Am Dienstag, dem 19. November 2019, finden von 9 bis 14 Uhr Wartungsarbeiten an unseren Servern statt. Bitte beachten Sie, dass die DTA-Seiten in dieser Zeit nicht erreichbar sein werden.
Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

Jean Paul (Vorsch. d. Aesth. Thl. 1, §. 58) noch einmal gethan hat,
nachdem schon durch Lessing, ja durch Aristoteles die Verhandlung
über diese leicht zu lösende Frage als beendigt betrachtet werden konnte.
Er führt neben Epaminondas, Sokrates, Jesus vorzüglich weibliche
Charaktere an, die Töchter des Oedipus, Göthes Iphigenie und Leonore
u. s. w. Er vergißt, daß der Mann immer nur ein bestimmtes Pathos
zu dem seinigen machen kann und schon dadurch schuldig wird, daß das
Weib schon durch sein Geschlecht auf bestimmte Tugenden beschränkt ist.
Jesus ist nicht zu erwähnen; denn die religiöse Vorstellung hat ihn freilich
zu dem absoluten Widerspruch erhoben, Absolutes und Subject zugleich
zu seyn, aber es braucht keines Beweises, daß dieser Widerspruch, der
als Existenz undenkbar ist, auch die ästhetische Darstellung ausschließt,
denn was nicht seyn kann, ist auch nicht darzustellen. Jean
Paul
kannte die Wahrheit nicht: determinatio est negatio. Er kannte
ebendarum das Tragische nicht, und dies lag in der ganzen subjectiven
Reflexionsweise der Zeit, wie man auch aus Schillers Behauptung sieht,
daß der wahrhaft tragische Held unschuldig seyn müsse. Schiller hat
(vergl. §. 112, Anm.) überhaupt in seinen beiden Abhandlungen: Ueber
den Grund des Vermögens an trag. Gegenständen, und: Ueber die
tragische Kunst in der Meinung, das Tragische zu erörtern, nur das
negativ Pathetische, eine Form des subjectiv Erhabenen, dargestellt.
Es gilt aber nicht nur von der Tragödie als Kunstform, sondern von
allem Tragischen, wenn Aristoteles (Poetik 6) sagt, jene sey nicht
eine Darstellung von Menschen, sondern von Handlungen, von Leben,
Glück und Unglück. Er drückt dies in seiner Weise realistisch aus, wo
wir sagen würden: das subjectiv Erhabene ist ein verschwindendes
Moment in der Bewegung des Tragischen. Schillern folgte Wilhelm
Schlegel
(Vorles. über dramat. Kunst und Liter. 3. Vorles.), der zwar
auch eine höhere Ordnung erwähnt, die sich im Gang der Begebenheiten
geheimnißvoll offenbare, dann aber ganz die Schiller'sche Begriffs-
bestimmung aufnimmt, wonach im Tragischen die sittliche Freiheit sich
im Widerstreit mit den sinnlichen Trieben bewährt. Was nun die Triebe
feindlich berührt, nannte man als Ausfluß des unvermeidlichen Natur-
gesetzes Nothwendigkeit und schlug sich so mit den Begriffen der Freiheit
und Nothwendigkeit im Trüben umher, bis Solger Licht brachte. Vergl.
die Schrift des Verf. über das Erhabene und Komische S. 87 -- 89
und Solgers Kritik von W. Schlegels ebengenannten Vorles. Nachgel.
Werke B. 2.


18*

Jean Paul (Vorſch. d. Aeſth. Thl. 1, §. 58) noch einmal gethan hat,
nachdem ſchon durch Leſſing, ja durch Ariſtoteles die Verhandlung
über dieſe leicht zu löſende Frage als beendigt betrachtet werden konnte.
Er führt neben Epaminondas, Sokrates, Jeſus vorzüglich weibliche
Charaktere an, die Töchter des Oedipus, Göthes Iphigenie und Leonore
u. ſ. w. Er vergißt, daß der Mann immer nur ein beſtimmtes Pathos
zu dem ſeinigen machen kann und ſchon dadurch ſchuldig wird, daß das
Weib ſchon durch ſein Geſchlecht auf beſtimmte Tugenden beſchränkt iſt.
Jeſus iſt nicht zu erwähnen; denn die religiöſe Vorſtellung hat ihn freilich
zu dem abſoluten Widerſpruch erhoben, Abſolutes und Subject zugleich
zu ſeyn, aber es braucht keines Beweiſes, daß dieſer Widerſpruch, der
als Exiſtenz undenkbar iſt, auch die äſthetiſche Darſtellung ausſchließt,
denn was nicht ſeyn kann, iſt auch nicht darzuſtellen. Jean
Paul
kannte die Wahrheit nicht: determinatio est negatio. Er kannte
ebendarum das Tragiſche nicht, und dies lag in der ganzen ſubjectiven
Reflexionsweiſe der Zeit, wie man auch aus Schillers Behauptung ſieht,
daß der wahrhaft tragiſche Held unſchuldig ſeyn müſſe. Schiller hat
(vergl. §. 112, Anm.) überhaupt in ſeinen beiden Abhandlungen: Ueber
den Grund des Vermögens an trag. Gegenſtänden, und: Ueber die
tragiſche Kunſt in der Meinung, das Tragiſche zu erörtern, nur das
negativ Pathetiſche, eine Form des ſubjectiv Erhabenen, dargeſtellt.
Es gilt aber nicht nur von der Tragödie als Kunſtform, ſondern von
allem Tragiſchen, wenn Ariſtoteles (Poetik 6) ſagt, jene ſey nicht
eine Darſtellung von Menſchen, ſondern von Handlungen, von Leben,
Glück und Unglück. Er drückt dies in ſeiner Weiſe realiſtiſch aus, wo
wir ſagen würden: das ſubjectiv Erhabene iſt ein verſchwindendes
Moment in der Bewegung des Tragiſchen. Schillern folgte Wilhelm
Schlegel
(Vorleſ. über dramat. Kunſt und Liter. 3. Vorleſ.), der zwar
auch eine höhere Ordnung erwähnt, die ſich im Gang der Begebenheiten
geheimnißvoll offenbare, dann aber ganz die Schiller’ſche Begriffs-
beſtimmung aufnimmt, wonach im Tragiſchen die ſittliche Freiheit ſich
im Widerſtreit mit den ſinnlichen Trieben bewährt. Was nun die Triebe
feindlich berührt, nannte man als Ausfluß des unvermeidlichen Natur-
geſetzes Nothwendigkeit und ſchlug ſich ſo mit den Begriffen der Freiheit
und Nothwendigkeit im Trüben umher, bis Solger Licht brachte. Vergl.
die Schrift des Verf. über das Erhabene und Komiſche S. 87 — 89
und Solgers Kritik von W. Schlegels ebengenannten Vorleſ. Nachgel.
Werke B. 2.


18*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <div n="6">
                  <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0289" n="275"/><hi rendition="#g">Jean Paul</hi> (Vor&#x017F;ch. d. Ae&#x017F;th. Thl. 1, §. 58) noch einmal gethan hat,<lb/>
nachdem &#x017F;chon durch <hi rendition="#g">Le&#x017F;&#x017F;ing</hi>, ja durch <hi rendition="#g">Ari&#x017F;toteles</hi> die Verhandlung<lb/>
über die&#x017F;e leicht zu lö&#x017F;ende Frage als beendigt betrachtet werden konnte.<lb/>
Er führt neben Epaminondas, Sokrates, Je&#x017F;us vorzüglich weibliche<lb/>
Charaktere an, die Töchter des Oedipus, <hi rendition="#g">Göthes</hi> Iphigenie und Leonore<lb/>
u. &#x017F;. w. Er vergißt, daß der Mann immer nur ein be&#x017F;timmtes Pathos<lb/>
zu dem &#x017F;einigen machen kann und &#x017F;chon dadurch &#x017F;chuldig wird, daß das<lb/>
Weib &#x017F;chon durch &#x017F;ein Ge&#x017F;chlecht auf be&#x017F;timmte Tugenden be&#x017F;chränkt i&#x017F;t.<lb/>
Je&#x017F;us i&#x017F;t nicht zu erwähnen; denn die religiö&#x017F;e Vor&#x017F;tellung hat ihn freilich<lb/>
zu dem ab&#x017F;oluten Wider&#x017F;pruch erhoben, Ab&#x017F;olutes und Subject zugleich<lb/>
zu &#x017F;eyn, aber es braucht keines Bewei&#x017F;es, daß die&#x017F;er Wider&#x017F;pruch, der<lb/>
als Exi&#x017F;tenz undenkbar i&#x017F;t, auch die ä&#x017F;theti&#x017F;che Dar&#x017F;tellung aus&#x017F;chließt,<lb/><hi rendition="#g">denn was nicht &#x017F;eyn kann</hi>, i&#x017F;t <hi rendition="#g">auch nicht darzu&#x017F;tellen. Jean<lb/>
Paul</hi> kannte die Wahrheit nicht: <hi rendition="#aq">determinatio est negatio.</hi> Er kannte<lb/>
ebendarum das Tragi&#x017F;che nicht, und dies lag in der ganzen &#x017F;ubjectiven<lb/>
Reflexionswei&#x017F;e der Zeit, wie man auch aus <hi rendition="#g">Schillers</hi> Behauptung &#x017F;ieht,<lb/>
daß der wahrhaft tragi&#x017F;che Held un&#x017F;chuldig &#x017F;eyn mü&#x017F;&#x017F;e. <hi rendition="#g">Schiller</hi> hat<lb/>
(vergl. §. 112, Anm.) überhaupt in &#x017F;einen beiden Abhandlungen: Ueber<lb/>
den Grund des Vermögens an trag. Gegen&#x017F;tänden, und: Ueber die<lb/>
tragi&#x017F;che Kun&#x017F;t in der Meinung, das Tragi&#x017F;che zu erörtern, nur das<lb/>
negativ Patheti&#x017F;che, eine Form des &#x017F;ubjectiv Erhabenen, darge&#x017F;tellt.<lb/>
Es gilt aber nicht nur von der Tragödie als Kun&#x017F;tform, &#x017F;ondern von<lb/>
allem Tragi&#x017F;chen, wenn <hi rendition="#g">Ari&#x017F;toteles</hi> (Poetik 6) &#x017F;agt, jene &#x017F;ey nicht<lb/>
eine Dar&#x017F;tellung von Men&#x017F;chen, &#x017F;ondern von Handlungen, von Leben,<lb/>
Glück und Unglück. Er drückt dies in &#x017F;einer Wei&#x017F;e reali&#x017F;ti&#x017F;ch aus, wo<lb/>
wir &#x017F;agen würden: das &#x017F;ubjectiv Erhabene i&#x017F;t ein ver&#x017F;chwindendes<lb/>
Moment in der Bewegung des Tragi&#x017F;chen. <hi rendition="#g">Schillern</hi> folgte <hi rendition="#g">Wilhelm<lb/>
Schlegel</hi> (Vorle&#x017F;. über dramat. Kun&#x017F;t und Liter. 3. Vorle&#x017F;.), der zwar<lb/>
auch eine höhere Ordnung erwähnt, die &#x017F;ich im Gang der Begebenheiten<lb/>
geheimnißvoll offenbare, dann aber ganz die <hi rendition="#g">Schiller</hi>&#x2019;&#x017F;che Begriffs-<lb/>
be&#x017F;timmung aufnimmt, wonach im Tragi&#x017F;chen die &#x017F;ittliche Freiheit &#x017F;ich<lb/>
im Wider&#x017F;treit mit den &#x017F;innlichen Trieben bewährt. Was nun die Triebe<lb/>
feindlich berührt, nannte man als Ausfluß des unvermeidlichen Natur-<lb/>
ge&#x017F;etzes Nothwendigkeit und &#x017F;chlug &#x017F;ich &#x017F;o mit den Begriffen der Freiheit<lb/>
und Nothwendigkeit im Trüben umher, bis <hi rendition="#g">Solger</hi> Licht brachte. Vergl.<lb/>
die Schrift des Verf. über das Erhabene und Komi&#x017F;che S. 87 &#x2014; 89<lb/>
und <hi rendition="#g">Solgers</hi> Kritik von W. <hi rendition="#g">Schlegels</hi> ebengenannten Vorle&#x017F;. Nachgel.<lb/>
Werke B. 2.</hi> </p><lb/>
                  <fw place="bottom" type="sig">18*</fw><lb/>
                </div>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[275/0289] Jean Paul (Vorſch. d. Aeſth. Thl. 1, §. 58) noch einmal gethan hat, nachdem ſchon durch Leſſing, ja durch Ariſtoteles die Verhandlung über dieſe leicht zu löſende Frage als beendigt betrachtet werden konnte. Er führt neben Epaminondas, Sokrates, Jeſus vorzüglich weibliche Charaktere an, die Töchter des Oedipus, Göthes Iphigenie und Leonore u. ſ. w. Er vergißt, daß der Mann immer nur ein beſtimmtes Pathos zu dem ſeinigen machen kann und ſchon dadurch ſchuldig wird, daß das Weib ſchon durch ſein Geſchlecht auf beſtimmte Tugenden beſchränkt iſt. Jeſus iſt nicht zu erwähnen; denn die religiöſe Vorſtellung hat ihn freilich zu dem abſoluten Widerſpruch erhoben, Abſolutes und Subject zugleich zu ſeyn, aber es braucht keines Beweiſes, daß dieſer Widerſpruch, der als Exiſtenz undenkbar iſt, auch die äſthetiſche Darſtellung ausſchließt, denn was nicht ſeyn kann, iſt auch nicht darzuſtellen. Jean Paul kannte die Wahrheit nicht: determinatio est negatio. Er kannte ebendarum das Tragiſche nicht, und dies lag in der ganzen ſubjectiven Reflexionsweiſe der Zeit, wie man auch aus Schillers Behauptung ſieht, daß der wahrhaft tragiſche Held unſchuldig ſeyn müſſe. Schiller hat (vergl. §. 112, Anm.) überhaupt in ſeinen beiden Abhandlungen: Ueber den Grund des Vermögens an trag. Gegenſtänden, und: Ueber die tragiſche Kunſt in der Meinung, das Tragiſche zu erörtern, nur das negativ Pathetiſche, eine Form des ſubjectiv Erhabenen, dargeſtellt. Es gilt aber nicht nur von der Tragödie als Kunſtform, ſondern von allem Tragiſchen, wenn Ariſtoteles (Poetik 6) ſagt, jene ſey nicht eine Darſtellung von Menſchen, ſondern von Handlungen, von Leben, Glück und Unglück. Er drückt dies in ſeiner Weiſe realiſtiſch aus, wo wir ſagen würden: das ſubjectiv Erhabene iſt ein verſchwindendes Moment in der Bewegung des Tragiſchen. Schillern folgte Wilhelm Schlegel (Vorleſ. über dramat. Kunſt und Liter. 3. Vorleſ.), der zwar auch eine höhere Ordnung erwähnt, die ſich im Gang der Begebenheiten geheimnißvoll offenbare, dann aber ganz die Schiller’ſche Begriffs- beſtimmung aufnimmt, wonach im Tragiſchen die ſittliche Freiheit ſich im Widerſtreit mit den ſinnlichen Trieben bewährt. Was nun die Triebe feindlich berührt, nannte man als Ausfluß des unvermeidlichen Natur- geſetzes Nothwendigkeit und ſchlug ſich ſo mit den Begriffen der Freiheit und Nothwendigkeit im Trüben umher, bis Solger Licht brachte. Vergl. die Schrift des Verf. über das Erhabene und Komiſche S. 87 — 89 und Solgers Kritik von W. Schlegels ebengenannten Vorleſ. Nachgel. Werke B. 2. 18*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/289
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 275. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/289>, abgerufen am 14.11.2019.