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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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der Oberfläche, sondern beurtheilt den Gehalt für sich. Die Bemerkungen
über Inhalt und Form §. 55, 2 haben gelegentlich bereits auf diesen
Punkt geführt, und in der dort erwähnten Stelle sagt Strauß, daß die
innerliche Seite der Form, nämlich die Structur, die Oekonomie eines
Gedichts immer leiden werde, wenn der Inhalt unsittlich sey. "Sind
die Wahlverwandtschaften Göthes ein giftiges Buch: nun so werden
die Mißbildungen nicht fehlen, die ein so ungesundes Blut an dem
Leibe der Dichtung hervortreiben muß" u. s. w. "Ein wirklicher Verstoß
gegen das Gesetz des Sittlichkeit beim Dichten wird immer zugleich als
ein Verstoß gegen die Gesetze der Schönheit erscheinen und sich nach-
weisen lassen" u. s. w. Strauß vergißt nicht, die interessante Stelle
aus einem Briefe Schillers anzuführen: "Ich bin überzeugt, daß jedes
Kunstwerk nur sich selbst, d. h. seiner eigenen Schönheitsregel Rechen-
schaft geben darf und keiner anderen Forderung unterworfen ist. Hin-
gegen glaube ich auch festiglich, daß es gerade auf diesem Wege auch
alle übrigen Forderungen mittelbar befriedigen muß, weil sich jede
Schönheit doch endlich in allgemeine Wahrheit auflösen läßt. Der Dichter,
der sich nur Schönheit zum Zwecke setzt, aber dieser heilig folgt, wird
am Ende alle andern Rücksichten, die er zu vernachläßigen schien, ohne
daß er es will und weiß, gleichsam zur Zugabe mit erreicht haben, da
im Gegentheile der, der zwischen Schönheit und Moralität unstät flattert
oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt." Das beste Beispiel
hievon ist Wieland, der gerade durch sein Hinüber- und Herüberschielen
zwischen Tugend und Sinnlichkeit, indem er ebendarum beide abstract
macht, frivol wird. Ganz im Sinne dieser Schiller'schen Stelle wurde
vom Verf. anderswo gesagt: "trachtet am ersten nach dem Schönen, so
wird euch das Gute von selbst zufallen," und man hat ihm dieses Wort
verdreht, indem man meinte, es sey als Wahlspruch für das sittliche
Leben aufgestellt, was das genaue Gegentheil des richtigen Sinnes ist.
Es folgt aus diesen Sätzen von selbst, daß man einen Dichter oder
Künstler noch nicht gelobt hat, wenn man gezeigt hat, daß er ein guter
Mensch ist; nur gegenüber einer ganz verworrenen Kritik ist es nöthig,
solche Trivialitäten erst hervorzuheben.

Durch Plato ist die Frage angeregt worden, ob eine schöne Seele
nothwendig auch einen schönen Leib habe und eine häßliche einen häß-
lichen? So abstract darf aber gar nicht gefragt werden. Es kommt
darauf an, was man unter schöner Seele verstehe. Versteht man darunter
ein Gleichgewicht der sinnlichen und geistigen Kräfte, so wird sich dieß,

der Oberfläche, ſondern beurtheilt den Gehalt für ſich. Die Bemerkungen
über Inhalt und Form §. 55, 2 haben gelegentlich bereits auf dieſen
Punkt geführt, und in der dort erwähnten Stelle ſagt Strauß, daß die
innerliche Seite der Form, nämlich die Structur, die Oekonomie eines
Gedichts immer leiden werde, wenn der Inhalt unſittlich ſey. „Sind
die Wahlverwandtſchaften Göthes ein giftiges Buch: nun ſo werden
die Mißbildungen nicht fehlen, die ein ſo ungeſundes Blut an dem
Leibe der Dichtung hervortreiben muß“ u. ſ. w. „Ein wirklicher Verſtoß
gegen das Geſetz des Sittlichkeit beim Dichten wird immer zugleich als
ein Verſtoß gegen die Geſetze der Schönheit erſcheinen und ſich nach-
weiſen laſſen“ u. ſ. w. Strauß vergißt nicht, die intereſſante Stelle
aus einem Briefe Schillers anzuführen: „Ich bin überzeugt, daß jedes
Kunſtwerk nur ſich ſelbſt, d. h. ſeiner eigenen Schönheitsregel Rechen-
ſchaft geben darf und keiner anderen Forderung unterworfen iſt. Hin-
gegen glaube ich auch feſtiglich, daß es gerade auf dieſem Wege auch
alle übrigen Forderungen mittelbar befriedigen muß, weil ſich jede
Schönheit doch endlich in allgemeine Wahrheit auflöſen läßt. Der Dichter,
der ſich nur Schönheit zum Zwecke ſetzt, aber dieſer heilig folgt, wird
am Ende alle andern Rückſichten, die er zu vernachläßigen ſchien, ohne
daß er es will und weiß, gleichſam zur Zugabe mit erreicht haben, da
im Gegentheile der, der zwiſchen Schönheit und Moralität unſtät flattert
oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt.“ Das beſte Beiſpiel
hievon iſt Wieland, der gerade durch ſein Hinüber- und Herüberſchielen
zwiſchen Tugend und Sinnlichkeit, indem er ebendarum beide abſtract
macht, frivol wird. Ganz im Sinne dieſer Schiller’ſchen Stelle wurde
vom Verf. anderswo geſagt: „trachtet am erſten nach dem Schönen, ſo
wird euch das Gute von ſelbſt zufallen,“ und man hat ihm dieſes Wort
verdreht, indem man meinte, es ſey als Wahlſpruch für das ſittliche
Leben aufgeſtellt, was das genaue Gegentheil des richtigen Sinnes iſt.
Es folgt aus dieſen Sätzen von ſelbſt, daß man einen Dichter oder
Künſtler noch nicht gelobt hat, wenn man gezeigt hat, daß er ein guter
Menſch iſt; nur gegenüber einer ganz verworrenen Kritik iſt es nöthig,
ſolche Trivialitäten erſt hervorzuheben.

Durch Plato iſt die Frage angeregt worden, ob eine ſchöne Seele
nothwendig auch einen ſchönen Leib habe und eine häßliche einen häß-
lichen? So abſtract darf aber gar nicht gefragt werden. Es kommt
darauf an, was man unter ſchöner Seele verſtehe. Verſteht man darunter
ein Gleichgewicht der ſinnlichen und geiſtigen Kräfte, ſo wird ſich dieß,

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[157/0171] der Oberfläche, ſondern beurtheilt den Gehalt für ſich. Die Bemerkungen über Inhalt und Form §. 55, 2 haben gelegentlich bereits auf dieſen Punkt geführt, und in der dort erwähnten Stelle ſagt Strauß, daß die innerliche Seite der Form, nämlich die Structur, die Oekonomie eines Gedichts immer leiden werde, wenn der Inhalt unſittlich ſey. „Sind die Wahlverwandtſchaften Göthes ein giftiges Buch: nun ſo werden die Mißbildungen nicht fehlen, die ein ſo ungeſundes Blut an dem Leibe der Dichtung hervortreiben muß“ u. ſ. w. „Ein wirklicher Verſtoß gegen das Geſetz des Sittlichkeit beim Dichten wird immer zugleich als ein Verſtoß gegen die Geſetze der Schönheit erſcheinen und ſich nach- weiſen laſſen“ u. ſ. w. Strauß vergißt nicht, die intereſſante Stelle aus einem Briefe Schillers anzuführen: „Ich bin überzeugt, daß jedes Kunſtwerk nur ſich ſelbſt, d. h. ſeiner eigenen Schönheitsregel Rechen- ſchaft geben darf und keiner anderen Forderung unterworfen iſt. Hin- gegen glaube ich auch feſtiglich, daß es gerade auf dieſem Wege auch alle übrigen Forderungen mittelbar befriedigen muß, weil ſich jede Schönheit doch endlich in allgemeine Wahrheit auflöſen läßt. Der Dichter, der ſich nur Schönheit zum Zwecke ſetzt, aber dieſer heilig folgt, wird am Ende alle andern Rückſichten, die er zu vernachläßigen ſchien, ohne daß er es will und weiß, gleichſam zur Zugabe mit erreicht haben, da im Gegentheile der, der zwiſchen Schönheit und Moralität unſtät flattert oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt.“ Das beſte Beiſpiel hievon iſt Wieland, der gerade durch ſein Hinüber- und Herüberſchielen zwiſchen Tugend und Sinnlichkeit, indem er ebendarum beide abſtract macht, frivol wird. Ganz im Sinne dieſer Schiller’ſchen Stelle wurde vom Verf. anderswo geſagt: „trachtet am erſten nach dem Schönen, ſo wird euch das Gute von ſelbſt zufallen,“ und man hat ihm dieſes Wort verdreht, indem man meinte, es ſey als Wahlſpruch für das ſittliche Leben aufgeſtellt, was das genaue Gegentheil des richtigen Sinnes iſt. Es folgt aus dieſen Sätzen von ſelbſt, daß man einen Dichter oder Künſtler noch nicht gelobt hat, wenn man gezeigt hat, daß er ein guter Menſch iſt; nur gegenüber einer ganz verworrenen Kritik iſt es nöthig, ſolche Trivialitäten erſt hervorzuheben. Durch Plato iſt die Frage angeregt worden, ob eine ſchöne Seele nothwendig auch einen ſchönen Leib habe und eine häßliche einen häß- lichen? So abſtract darf aber gar nicht gefragt werden. Es kommt darauf an, was man unter ſchöner Seele verſtehe. Verſteht man darunter ein Gleichgewicht der ſinnlichen und geiſtigen Kräfte, ſo wird ſich dieß,

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. 157. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/171>, abgerufen am 15.08.2020.