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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
Revolution erlebt und befürchtete, auch dieser neue Aufstand werde wieder
mit der Einverleibung in Frankreich endigen. Seine Räthe Lebeau,
Devaux und der junge Nothomb dachten muthiger; sie verfielen auf den
glücklichen Gedanken, dem Wittwer der Prinzessin von Wales, dem Prinzen
Leopold von Coburg die Krone anzubieten. Es konnte nicht fehlen, daß
der englische Hof dieser Candidatur zustimmte. Den Ostmächten erschien
der deutsche Prinz nicht unannehmbar; auch Ludwig Philipp stimmte bald
zu und benutzte die Gelegenheit zu einem vortheilhaften Geschäfte, indem
er dem Coburger die Hand seiner Tochter Luise versprach. Der kluge,
ehrgeizige Prinz war bereit dem Rufe zu folgen und bewährte sogleich
seine diplomatische Meisterschaft. Er sah ein, daß Belgien ohne Verstän-
digung mit der Londoner Conferenz seine Unabhängigkeit nicht behaupten
konnte. Es gelang ihm, erst Palmerston, dann auch die anderen Bevoll-
mächtigten zu überreden, und am 27. Juni entschloß sich die Conferenz,
ihre früheren Beschlüsse über die Theilung des Gebiets und der Staats-
schuld zu Gunsten Belgiens etwas abzuändern. Die neuen Vorschläge
für die Friedenspräliminarien wurden in Achtzehn Artikeln zusammen-
gefaßt und von dem belgischen Congresse angenommen. Nunmehr durfte
Leopold mit einiger Sicherheit auf die Anerkennung der großen Mächte
hoffen; am 21. Juli zog er als König in Brüssel ein.

König Wilhelm empfand das Alles wie eine persönliche Beschimpfung.
Die Achtzehn Artikel waren ohne Vorwissen der holländischen Bevollmächtig-
ten zwischen Palmerston, Leopold und den Belgiern verabredet und von den
Gesandten der Ostmächte nur darum gutgeheißen worden, weil diese immer
noch vertrauensvoll auf Englands Freundschaft bauten, den britischen
Minister nicht ganz in Frankreichs Arme treiben wollten. Um die Zu-
stimmung des Oraniers nachträglich zu erwirken, sendete die Conferenz
den Freiherrn von Wessenberg nach dem Haag. Widerwillig unterzog sich
der Oesterreicher dem peinlichen Auftrage; er wußte, daß Kaiser Franz
und Metternich dies neue Zugeständniß an den belgischen Aufruhr sehr
ungern sahen, und schrieb entschuldigend: "Wir haben gegen uns die
Zeit, die Ereignisse, Frankreich und selbst England." Die Sendung blieb
erfolglos, wie Metternich vorausgesehen.*) König Wilhelm verwarf nicht
nur die Achtzehn Artikel, er entschloß sich auch zu einem neuen Waffen-
gange um schlimmsten Falles die Ehre seiner Fahnen wiederherzustellen.
Am 1. August ließ er den Waffenstillstand kündigen. In einem Feldzuge
von zehn Tagen warf sein tapferes Heer, unter der Führung des Prinzen
von Oranien und des Herzogs Bernhard von Weimar, die erbärmlichen
belgischen Milizen gänzlich über den Haufen; nach dem Gefechte von
Hasselt war der neue König selbst in Gefahr gefangen zu werden. Da

*) Wessenberg an Metternich, 27. Juni. Metternich an Esterhazy, 6. Juli, an
Trauttmansdorff 8. Juli Maltzahn's Berichte, 16. 20. August 1831.

IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
Revolution erlebt und befürchtete, auch dieſer neue Aufſtand werde wieder
mit der Einverleibung in Frankreich endigen. Seine Räthe Lebeau,
Devaux und der junge Nothomb dachten muthiger; ſie verfielen auf den
glücklichen Gedanken, dem Wittwer der Prinzeſſin von Wales, dem Prinzen
Leopold von Coburg die Krone anzubieten. Es konnte nicht fehlen, daß
der engliſche Hof dieſer Candidatur zuſtimmte. Den Oſtmächten erſchien
der deutſche Prinz nicht unannehmbar; auch Ludwig Philipp ſtimmte bald
zu und benutzte die Gelegenheit zu einem vortheilhaften Geſchäfte, indem
er dem Coburger die Hand ſeiner Tochter Luiſe verſprach. Der kluge,
ehrgeizige Prinz war bereit dem Rufe zu folgen und bewährte ſogleich
ſeine diplomatiſche Meiſterſchaft. Er ſah ein, daß Belgien ohne Verſtän-
digung mit der Londoner Conferenz ſeine Unabhängigkeit nicht behaupten
konnte. Es gelang ihm, erſt Palmerſton, dann auch die anderen Bevoll-
mächtigten zu überreden, und am 27. Juni entſchloß ſich die Conferenz,
ihre früheren Beſchlüſſe über die Theilung des Gebiets und der Staats-
ſchuld zu Gunſten Belgiens etwas abzuändern. Die neuen Vorſchläge
für die Friedenspräliminarien wurden in Achtzehn Artikeln zuſammen-
gefaßt und von dem belgiſchen Congreſſe angenommen. Nunmehr durfte
Leopold mit einiger Sicherheit auf die Anerkennung der großen Mächte
hoffen; am 21. Juli zog er als König in Brüſſel ein.

König Wilhelm empfand das Alles wie eine perſönliche Beſchimpfung.
Die Achtzehn Artikel waren ohne Vorwiſſen der holländiſchen Bevollmächtig-
ten zwiſchen Palmerſton, Leopold und den Belgiern verabredet und von den
Geſandten der Oſtmächte nur darum gutgeheißen worden, weil dieſe immer
noch vertrauensvoll auf Englands Freundſchaft bauten, den britiſchen
Miniſter nicht ganz in Frankreichs Arme treiben wollten. Um die Zu-
ſtimmung des Oraniers nachträglich zu erwirken, ſendete die Conferenz
den Freiherrn von Weſſenberg nach dem Haag. Widerwillig unterzog ſich
der Oeſterreicher dem peinlichen Auftrage; er wußte, daß Kaiſer Franz
und Metternich dies neue Zugeſtändniß an den belgiſchen Aufruhr ſehr
ungern ſahen, und ſchrieb entſchuldigend: „Wir haben gegen uns die
Zeit, die Ereigniſſe, Frankreich und ſelbſt England.“ Die Sendung blieb
erfolglos, wie Metternich vorausgeſehen.*) König Wilhelm verwarf nicht
nur die Achtzehn Artikel, er entſchloß ſich auch zu einem neuen Waffen-
gange um ſchlimmſten Falles die Ehre ſeiner Fahnen wiederherzuſtellen.
Am 1. Auguſt ließ er den Waffenſtillſtand kündigen. In einem Feldzuge
von zehn Tagen warf ſein tapferes Heer, unter der Führung des Prinzen
von Oranien und des Herzogs Bernhard von Weimar, die erbärmlichen
belgiſchen Milizen gänzlich über den Haufen; nach dem Gefechte von
Haſſelt war der neue König ſelbſt in Gefahr gefangen zu werden. Da

*) Weſſenberg an Metternich, 27. Juni. Metternich an Eſterhazy, 6. Juli, an
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[76/0090] IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede. Revolution erlebt und befürchtete, auch dieſer neue Aufſtand werde wieder mit der Einverleibung in Frankreich endigen. Seine Räthe Lebeau, Devaux und der junge Nothomb dachten muthiger; ſie verfielen auf den glücklichen Gedanken, dem Wittwer der Prinzeſſin von Wales, dem Prinzen Leopold von Coburg die Krone anzubieten. Es konnte nicht fehlen, daß der engliſche Hof dieſer Candidatur zuſtimmte. Den Oſtmächten erſchien der deutſche Prinz nicht unannehmbar; auch Ludwig Philipp ſtimmte bald zu und benutzte die Gelegenheit zu einem vortheilhaften Geſchäfte, indem er dem Coburger die Hand ſeiner Tochter Luiſe verſprach. Der kluge, ehrgeizige Prinz war bereit dem Rufe zu folgen und bewährte ſogleich ſeine diplomatiſche Meiſterſchaft. Er ſah ein, daß Belgien ohne Verſtän- digung mit der Londoner Conferenz ſeine Unabhängigkeit nicht behaupten konnte. Es gelang ihm, erſt Palmerſton, dann auch die anderen Bevoll- mächtigten zu überreden, und am 27. Juni entſchloß ſich die Conferenz, ihre früheren Beſchlüſſe über die Theilung des Gebiets und der Staats- ſchuld zu Gunſten Belgiens etwas abzuändern. Die neuen Vorſchläge für die Friedenspräliminarien wurden in Achtzehn Artikeln zuſammen- gefaßt und von dem belgiſchen Congreſſe angenommen. Nunmehr durfte Leopold mit einiger Sicherheit auf die Anerkennung der großen Mächte hoffen; am 21. Juli zog er als König in Brüſſel ein. König Wilhelm empfand das Alles wie eine perſönliche Beſchimpfung. Die Achtzehn Artikel waren ohne Vorwiſſen der holländiſchen Bevollmächtig- ten zwiſchen Palmerſton, Leopold und den Belgiern verabredet und von den Geſandten der Oſtmächte nur darum gutgeheißen worden, weil dieſe immer noch vertrauensvoll auf Englands Freundſchaft bauten, den britiſchen Miniſter nicht ganz in Frankreichs Arme treiben wollten. Um die Zu- ſtimmung des Oraniers nachträglich zu erwirken, ſendete die Conferenz den Freiherrn von Weſſenberg nach dem Haag. Widerwillig unterzog ſich der Oeſterreicher dem peinlichen Auftrage; er wußte, daß Kaiſer Franz und Metternich dies neue Zugeſtändniß an den belgiſchen Aufruhr ſehr ungern ſahen, und ſchrieb entſchuldigend: „Wir haben gegen uns die Zeit, die Ereigniſſe, Frankreich und ſelbſt England.“ Die Sendung blieb erfolglos, wie Metternich vorausgeſehen. *) König Wilhelm verwarf nicht nur die Achtzehn Artikel, er entſchloß ſich auch zu einem neuen Waffen- gange um ſchlimmſten Falles die Ehre ſeiner Fahnen wiederherzuſtellen. Am 1. Auguſt ließ er den Waffenſtillſtand kündigen. In einem Feldzuge von zehn Tagen warf ſein tapferes Heer, unter der Führung des Prinzen von Oranien und des Herzogs Bernhard von Weimar, die erbärmlichen belgiſchen Milizen gänzlich über den Haufen; nach dem Gefechte von Haſſelt war der neue König ſelbſt in Gefahr gefangen zu werden. Da *) Weſſenberg an Metternich, 27. Juni. Metternich an Eſterhazy, 6. Juli, an Trauttmansdorff 8. Juli Maltzahn’s Berichte, 16. 20. Auguſt 1831.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 76. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/90>, abgerufen am 15.09.2019.