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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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Scheine der Ungleichheit gänzliche Gleichheit finde, zu unterscheiden. Zunächst
hätte J. Paul bemerken sollen, daß der Scharfsinn und Tiefsinn hier nur
ganz beiläufig als Hülfen zur näheren Begrenzung des Begriffes anzuführen
sind, indem das, was im Witz allein ästhetisch ist und was ihn von
diesen völlig trennt, ihm selbst nicht verborgen blieb: daß nämlich der
Witz "allein erfindet und zwar unvermittelt." Das Unmethodische, rich-
tiger die ausdrückliche Opposition gegen das methodische Denken, welche
in dem Fluge zu einer völlig entlegenen Vorstellung liegt, deren Herbei-
Bringung zuerst als volle Zweckwidrigkeit erscheint: dies macht den Witz
zu einer ästhetischen Kraft im Gebiete des Komischen. Es sey ein
Instinct der Natur, sagt er selbst, was die Aehnlichkeit zwischen zwei
incommensurabeln Größen auffinde: darum liege sie offener und stets
auf einmal da; das witzige Verhältniß werde angeschaut, während der
Scharfsinn durch eine lange Reihe von Begriffen das Licht trage, das
bei dem Witze aus der Wolke selber fahre u. s. w. Was nun aber das
Vergleichen betrifft, so ist allerdings auch dieser Ausdruck nicht zweckmäßig,
nur darf man ihn nicht um den leichten Preis verwerfen, daß man
das Verfahren des Witzes, die Form seines Prozesses, gar nicht
näher analysirt, sondern unmittelbar blos auf seinen letzten Sinn, die
Herstellung des freien Geistes aus dem getrübten, losgeht, wie Ruge,
der auch hierin ethisirt (a. a. O. 149--151 u. and.). Das Mangel-
hafte der Erklärung des Witzes aus einem Vergleichen zeigt sich am
deutlichsten, wenn man die Art des Witzes, die geradezu ein Vergleichen
scheint, näher betrachtet: den bildlichen. Auch dieser ist gerade dann
erst geistreich, wenn er den Schein erzeugt, als vergleiche er nicht nur,
sondern setze identisch. Wenn z. B. der Volkswitz sagt: der Kerl trinkt
Wasser, daß ihm die Gänse nachlaufen. Warum? Weil ihm Brunnen-
kresse hinten auswächst: so ist das Witzige ebendies, daß man sich den
so ins vegetabilische Reich verpflanzten Mann selbst in diesem Zustande
denken soll, ihn nicht etwa blos mit einem grünenden Brunnen oder
Bach vergleicht. Im unbildlichen Witze aber ist auch nicht einmal
Ansatz zu einer Vergleichung; z. B. wenn Talleyrand sagt, die Sprache
sey erfunden, um die Gedanken zu verbergen, so wird in eine Absicht
das Gegentheil des Beabsichtigten hineingeschoben und ist hier von keiner
Vergleichung die Rede. Statt: unähnlich oder ungleich sagt daher der
§. entfernt, fremd; statt ähnlich oder gleich: es wird der Schein einer
Einheit erzeugt. Die Pointe des Witzes nun ist der Moment, wo zu-
gleich die ganze Spannung der abstoßenden Fremdartigkeit des herbei-

Scheine der Ungleichheit gänzliche Gleichheit finde, zu unterſcheiden. Zunächſt
hätte J. Paul bemerken ſollen, daß der Scharfſinn und Tiefſinn hier nur
ganz beiläufig als Hülfen zur näheren Begrenzung des Begriffes anzuführen
ſind, indem das, was im Witz allein äſthetiſch iſt und was ihn von
dieſen völlig trennt, ihm ſelbſt nicht verborgen blieb: daß nämlich der
Witz „allein erfindet und zwar unvermittelt.“ Das Unmethodiſche, rich-
tiger die ausdrückliche Oppoſition gegen das methodiſche Denken, welche
in dem Fluge zu einer völlig entlegenen Vorſtellung liegt, deren Herbei-
Bringung zuerſt als volle Zweckwidrigkeit erſcheint: dies macht den Witz
zu einer äſthetiſchen Kraft im Gebiete des Komiſchen. Es ſey ein
Inſtinct der Natur, ſagt er ſelbſt, was die Aehnlichkeit zwiſchen zwei
incommenſurabeln Größen auffinde: darum liege ſie offener und ſtets
auf einmal da; das witzige Verhältniß werde angeſchaut, während der
Scharfſinn durch eine lange Reihe von Begriffen das Licht trage, das
bei dem Witze aus der Wolke ſelber fahre u. ſ. w. Was nun aber das
Vergleichen betrifft, ſo iſt allerdings auch dieſer Ausdruck nicht zweckmäßig,
nur darf man ihn nicht um den leichten Preis verwerfen, daß man
das Verfahren des Witzes, die Form ſeines Prozeſſes, gar nicht
näher analyſirt, ſondern unmittelbar blos auf ſeinen letzten Sinn, die
Herſtellung des freien Geiſtes aus dem getrübten, losgeht, wie Ruge,
der auch hierin ethiſirt (a. a. O. 149—151 u. and.). Das Mangel-
hafte der Erklärung des Witzes aus einem Vergleichen zeigt ſich am
deutlichſten, wenn man die Art des Witzes, die geradezu ein Vergleichen
ſcheint, näher betrachtet: den bildlichen. Auch dieſer iſt gerade dann
erſt geiſtreich, wenn er den Schein erzeugt, als vergleiche er nicht nur,
ſondern ſetze identiſch. Wenn z. B. der Volkswitz ſagt: der Kerl trinkt
Waſſer, daß ihm die Gänſe nachlaufen. Warum? Weil ihm Brunnen-
kreſſe hinten auswächst: ſo iſt das Witzige ebendies, daß man ſich den
ſo ins vegetabiliſche Reich verpflanzten Mann ſelbſt in dieſem Zuſtande
denken ſoll, ihn nicht etwa blos mit einem grünenden Brunnen oder
Bach vergleicht. Im unbildlichen Witze aber iſt auch nicht einmal
Anſatz zu einer Vergleichung; z. B. wenn Talleyrand ſagt, die Sprache
ſey erfunden, um die Gedanken zu verbergen, ſo wird in eine Abſicht
das Gegentheil des Beabſichtigten hineingeſchoben und iſt hier von keiner
Vergleichung die Rede. Statt: unähnlich oder ungleich ſagt daher der
§. entfernt, fremd; ſtatt ähnlich oder gleich: es wird der Schein einer
Einheit erzeugt. Die Pointe des Witzes nun iſt der Moment, wo zu-
gleich die ganze Spannung der abſtoßenden Fremdartigkeit des herbei-

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[421/0435] Scheine der Ungleichheit gänzliche Gleichheit finde, zu unterſcheiden. Zunächſt hätte J. Paul bemerken ſollen, daß der Scharfſinn und Tiefſinn hier nur ganz beiläufig als Hülfen zur näheren Begrenzung des Begriffes anzuführen ſind, indem das, was im Witz allein äſthetiſch iſt und was ihn von dieſen völlig trennt, ihm ſelbſt nicht verborgen blieb: daß nämlich der Witz „allein erfindet und zwar unvermittelt.“ Das Unmethodiſche, rich- tiger die ausdrückliche Oppoſition gegen das methodiſche Denken, welche in dem Fluge zu einer völlig entlegenen Vorſtellung liegt, deren Herbei- Bringung zuerſt als volle Zweckwidrigkeit erſcheint: dies macht den Witz zu einer äſthetiſchen Kraft im Gebiete des Komiſchen. Es ſey ein Inſtinct der Natur, ſagt er ſelbſt, was die Aehnlichkeit zwiſchen zwei incommenſurabeln Größen auffinde: darum liege ſie offener und ſtets auf einmal da; das witzige Verhältniß werde angeſchaut, während der Scharfſinn durch eine lange Reihe von Begriffen das Licht trage, das bei dem Witze aus der Wolke ſelber fahre u. ſ. w. Was nun aber das Vergleichen betrifft, ſo iſt allerdings auch dieſer Ausdruck nicht zweckmäßig, nur darf man ihn nicht um den leichten Preis verwerfen, daß man das Verfahren des Witzes, die Form ſeines Prozeſſes, gar nicht näher analyſirt, ſondern unmittelbar blos auf ſeinen letzten Sinn, die Herſtellung des freien Geiſtes aus dem getrübten, losgeht, wie Ruge, der auch hierin ethiſirt (a. a. O. 149—151 u. and.). Das Mangel- hafte der Erklärung des Witzes aus einem Vergleichen zeigt ſich am deutlichſten, wenn man die Art des Witzes, die geradezu ein Vergleichen ſcheint, näher betrachtet: den bildlichen. Auch dieſer iſt gerade dann erſt geiſtreich, wenn er den Schein erzeugt, als vergleiche er nicht nur, ſondern ſetze identiſch. Wenn z. B. der Volkswitz ſagt: der Kerl trinkt Waſſer, daß ihm die Gänſe nachlaufen. Warum? Weil ihm Brunnen- kreſſe hinten auswächst: ſo iſt das Witzige ebendies, daß man ſich den ſo ins vegetabiliſche Reich verpflanzten Mann ſelbſt in dieſem Zuſtande denken ſoll, ihn nicht etwa blos mit einem grünenden Brunnen oder Bach vergleicht. Im unbildlichen Witze aber iſt auch nicht einmal Anſatz zu einer Vergleichung; z. B. wenn Talleyrand ſagt, die Sprache ſey erfunden, um die Gedanken zu verbergen, ſo wird in eine Abſicht das Gegentheil des Beabſichtigten hineingeſchoben und iſt hier von keiner Vergleichung die Rede. Statt: unähnlich oder ungleich ſagt daher der §. entfernt, fremd; ſtatt ähnlich oder gleich: es wird der Schein einer Einheit erzeugt. Die Pointe des Witzes nun iſt der Moment, wo zu- gleich die ganze Spannung der abſtoßenden Fremdartigkeit des herbei-

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 421. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/435>, abgerufen am 08.08.2020.