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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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für einen stoffartigen Zweck gerathen. Er muß daher eine Form bilden, welche
zwar treffenden Gehalt hat, aber als Mittel für diesen eine Kraft in Bewe-
gung setzt, wodurch in erhöhter Weise die freie sinnliche Fülle des objectiv
Komischen wieder eintritt. Er bringt, um den Widerspruch in seinem Gegen-
stande aufzudecken, aus entlegener Sphäre eine zur Vorstellung umgesetzte sinnliche
Anschauung herbei, welche, indem sie durch Zweckwidrigkeit überrascht, zugleich
einen schlagenden Vergleichungspunkt darbietet. Dies ist der bildliche oder
vergleichende Witz. Die ungetheilte Einheit der Posse ist hiedurch aller-
dings nicht wieder gewonnen, denn das herbeigeholte Sinnliche dient doch nur
als unselbständiges Mittel für die treffende Spitze.

Das witzige Bild unterscheidet sich durchaus von der ernsten Ver-
gleichung. Wenn diese ein Bild für ein Geistiges aus der Natur nimmt,
so muß sie diese selbst als beseeltes Wesen darstellen; ob sie auch Geistiges
als Bild für Natur-Erscheinungen benützen dürfe, ist eine schwierige
Frage, von der hier nur so viel zu sagen ist, daß wenn es geschieht,
eigentlich das Verhältniß des Bildes sich unter der Hand umdreht und,
was zur Vergleichung dienen sollte, den Werth des Subjects erhält, dem
die Vergleichung dient. Das Bild des Witzes nun muß dagegen aus so
tiefer Sphäre gegriffen seyn, daß alle Mittelglieder, wodurch auch in
die Natur das Licht des Geistes sich fortsetzt, wegfallen und so das
Natürliche als ganz gemein erscheint, wie wenn in den Wolken des
Aristophanes das Gewitter (das dem Griechen eine höchste, göttliche
Erhabenheit war) ausführlich verglichen wird mit den Entwicklungen
eines Losbruchs in der menschlichen Verdauungswerkstätte: bis dahin
hatte der Grieche nie das Göttliche verfolgt. Der Witz allerdings kann
jedenfalls auch umgekehrt vergleichen durch Vergeistigung des Körper-
lichen; allein hier tritt dann unfehlbar jene Umdrehung ein. Beseele ich
z. B. ein Glied, wie Falstaff Bardolfs Nase, so wird diese so selbständig,
als wäre sie der geistige Mittelpunkt der Persönlichkeit; allein eben-
dadurch ist die Nase in Wahrheit um so niedriger gesetzt, indem zum
Bewußtseyn kommt, daß sie im Ganzen der persönlichen Erscheinung
eine Rolle spielt, die ihr nicht gebührt. Auch die unorganische und nur
vegetabilisch organische Natur kann der Witz beseelen; hier tritt ein,
was §. 157. 158, Anm. gesagt ist. Allein wenn ich z. B. von Fels und
Baum sage, sie schneiden Gesichter und dergl., so wird gelacht, weil
man fühlt, wie tief jene Naturdinge unter der geistigen Bildung des
menschlichen Angesichts stehen und man dennoch diese darin erblicken soll.

Vischer's Aesthetik. 1. Bd. 28

für einen ſtoffartigen Zweck gerathen. Er muß daher eine Form bilden, welche
zwar treffenden Gehalt hat, aber als Mittel für dieſen eine Kraft in Bewe-
gung ſetzt, wodurch in erhöhter Weiſe die freie ſinnliche Fülle des objectiv
Komiſchen wieder eintritt. Er bringt, um den Widerſpruch in ſeinem Gegen-
ſtande aufzudecken, aus entlegener Sphäre eine zur Vorſtellung umgeſetzte ſinnliche
Anſchauung herbei, welche, indem ſie durch Zweckwidrigkeit überraſcht, zugleich
einen ſchlagenden Vergleichungspunkt darbietet. Dies iſt der bildliche oder
vergleichende Witz. Die ungetheilte Einheit der Poſſe iſt hiedurch aller-
dings nicht wieder gewonnen, denn das herbeigeholte Sinnliche dient doch nur
als unſelbſtändiges Mittel für die treffende Spitze.

Das witzige Bild unterſcheidet ſich durchaus von der ernſten Ver-
gleichung. Wenn dieſe ein Bild für ein Geiſtiges aus der Natur nimmt,
ſo muß ſie dieſe ſelbſt als beſeeltes Weſen darſtellen; ob ſie auch Geiſtiges
als Bild für Natur-Erſcheinungen benützen dürfe, iſt eine ſchwierige
Frage, von der hier nur ſo viel zu ſagen iſt, daß wenn es geſchieht,
eigentlich das Verhältniß des Bildes ſich unter der Hand umdreht und,
was zur Vergleichung dienen ſollte, den Werth des Subjects erhält, dem
die Vergleichung dient. Das Bild des Witzes nun muß dagegen aus ſo
tiefer Sphäre gegriffen ſeyn, daß alle Mittelglieder, wodurch auch in
die Natur das Licht des Geiſtes ſich fortſetzt, wegfallen und ſo das
Natürliche als ganz gemein erſcheint, wie wenn in den Wolken des
Ariſtophanes das Gewitter (das dem Griechen eine höchſte, göttliche
Erhabenheit war) ausführlich verglichen wird mit den Entwicklungen
eines Losbruchs in der menſchlichen Verdauungswerkſtätte: bis dahin
hatte der Grieche nie das Göttliche verfolgt. Der Witz allerdings kann
jedenfalls auch umgekehrt vergleichen durch Vergeiſtigung des Körper-
lichen; allein hier tritt dann unfehlbar jene Umdrehung ein. Beſeele ich
z. B. ein Glied, wie Falſtaff Bardolfs Naſe, ſo wird dieſe ſo ſelbſtändig,
als wäre ſie der geiſtige Mittelpunkt der Perſönlichkeit; allein eben-
dadurch iſt die Naſe in Wahrheit um ſo niedriger geſetzt, indem zum
Bewußtſeyn kommt, daß ſie im Ganzen der perſönlichen Erſcheinung
eine Rolle ſpielt, die ihr nicht gebührt. Auch die unorganiſche und nur
vegetabiliſch organiſche Natur kann der Witz beſeelen; hier tritt ein,
was §. 157. 158, Anm. geſagt iſt. Allein wenn ich z. B. von Fels und
Baum ſage, ſie ſchneiden Geſichter und dergl., ſo wird gelacht, weil
man fühlt, wie tief jene Naturdinge unter der geiſtigen Bildung des
menſchlichen Angeſichts ſtehen und man dennoch dieſe darin erblicken ſoll.

Viſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 28
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[433/0447] für einen ſtoffartigen Zweck gerathen. Er muß daher eine Form bilden, welche zwar treffenden Gehalt hat, aber als Mittel für dieſen eine Kraft in Bewe- gung ſetzt, wodurch in erhöhter Weiſe die freie ſinnliche Fülle des objectiv Komiſchen wieder eintritt. Er bringt, um den Widerſpruch in ſeinem Gegen- ſtande aufzudecken, aus entlegener Sphäre eine zur Vorſtellung umgeſetzte ſinnliche Anſchauung herbei, welche, indem ſie durch Zweckwidrigkeit überraſcht, zugleich einen ſchlagenden Vergleichungspunkt darbietet. Dies iſt der bildliche oder vergleichende Witz. Die ungetheilte Einheit der Poſſe iſt hiedurch aller- dings nicht wieder gewonnen, denn das herbeigeholte Sinnliche dient doch nur als unſelbſtändiges Mittel für die treffende Spitze. Das witzige Bild unterſcheidet ſich durchaus von der ernſten Ver- gleichung. Wenn dieſe ein Bild für ein Geiſtiges aus der Natur nimmt, ſo muß ſie dieſe ſelbſt als beſeeltes Weſen darſtellen; ob ſie auch Geiſtiges als Bild für Natur-Erſcheinungen benützen dürfe, iſt eine ſchwierige Frage, von der hier nur ſo viel zu ſagen iſt, daß wenn es geſchieht, eigentlich das Verhältniß des Bildes ſich unter der Hand umdreht und, was zur Vergleichung dienen ſollte, den Werth des Subjects erhält, dem die Vergleichung dient. Das Bild des Witzes nun muß dagegen aus ſo tiefer Sphäre gegriffen ſeyn, daß alle Mittelglieder, wodurch auch in die Natur das Licht des Geiſtes ſich fortſetzt, wegfallen und ſo das Natürliche als ganz gemein erſcheint, wie wenn in den Wolken des Ariſtophanes das Gewitter (das dem Griechen eine höchſte, göttliche Erhabenheit war) ausführlich verglichen wird mit den Entwicklungen eines Losbruchs in der menſchlichen Verdauungswerkſtätte: bis dahin hatte der Grieche nie das Göttliche verfolgt. Der Witz allerdings kann jedenfalls auch umgekehrt vergleichen durch Vergeiſtigung des Körper- lichen; allein hier tritt dann unfehlbar jene Umdrehung ein. Beſeele ich z. B. ein Glied, wie Falſtaff Bardolfs Naſe, ſo wird dieſe ſo ſelbſtändig, als wäre ſie der geiſtige Mittelpunkt der Perſönlichkeit; allein eben- dadurch iſt die Naſe in Wahrheit um ſo niedriger geſetzt, indem zum Bewußtſeyn kommt, daß ſie im Ganzen der perſönlichen Erſcheinung eine Rolle ſpielt, die ihr nicht gebührt. Auch die unorganiſche und nur vegetabiliſch organiſche Natur kann der Witz beſeelen; hier tritt ein, was §. 157. 158, Anm. geſagt iſt. Allein wenn ich z. B. von Fels und Baum ſage, ſie ſchneiden Geſichter und dergl., ſo wird gelacht, weil man fühlt, wie tief jene Naturdinge unter der geiſtigen Bildung des menſchlichen Angeſichts ſtehen und man dennoch dieſe darin erblicken ſoll. Viſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 28

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 433. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/447>, abgerufen am 13.08.2020.