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Virchow, Rudolf: Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Berlin, 1858.

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Zweite Vorlesung.
nicht mit den Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind
noch vor nicht langer Zeit diese Ansichten von der Kugel-
natur der Elementartheile so überwiegend gewesen, dass auf sie
die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im Embryo,
als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass
[Abbildung] Fig. 12.
eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kü-
gelchen sich sphärisch zur Membran ordneten, in-
nerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt er-
hielten. Noch von Baumgärtner und Arnold ist
in diesem Sinne gegen die Zellentheorie gekämpft
worden.

In einer gewissen Weise hat diese Auffassung
sogar in der Entwicklungsgeschichte eine Stütze gefunden:
in der sogenannten Umhüllungstheorie, -- einer Auf-
assung, die eine Zeit lang stark in den Vordergrund
getreten war. Danach dachte man sich, dass während
ursprünglich eine Menge von Elementar-Kügelchen zer-
streut vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Ver-
hältnissen zusammenlagerten, nicht in Form blasiger Mem-

[Abbildung] Fig. 13.
branen, sondern zu einem compacten
Haufen, einer Kugel, und dass diese
Kugel der Ausgangspunkt der weiteren
Bildung werde, indem sich durch Diffe-
renzirung der Masse, durch Apposition
oder Intussusception aussen eine Membran, innen ein Kern bilde.

Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kü-
gelchen oder das Elementarkörnchen als einen histologischen
Ausgangspunkt betrachten. So lange als man sich die Ent-
stehung von lebendigen Elementen aus vorher nicht geform-
ten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder Bildungstoffen
(plastischer Materie, Blastem, Cytoblastem) hervor-
gehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen
allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, den

[Abbildung] Fig. 12.

Schema der Globulartheorie. a. Faser aus linear aufge-
gereihten Elementarkörnchen (Molecularkörnchen). b. Zelle mit Kern und
sphärisch geordneten Körnchen.

[Abbildung] Fig. 13.

Schema der Umhüllungs (Klümpchen-) Theorie. a. getrennte
Elementarkörnchen. b. Körnchenhaufen (Klümpchen). c. Körnchenzelle
mit Membran und Kern.

Zweite Vorlesung.
nicht mit den Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind
noch vor nicht langer Zeit diese Ansichten von der Kugel-
natur der Elementartheile so überwiegend gewesen, dass auf sie
die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im Embryo,
als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass
[Abbildung] Fig. 12.
eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kü-
gelchen sich sphärisch zur Membran ordneten, in-
nerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt er-
hielten. Noch von Baumgärtner und Arnold ist
in diesem Sinne gegen die Zellentheorie gekämpft
worden.

In einer gewissen Weise hat diese Auffassung
sogar in der Entwicklungsgeschichte eine Stütze gefunden:
in der sogenannten Umhüllungstheorie, — einer Auf-
assung, die eine Zeit lang stark in den Vordergrund
getreten war. Danach dachte man sich, dass während
ursprünglich eine Menge von Elementar-Kügelchen zer-
streut vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Ver-
hältnissen zusammenlagerten, nicht in Form blasiger Mem-

[Abbildung] Fig. 13.
branen, sondern zu einem compacten
Haufen, einer Kugel, und dass diese
Kugel der Ausgangspunkt der weiteren
Bildung werde, indem sich durch Diffe-
renzirung der Masse, durch Apposition
oder Intussusception aussen eine Membran, innen ein Kern bilde.

Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kü-
gelchen oder das Elementarkörnchen als einen histologischen
Ausgangspunkt betrachten. So lange als man sich die Ent-
stehung von lebendigen Elementen aus vorher nicht geform-
ten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder Bildungstoffen
(plastischer Materie, Blastem, Cytoblastem) hervor-
gehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen
allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, den

[Abbildung] Fig. 12.

Schema der Globulartheorie. a. Faser aus linear aufge-
gereihten Elementarkörnchen (Molecularkörnchen). b. Zelle mit Kern und
sphärisch geordneten Körnchen.

[Abbildung] Fig. 13.

Schema der Umhüllungs (Klümpchen-) Theorie. a. getrennte
Elementarkörnchen. b. Körnchenhaufen (Klümpchen). c. Körnchenzelle
mit Membran und Kern.

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[24/0046] Zweite Vorlesung. nicht mit den Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind noch vor nicht langer Zeit diese Ansichten von der Kugel- natur der Elementartheile so überwiegend gewesen, dass auf sie die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im Embryo, als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass [Abbildung Fig. 12.] eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kü- gelchen sich sphärisch zur Membran ordneten, in- nerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt er- hielten. Noch von Baumgärtner und Arnold ist in diesem Sinne gegen die Zellentheorie gekämpft worden. In einer gewissen Weise hat diese Auffassung sogar in der Entwicklungsgeschichte eine Stütze gefunden: in der sogenannten Umhüllungstheorie, — einer Auf- assung, die eine Zeit lang stark in den Vordergrund getreten war. Danach dachte man sich, dass während ursprünglich eine Menge von Elementar-Kügelchen zer- streut vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Ver- hältnissen zusammenlagerten, nicht in Form blasiger Mem- [Abbildung Fig. 13.] branen, sondern zu einem compacten Haufen, einer Kugel, und dass diese Kugel der Ausgangspunkt der weiteren Bildung werde, indem sich durch Diffe- renzirung der Masse, durch Apposition oder Intussusception aussen eine Membran, innen ein Kern bilde. Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kü- gelchen oder das Elementarkörnchen als einen histologischen Ausgangspunkt betrachten. So lange als man sich die Ent- stehung von lebendigen Elementen aus vorher nicht geform- ten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder Bildungstoffen (plastischer Materie, Blastem, Cytoblastem) hervor- gehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, den [Abbildung Fig. 12. Schema der Globulartheorie. a. Faser aus linear aufge- gereihten Elementarkörnchen (Molecularkörnchen). b. Zelle mit Kern und sphärisch geordneten Körnchen.] [Abbildung Fig. 13. Schema der Umhüllungs (Klümpchen-) Theorie. a. getrennte Elementarkörnchen. b. Körnchenhaufen (Klümpchen). c. Körnchenzelle mit Membran und Kern.]

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Zitationshilfe: Virchow, Rudolf: Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Berlin, 1858, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/virchow_cellularpathologie_1858/46>, abgerufen am 18.08.2019.