Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

mehr von mir zu sprechen: wie von einem ausgegangenen
Baum: an dessen Stelle endlich neue Pflanzungen kommen
müssen. Mein Geist lebt aber noch: und wie soll sich der an-
ders nennen, als: ich? Mit mir steht es höchst elend. Meine
innerste Gesundheit scheint erschüttert; und außer meinen Ge-
schwistern merken's alle Menschen an meiner ganzen Haltung
und Weise; auch ich fühle es, auf alle Weise, von der stum-
pfesten Eitellosigkeit, bis zum konvulsiven Schmerz -- Schrei
der Thränen --, und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn
ich glaube, ich würde nicht wieder gesund, und so hingepeitscht
bis in's taube, stumme Grab: ohne Gesundheits gefühl vor-
her; jedoch lodert mein Geist immer von neuem wieder auf,
als schüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine
Flamme; der sie zu dämpfen scheint, und furchtbar nährt.
Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder
Umgebung, verbergen. Immer noch Einmal überdenke ich das
Überdachte, kombinire es zu andern Gegenständen des Denkens,
und es muß passen. Theils bin ich dazu gezwungen; theils
geht das in meinem Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich
nur das Hinsehen habe; wie große Vegetationen, die sich die
atmosphärischen Kräfte unter einander selbst verleihen, in dem
einmaligen zum Leben gezauberten Dasein! Mein unschuldig-
ster, und auch leidenlosester, fast amüsanter Moment ist, wenn
ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem
werden wird.

Ich war auch in der Komödie, wo ich das Opferfest habe
spielen sehen. Dies ist doch die größte Marter, die man sich
anthun kann: sich durch schmerzbringende Töne, und Verkehrt-

mehr von mir zu ſprechen: wie von einem ausgegangenen
Baum: an deſſen Stelle endlich neue Pflanzungen kommen
müſſen. Mein Geiſt lebt aber noch: und wie ſoll ſich der an-
ders nennen, als: ich? Mit mir ſteht es höchſt elend. Meine
innerſte Geſundheit ſcheint erſchüttert; und außer meinen Ge-
ſchwiſtern merken’s alle Menſchen an meiner ganzen Haltung
und Weiſe; auch ich fühle es, auf alle Weiſe, von der ſtum-
pfeſten Eitelloſigkeit, bis zum konvulſiven Schmerz — Schrei
der Thränen —, und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn
ich glaube, ich würde nicht wieder geſund, und ſo hingepeitſcht
bis in’s taube, ſtumme Grab: ohne Geſundheits gefühl vor-
her; jedoch lodert mein Geiſt immer von neuem wieder auf,
als ſchüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine
Flamme; der ſie zu dämpfen ſcheint, und furchtbar nährt.
Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder
Umgebung, verbergen. Immer noch Einmal überdenke ich das
Überdachte, kombinire es zu andern Gegenſtänden des Denkens,
und es muß paſſen. Theils bin ich dazu gezwungen; theils
geht das in meinem Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich
nur das Hinſehen habe; wie große Vegetationen, die ſich die
atmoſphäriſchen Kräfte unter einander ſelbſt verleihen, in dem
einmaligen zum Leben gezauberten Daſein! Mein unſchuldig-
ſter, und auch leidenloſeſter, faſt amüſanter Moment iſt, wenn
ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem
werden wird.

Ich war auch in der Komödie, wo ich das Opferfeſt habe
ſpielen ſehen. Dies iſt doch die größte Marter, die man ſich
anthun kann: ſich durch ſchmerzbringende Töne, und Verkehrt-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0037" n="29"/>
mehr von mir zu &#x017F;prechen: wie von einem ausgegangenen<lb/>
Baum: an de&#x017F;&#x017F;en Stelle endlich neue Pflanzungen kommen<lb/>&#x017F;&#x017F;en. Mein Gei&#x017F;t lebt aber noch: und wie &#x017F;oll &#x017F;ich der an-<lb/>
ders nennen, als: <hi rendition="#g">ich</hi>? Mit mir &#x017F;teht es höch&#x017F;t elend. Meine<lb/>
inner&#x017F;te Ge&#x017F;undheit &#x017F;cheint er&#x017F;chüttert; und außer meinen Ge-<lb/>
&#x017F;chwi&#x017F;tern merken&#x2019;s alle Men&#x017F;chen an meiner ganzen Haltung<lb/>
und Wei&#x017F;e; auch ich fühle es, auf alle Wei&#x017F;e, von der &#x017F;tum-<lb/>
pfe&#x017F;ten Eitello&#x017F;igkeit, bis zum konvul&#x017F;iven Schmerz &#x2014; Schrei<lb/>
der Thränen &#x2014;, und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn<lb/>
ich glaube, ich würde nicht wieder ge&#x017F;und, und &#x017F;o hingepeit&#x017F;cht<lb/>
bis in&#x2019;s taube, &#x017F;tumme Grab: ohne Ge&#x017F;undheits <hi rendition="#g">gefühl</hi> vor-<lb/>
her; jedoch lodert mein Gei&#x017F;t immer von neuem wieder auf,<lb/>
als &#x017F;chüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine<lb/>
Flamme; der &#x017F;ie zu dämpfen &#x017F;cheint, und furchtbar nährt.<lb/>
Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder<lb/>
Umgebung, verbergen. Immer noch Einmal überdenke ich das<lb/>
Überdachte, kombinire es zu andern Gegen&#x017F;tänden des Denkens,<lb/>
und es muß pa&#x017F;&#x017F;en. Theils bin ich dazu gezwungen; theils<lb/>
geht das in meinem Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich<lb/>
nur das Hin&#x017F;ehen habe; wie große Vegetationen, die &#x017F;ich die<lb/>
atmo&#x017F;phäri&#x017F;chen Kräfte unter einander &#x017F;elb&#x017F;t verleihen, in dem<lb/>
einmaligen zum Leben gezauberten Da&#x017F;ein! Mein un&#x017F;chuldig-<lb/>
&#x017F;ter, und auch leidenlo&#x017F;e&#x017F;ter, fa&#x017F;t amü&#x017F;anter Moment i&#x017F;t, wenn<lb/>
ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem<lb/>
werden wird.</p><lb/>
            <p>Ich war auch in der Komödie, wo ich das Opferfe&#x017F;t habe<lb/>
&#x017F;pielen &#x017F;ehen. Dies i&#x017F;t doch die größte Marter, die man &#x017F;ich<lb/>
anthun kann: &#x017F;ich durch &#x017F;chmerzbringende Töne, und Verkehrt-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[29/0037] mehr von mir zu ſprechen: wie von einem ausgegangenen Baum: an deſſen Stelle endlich neue Pflanzungen kommen müſſen. Mein Geiſt lebt aber noch: und wie ſoll ſich der an- ders nennen, als: ich? Mit mir ſteht es höchſt elend. Meine innerſte Geſundheit ſcheint erſchüttert; und außer meinen Ge- ſchwiſtern merken’s alle Menſchen an meiner ganzen Haltung und Weiſe; auch ich fühle es, auf alle Weiſe, von der ſtum- pfeſten Eitelloſigkeit, bis zum konvulſiven Schmerz — Schrei der Thränen —, und in wahrer Verzweiflung bin ich, wenn ich glaube, ich würde nicht wieder geſund, und ſo hingepeitſcht bis in’s taube, ſtumme Grab: ohne Geſundheits gefühl vor- her; jedoch lodert mein Geiſt immer von neuem wieder auf, als ſchüttete man große Behälter voll Schwefel auf eine Flamme; der ſie zu dämpfen ſcheint, und furchtbar nährt. Dies kann ich denn den Freunden nicht, nicht einmal jeder Umgebung, verbergen. Immer noch Einmal überdenke ich das Überdachte, kombinire es zu andern Gegenſtänden des Denkens, und es muß paſſen. Theils bin ich dazu gezwungen; theils geht das in meinem Kopf wie in einem Gebiete vor, wo ich nur das Hinſehen habe; wie große Vegetationen, die ſich die atmoſphäriſchen Kräfte unter einander ſelbſt verleihen, in dem einmaligen zum Leben gezauberten Daſein! Mein unſchuldig- ſter, und auch leidenloſeſter, faſt amüſanter Moment iſt, wenn ich ganz neugierig werde, wie das noch mit mir und allem werden wird. Ich war auch in der Komödie, wo ich das Opferfeſt habe ſpielen ſehen. Dies iſt doch die größte Marter, die man ſich anthun kann: ſich durch ſchmerzbringende Töne, und Verkehrt-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/37
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Bd. 2. Berlin, 1834, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel02_1834/37>, abgerufen am 03.08.2020.