Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

kommt, sonst wäre diese ganze Form des Erhabenen sogleich ganz aufgehoben:
es ist eine Angst, ein Schwindel, -- "wie ein Traum, daß Einer einen
langen Gang immer weiter und unabsehbar weiter fortgehe, mit Fallen
oder mit Schwindel endet" (Kant).


"Ich häufe ungeheure Zahlen,
Gebirge Millionen auf,
Ich wälze Zeit auf Zeit und Welt auf Welten hin:
Und wann ich auf der Mark des Endlichen nun bin
Und von der grausen Höhe
Mit Schwindeln wieder nach dir sehe,
Ist alle Macht der Zahl, vermehrt mit tausend Malen,
Noch nicht ein Theil von dir;
Ich zieh sie ab, und du liegst ganz vor mir.

(Haller, Hymne über die Ewigkeit).

2. Es versteht sich, daß es keine absolute Leere gibt: dem Versuche,
sie vorzustellen, liegt vielmehr die logische Aufhebung der Kategorie des
Raums zu Grunde. Allerdings führt aber ebendarum die relative Leere
irgend eines bestimmten Ortes, wie solche zunächst durch die ästhetische
Bedingung gefordert ist, in dem Gefühle, das sie erregt, über das
Raumgefühl eigentlich hinaus. Je nach der ästhetischen Bestimmtheit des
besonderen Falls wird nämlich das Gefühl, das die Leere erregt, ein
verschiedenes seyn. Ist der Raum öde und unbewohnt, oder erscheint ein
sonst bewohnter Raum nicht nur von demjenigen entblöst, was an Be-
wohner erinnert, sondern noch insbesondere in Dunkel gehüllt, so wird
zunächst eine Wirkung eintreten, welche vergleichungsweise positiv heißen
kann. Aus dem dunkeln Schooße des in's Unendliche zerfließenden be-
stimmten Raumes fürchten wir, entsprechend dem im Raumbegriffe liegenden
Widerspruch, ein Unbekanntes aufsteigen zu sehen, das dem Raume an-
gehört und doch nicht; die Vorstellung wird geisterhaft. Dagegen Räume,
welche in ihrer Leere noch deutlich und durch eine Fülle gebrauchter
Gegenstände an die Bewohner erinnern, wie z. B. Pompeji, wirken
mild elegisch und das Raumgefühl geht schon in das Zeitgefühl über. Der
Lebendige tritt in den Raum, der aussieht, als wäre er gestern verlassen:
die Geschlechter wechseln, die den Raum füllen, also ist die Bedingung
des Raums, die Körperwelt vergänglich, und ebenhiedurch der Raum als
ein aufgehobenes Moment in der Empfindungsweise bestimmt.


kommt, ſonſt wäre dieſe ganze Form des Erhabenen ſogleich ganz aufgehoben:
es iſt eine Angſt, ein Schwindel, — „wie ein Traum, daß Einer einen
langen Gang immer weiter und unabſehbar weiter fortgehe, mit Fallen
oder mit Schwindel endet“ (Kant).


„Ich häufe ungeheure Zahlen,
Gebirge Millionen auf,
Ich wälze Zeit auf Zeit und Welt auf Welten hin:
Und wann ich auf der Mark des Endlichen nun bin
Und von der grauſen Höhe
Mit Schwindeln wieder nach dir ſehe,
Iſt alle Macht der Zahl, vermehrt mit tauſend Malen,
Noch nicht ein Theil von dir;
Ich zieh ſie ab, und du liegſt ganz vor mir.

(Haller, Hymne über die Ewigkeit).

2. Es verſteht ſich, daß es keine abſolute Leere gibt: dem Verſuche,
ſie vorzuſtellen, liegt vielmehr die logiſche Aufhebung der Kategorie des
Raums zu Grunde. Allerdings führt aber ebendarum die relative Leere
irgend eines beſtimmten Ortes, wie ſolche zunächſt durch die äſthetiſche
Bedingung gefordert iſt, in dem Gefühle, das ſie erregt, über das
Raumgefühl eigentlich hinaus. Je nach der äſthetiſchen Beſtimmtheit des
beſonderen Falls wird nämlich das Gefühl, das die Leere erregt, ein
verſchiedenes ſeyn. Iſt der Raum öde und unbewohnt, oder erſcheint ein
ſonſt bewohnter Raum nicht nur von demjenigen entblöst, was an Be-
wohner erinnert, ſondern noch insbeſondere in Dunkel gehüllt, ſo wird
zunächſt eine Wirkung eintreten, welche vergleichungsweiſe poſitiv heißen
kann. Aus dem dunkeln Schooße des in’s Unendliche zerfließenden be-
ſtimmten Raumes fürchten wir, entſprechend dem im Raumbegriffe liegenden
Widerſpruch, ein Unbekanntes aufſteigen zu ſehen, das dem Raume an-
gehört und doch nicht; die Vorſtellung wird geiſterhaft. Dagegen Räume,
welche in ihrer Leere noch deutlich und durch eine Fülle gebrauchter
Gegenſtände an die Bewohner erinnern, wie z. B. Pompeji, wirken
mild elegiſch und das Raumgefühl geht ſchon in das Zeitgefühl über. Der
Lebendige tritt in den Raum, der ausſieht, als wäre er geſtern verlaſſen:
die Geſchlechter wechſeln, die den Raum füllen, alſo iſt die Bedingung
des Raums, die Körperwelt vergänglich, und ebenhiedurch der Raum als
ein aufgehobenes Moment in der Empfindungsweiſe beſtimmt.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <div n="6">
                  <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0252" n="238"/>
kommt, &#x017F;on&#x017F;t wäre die&#x017F;e ganze Form des Erhabenen &#x017F;ogleich ganz aufgehoben:<lb/>
es i&#x017F;t eine Ang&#x017F;t, ein Schwindel, &#x2014; &#x201E;wie ein Traum, daß Einer einen<lb/>
langen Gang immer weiter und unab&#x017F;ehbar weiter fortgehe, mit Fallen<lb/>
oder mit Schwindel endet&#x201C; (<hi rendition="#g">Kant</hi>).</hi> </p><lb/>
                  <cit>
                    <quote>&#x201E;Ich häufe ungeheure Zahlen,<lb/>
Gebirge Millionen auf,<lb/>
Ich wälze Zeit auf Zeit und Welt auf Welten hin:<lb/>
Und wann ich auf der Mark des Endlichen nun bin<lb/>
Und von der grau&#x017F;en Höhe<lb/>
Mit Schwindeln wieder nach dir &#x017F;ehe,<lb/>
I&#x017F;t alle Macht der Zahl, vermehrt mit tau&#x017F;end Malen,<lb/>
Noch nicht ein Theil von dir;<lb/>
Ich zieh &#x017F;ie ab, und du lieg&#x017F;t ganz vor mir.</quote><lb/>
                    <bibl> <hi rendition="#et">(<hi rendition="#g">Haller</hi>, Hymne über die Ewigkeit).</hi> </bibl>
                  </cit><lb/>
                  <p> <hi rendition="#et">2. Es ver&#x017F;teht &#x017F;ich, daß es keine ab&#x017F;olute Leere gibt: dem Ver&#x017F;uche,<lb/>
&#x017F;ie vorzu&#x017F;tellen, liegt vielmehr die logi&#x017F;che Aufhebung der Kategorie des<lb/>
Raums zu Grunde. Allerdings führt aber ebendarum die relative Leere<lb/>
irgend eines be&#x017F;timmten Ortes, wie &#x017F;olche zunäch&#x017F;t durch die ä&#x017F;theti&#x017F;che<lb/>
Bedingung gefordert i&#x017F;t, in dem Gefühle, das &#x017F;ie erregt, über das<lb/>
Raumgefühl eigentlich hinaus. Je nach der ä&#x017F;theti&#x017F;chen Be&#x017F;timmtheit des<lb/>
be&#x017F;onderen Falls wird nämlich das Gefühl, das die Leere erregt, ein<lb/>
ver&#x017F;chiedenes &#x017F;eyn. I&#x017F;t der Raum öde und unbewohnt, oder er&#x017F;cheint ein<lb/>
&#x017F;on&#x017F;t bewohnter Raum nicht nur von demjenigen entblöst, was an Be-<lb/>
wohner erinnert, &#x017F;ondern noch insbe&#x017F;ondere in Dunkel gehüllt, &#x017F;o wird<lb/>
zunäch&#x017F;t eine Wirkung eintreten, welche vergleichungswei&#x017F;e po&#x017F;itiv heißen<lb/>
kann. Aus dem dunkeln Schooße des in&#x2019;s Unendliche zerfließenden be-<lb/>
&#x017F;timmten Raumes fürchten wir, ent&#x017F;prechend dem im Raumbegriffe liegenden<lb/>
Wider&#x017F;pruch, ein Unbekanntes auf&#x017F;teigen zu &#x017F;ehen, das dem Raume an-<lb/>
gehört und doch nicht; die Vor&#x017F;tellung wird gei&#x017F;terhaft. Dagegen Räume,<lb/>
welche in ihrer Leere noch deutlich und durch eine Fülle gebrauchter<lb/>
Gegen&#x017F;tände an die Bewohner erinnern, wie z. B. Pompeji, wirken<lb/>
mild elegi&#x017F;ch und das Raumgefühl geht &#x017F;chon in das Zeitgefühl über. Der<lb/>
Lebendige tritt in den Raum, der aus&#x017F;ieht, als wäre er ge&#x017F;tern verla&#x017F;&#x017F;en:<lb/>
die Ge&#x017F;chlechter wech&#x017F;eln, die den Raum füllen, al&#x017F;o i&#x017F;t die Bedingung<lb/>
des Raums, die Körperwelt vergänglich, und ebenhiedurch der Raum als<lb/>
ein aufgehobenes Moment in der Empfindungswei&#x017F;e be&#x017F;timmt.</hi> </p>
                </div>
              </div><lb/>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[238/0252] kommt, ſonſt wäre dieſe ganze Form des Erhabenen ſogleich ganz aufgehoben: es iſt eine Angſt, ein Schwindel, — „wie ein Traum, daß Einer einen langen Gang immer weiter und unabſehbar weiter fortgehe, mit Fallen oder mit Schwindel endet“ (Kant). „Ich häufe ungeheure Zahlen, Gebirge Millionen auf, Ich wälze Zeit auf Zeit und Welt auf Welten hin: Und wann ich auf der Mark des Endlichen nun bin Und von der grauſen Höhe Mit Schwindeln wieder nach dir ſehe, Iſt alle Macht der Zahl, vermehrt mit tauſend Malen, Noch nicht ein Theil von dir; Ich zieh ſie ab, und du liegſt ganz vor mir. (Haller, Hymne über die Ewigkeit). 2. Es verſteht ſich, daß es keine abſolute Leere gibt: dem Verſuche, ſie vorzuſtellen, liegt vielmehr die logiſche Aufhebung der Kategorie des Raums zu Grunde. Allerdings führt aber ebendarum die relative Leere irgend eines beſtimmten Ortes, wie ſolche zunächſt durch die äſthetiſche Bedingung gefordert iſt, in dem Gefühle, das ſie erregt, über das Raumgefühl eigentlich hinaus. Je nach der äſthetiſchen Beſtimmtheit des beſonderen Falls wird nämlich das Gefühl, das die Leere erregt, ein verſchiedenes ſeyn. Iſt der Raum öde und unbewohnt, oder erſcheint ein ſonſt bewohnter Raum nicht nur von demjenigen entblöst, was an Be- wohner erinnert, ſondern noch insbeſondere in Dunkel gehüllt, ſo wird zunächſt eine Wirkung eintreten, welche vergleichungsweiſe poſitiv heißen kann. Aus dem dunkeln Schooße des in’s Unendliche zerfließenden be- ſtimmten Raumes fürchten wir, entſprechend dem im Raumbegriffe liegenden Widerſpruch, ein Unbekanntes aufſteigen zu ſehen, das dem Raume an- gehört und doch nicht; die Vorſtellung wird geiſterhaft. Dagegen Räume, welche in ihrer Leere noch deutlich und durch eine Fülle gebrauchter Gegenſtände an die Bewohner erinnern, wie z. B. Pompeji, wirken mild elegiſch und das Raumgefühl geht ſchon in das Zeitgefühl über. Der Lebendige tritt in den Raum, der ausſieht, als wäre er geſtern verlaſſen: die Geſchlechter wechſeln, die den Raum füllen, alſo iſt die Bedingung des Raums, die Körperwelt vergänglich, und ebenhiedurch der Raum als ein aufgehobenes Moment in der Empfindungsweiſe beſtimmt.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/252
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 238. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/252>, abgerufen am 14.10.2019.