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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846.

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Vielleicht wird dasselbe in ein ähnliches Verhältniß zu denjeni-
gen treten, welche jede Schrift darauf anzusehen pflegen, ob sie
dem Geiste der Zeit und seinen neuesten Bewegungen unmittelbar
und ausgesprochener Maßen Rechnung trage und Vorschub leiste
oder nicht. Sie werden diesen Theil wohl für etwas ganz Unfrucht-
bares ansehen; ich habe auf keine Weise suchen dürfen, ihnen un-
mittelbar entgegenzukommen; die erste Frage ist nicht: modern? son-
dern: wahr? Freilich aber, wer Muth des Vertrauens hat, der wird
des Glaubens leben, daß das Neue das Wahre sey, und so hoffe ich,
daß ungesucht das bleiche Saamenkorn, das dieser erste Theil in den
dunkeln Schooß der Begriffswelt senkt, sich als fruchtbarer Keim
erweisen, daß aus meinen Vordersätzen gesunde Ansichten über das
Verhältniß der Kunst zum Leben, ihre Aufgabe und Zukunft sich von
selbst ergeben werden.

Tübingen im März 1846.

Fr. Vischer.


Vielleicht wird daſſelbe in ein ähnliches Verhältniß zu denjeni-
gen treten, welche jede Schrift darauf anzuſehen pflegen, ob ſie
dem Geiſte der Zeit und ſeinen neueſten Bewegungen unmittelbar
und ausgeſprochener Maßen Rechnung trage und Vorſchub leiſte
oder nicht. Sie werden dieſen Theil wohl für etwas ganz Unfrucht-
bares anſehen; ich habe auf keine Weiſe ſuchen dürfen, ihnen un-
mittelbar entgegenzukommen; die erſte Frage iſt nicht: modern? ſon-
dern: wahr? Freilich aber, wer Muth des Vertrauens hat, der wird
des Glaubens leben, daß das Neue das Wahre ſey, und ſo hoffe ich,
daß ungeſucht das bleiche Saamenkorn, das dieſer erſte Theil in den
dunkeln Schooß der Begriffswelt ſenkt, ſich als fruchtbarer Keim
erweiſen, daß aus meinen Vorderſätzen geſunde Anſichten über das
Verhältniß der Kunſt zum Leben, ihre Aufgabe und Zukunft ſich von
ſelbſt ergeben werden.

Tübingen im März 1846.

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[VI/0012] Vielleicht wird daſſelbe in ein ähnliches Verhältniß zu denjeni- gen treten, welche jede Schrift darauf anzuſehen pflegen, ob ſie dem Geiſte der Zeit und ſeinen neueſten Bewegungen unmittelbar und ausgeſprochener Maßen Rechnung trage und Vorſchub leiſte oder nicht. Sie werden dieſen Theil wohl für etwas ganz Unfrucht- bares anſehen; ich habe auf keine Weiſe ſuchen dürfen, ihnen un- mittelbar entgegenzukommen; die erſte Frage iſt nicht: modern? ſon- dern: wahr? Freilich aber, wer Muth des Vertrauens hat, der wird des Glaubens leben, daß das Neue das Wahre ſey, und ſo hoffe ich, daß ungeſucht das bleiche Saamenkorn, das dieſer erſte Theil in den dunkeln Schooß der Begriffswelt ſenkt, ſich als fruchtbarer Keim erweiſen, daß aus meinen Vorderſätzen geſunde Anſichten über das Verhältniß der Kunſt zum Leben, ihre Aufgabe und Zukunft ſich von ſelbſt ergeben werden. Tübingen im März 1846. Fr. Viſcher.

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 1. Reutlingen u. a., 1846, S. VI. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik01_1846/12>, abgerufen am 17.10.2019.