenkörner ſollen ſichtbar ſein, aus denen der
Baum mit ſeinen Aeſten aufſteigt, der Sturm ſoll ſeine Sturmvögel vor-
ausſchicken, das Einfache des Anfangs als fruchtbarer Keim erſcheinen.
Man vergegenwärtige ſich, wie im Bauwerk die Baſis, die Säulen, das
erſte Stockwerk auf die reiche Gliederung des Gebälks, den Schmuck des
Giebelfelds, den Glanz des mittleren Stockwerks, wie die Propyläen auf
den Parthenon, das gothiſche Portal auf die Herrlichkeit des Innern,
die viereckige Anlage im Thurm auf den Fortſchritt zum Achteck, dieſes
auf die zierliche Spitze, wie im Laokoon die beiden Söhne auf das Voll-
maaß des Leidens im Vater den aufſteigenden Blick vorbereiten, wie in
der Landſchaft der Vordergrund dem Mittelgrund und dieſer dem Hinter-
grunde denſelben Dienſt leiſtet, wie im hiſtoriſchen Gemälde die Situation
einer Geſtalt auf die einer andern, die ganze Situation auf die des
Helden hinführt, wie im Muſikwerke vordringende Tongruppen wieder-
kehrend, wachſend die Entfaltung aller Gewalten vorankündigen; die
beſtimmteſte Form jedoch wird dieß Compoſitionsgeſetz in der Dichtkunſt,
namentlich im Drama annehmen. Und ſo ſollen auch die Contraſte nicht
unvorbereitet ſein, ſondern organiſch hervorwachſen. Der Moment des
Gegenſtoßes darf freilich nicht abgeſchwächt werden, (ähnlich wie im
Erhabenen und Komiſchen aus demſelben Grunde Plötzlichkeit gefordert
wurde §. 86. 173.) aber er darf auch nicht aus den Wolken fallen;
die Erwartung ſchwächt ihn keineswegs ab, ſie macht nur empfänglicher
für die Ueberraſchung, welche, wohlbegründet, ein großes Kunſtmittel,
unbegründet ein kindiſcher Effect iſt. So treten in Romeo und Julie
höchſte Luſt und Todesſchauer in vollen Contraſt, aber dieſe ſind in
jener und vor ihr längſt in düſterer Ahnung vorbereitet; ſo klopft
jedem Zuſchauer das Herz vor dem nahen Pfeilſchuße des Tell auf
Geßler, ob wohl, ja gerade weil wir jenen lauernd im Hinter-
grunde wiſſen. — Alle dieſe Bemerkungen führen aber auf einen
Begriff hin, in welchem ſich das Geſetz der Vorbereitung näher beſtimmt
und welcher in der Kunſt von durchgreifender Wichtigkeit iſt: den Begriff
der Motivirung.

2. Die Motivirung iſt hinreichende Verbindung der Theile eines
äſthetiſchen Ganzen unter dem Geſichtspunkte der Cauſalität. Das Geſetz
der Motivirung iſt die lex rationis sufficientis in der Kunſt; dieſen
beſtimmteren Sinn nimmt jetzt der Begriff der Motivirung an. Zuerſt
leuchtet nun der ſchon in §. 493, 1. (Anm.) berührte Unterſchied des

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[38/0050] bereits zur Fülle ſeiner Einzelbilder ausgebreitet hat, blicken rückwärts und verlangen, daß dieß ganze entfaltete Leben deſſelben überhaupt und zunächſt auch abgeſehen von den Contraſten ein wohl eingeleitetes und angelegtes ſei. Die Saamenkörner ſollen ſichtbar ſein, aus denen der Baum mit ſeinen Aeſten aufſteigt, der Sturm ſoll ſeine Sturmvögel vor- ausſchicken, das Einfache des Anfangs als fruchtbarer Keim erſcheinen. Man vergegenwärtige ſich, wie im Bauwerk die Baſis, die Säulen, das erſte Stockwerk auf die reiche Gliederung des Gebälks, den Schmuck des Giebelfelds, den Glanz des mittleren Stockwerks, wie die Propyläen auf den Parthenon, das gothiſche Portal auf die Herrlichkeit des Innern, die viereckige Anlage im Thurm auf den Fortſchritt zum Achteck, dieſes auf die zierliche Spitze, wie im Laokoon die beiden Söhne auf das Voll- maaß des Leidens im Vater den aufſteigenden Blick vorbereiten, wie in der Landſchaft der Vordergrund dem Mittelgrund und dieſer dem Hinter- grunde denſelben Dienſt leiſtet, wie im hiſtoriſchen Gemälde die Situation einer Geſtalt auf die einer andern, die ganze Situation auf die des Helden hinführt, wie im Muſikwerke vordringende Tongruppen wieder- kehrend, wachſend die Entfaltung aller Gewalten vorankündigen; die beſtimmteſte Form jedoch wird dieß Compoſitionsgeſetz in der Dichtkunſt, namentlich im Drama annehmen. Und ſo ſollen auch die Contraſte nicht unvorbereitet ſein, ſondern organiſch hervorwachſen. Der Moment des Gegenſtoßes darf freilich nicht abgeſchwächt werden, (ähnlich wie im Erhabenen und Komiſchen aus demſelben Grunde Plötzlichkeit gefordert wurde §. 86. 173.) aber er darf auch nicht aus den Wolken fallen; die Erwartung ſchwächt ihn keineswegs ab, ſie macht nur empfänglicher für die Ueberraſchung, welche, wohlbegründet, ein großes Kunſtmittel, unbegründet ein kindiſcher Effect iſt. So treten in Romeo und Julie höchſte Luſt und Todesſchauer in vollen Contraſt, aber dieſe ſind in jener und vor ihr längſt in düſterer Ahnung vorbereitet; ſo klopft jedem Zuſchauer das Herz vor dem nahen Pfeilſchuße des Tell auf Geßler, ob wohl, ja gerade weil wir jenen lauernd im Hinter- grunde wiſſen. — Alle dieſe Bemerkungen führen aber auf einen Begriff hin, in welchem ſich das Geſetz der Vorbereitung näher beſtimmt und welcher in der Kunſt von durchgreifender Wichtigkeit iſt: den Begriff der Motivirung. 2. Die Motivirung iſt hinreichende Verbindung der Theile eines äſthetiſchen Ganzen unter dem Geſichtspunkte der Cauſalität. Das Geſetz der Motivirung iſt die lex rationis sufficientis in der Kunſt; dieſen beſtimmteren Sinn nimmt jetzt der Begriff der Motivirung an. Zuerſt leuchtet nun der ſchon in §. 493, 1. (Anm.) berührte Unterſchied des

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,1. Reutlingen u. a., 1851, S. 38. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik0301_1851/50>, abgerufen am 26.05.2019.