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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
bündniß mit Oesterreich schloß und der neue König Karl Albert von
Carignan -- derselbe, der einst vor der Rache des Wiener Hofes bei
den französischen Bourbonen Schutz gesucht hatte -- sich in tödlichem
Hasse von Frankreich abwendete. Dann warf sich die französische Pro-
paganda auf Mittelitalien. Sendboten der Pariser Geheimbünde über-
schwemmten das Land, Ludwig Philipp selber zahlte Geld an die Ver-
schwörer -- freilich nur eine bettelhafte Summe, nach der geizigen Weise
der Orleans; und noch bethörender wirkte der in Paris so prahlerisch ver-
kündigte Grundsatz der Nicht-Einmischung. Die Verschworenen glaubten
fest, Oesterreich könne keine Einmischung wagen, weil Frankreich die Re-
volution mit seinen Waffen schirmen würde -- dies versicherte ihnen der
alte Unheilstifter Lafayette heilig -- und mit den elenden Truppen ihrer
Kleinfürsten und Priester meinten sie leicht fertig zu werden.

Also auf Frankreichs Schutz vertrauend wagten sie den Kampf.
Im Laufe des Februar wurden die kleinen Despoten von Modena und
Parma verjagt; die Romagna, Umbrien, die Marken, volle vier Fünftel
des Kirchenstaates schüttelten das unerträgliche Joch des Papstthums ab.
In Bologna wie in Modena trat eine revolutionäre Regierung zusammen,
und aus den wirr durch einander fluthenden Hoffnungen und Entwürfen
der Patrioten ließ sich doch schon erkennen, daß der nationale Gedanke
in diesem edlen Volke klarer, greifbarer, bestimmter wurde, seit er aus
dem aufgeregten Süden nach dem ruhigeren Norden hinüberdrang. Keine
Rede mehr von den Parteifarben der Carboneria, die vor zehn Jahren in
Neapel geprangt hatten. Das nationale Banner des Königreichs Italien
wehte überall in den befreiten Landen, die sich stolz die Vereinigten Pro-
vinzen Italiens nannten; der Name des großen Stifters jenes König-
reichs war in Aller Munde. Zwei seiner Neffen, die jungen Söhne
Ludwig Napoleon's, bemerkte man inmitten der Aufständischen, zu Rosse,
auf grünweißrothen Schabracken; manche der Verschworenen vermaßen
sich schon den König von Rom aus Wien herbeizurufen.

Wunderbar, wie nun plötzlich dem Wiener Hofe die Schwingen
wuchsen. Bei den Wirren der letzten Monate hatte er fast nur die Rolle
des Chors in der Tragödie gespielt; jetzt zeigte sich Oesterreich ganz als
italienische Macht. In der Beherrschung der Halbinsel sah Kaiser Franz
die stärkste Stütze seines Reichs, aus den italienischen Besitzungen floß
seinen Erzherzogen der größte Theil ihrer Reichthümer zu. Metternich
suchte, da er für die Leiden Italiens nie ein Auge hatte, den einzigen
Grund der Bewegung in der heillosen Doctrin der Nicht-Einmischung;
er wollte, indem er die Revolution niederschlug, zugleich diese neue Völker-
rechtslehre durch die That widerlegen, und als ihm sein Schlag gelungen
war, rief er stolz: Das erste österreichische Bataillon in Italien hat die
Lehre der Nicht-Einmischung zu Boden geschmettert.*) Wohl war das

*) Metternich an Ficquelmont, 29. April 1831.

IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
bündniß mit Oeſterreich ſchloß und der neue König Karl Albert von
Carignan — derſelbe, der einſt vor der Rache des Wiener Hofes bei
den franzöſiſchen Bourbonen Schutz geſucht hatte — ſich in tödlichem
Haſſe von Frankreich abwendete. Dann warf ſich die franzöſiſche Pro-
paganda auf Mittelitalien. Sendboten der Pariſer Geheimbünde über-
ſchwemmten das Land, Ludwig Philipp ſelber zahlte Geld an die Ver-
ſchwörer — freilich nur eine bettelhafte Summe, nach der geizigen Weiſe
der Orleans; und noch bethörender wirkte der in Paris ſo prahleriſch ver-
kündigte Grundſatz der Nicht-Einmiſchung. Die Verſchworenen glaubten
feſt, Oeſterreich könne keine Einmiſchung wagen, weil Frankreich die Re-
volution mit ſeinen Waffen ſchirmen würde — dies verſicherte ihnen der
alte Unheilſtifter Lafayette heilig — und mit den elenden Truppen ihrer
Kleinfürſten und Prieſter meinten ſie leicht fertig zu werden.

Alſo auf Frankreichs Schutz vertrauend wagten ſie den Kampf.
Im Laufe des Februar wurden die kleinen Despoten von Modena und
Parma verjagt; die Romagna, Umbrien, die Marken, volle vier Fünftel
des Kirchenſtaates ſchüttelten das unerträgliche Joch des Papſtthums ab.
In Bologna wie in Modena trat eine revolutionäre Regierung zuſammen,
und aus den wirr durch einander fluthenden Hoffnungen und Entwürfen
der Patrioten ließ ſich doch ſchon erkennen, daß der nationale Gedanke
in dieſem edlen Volke klarer, greifbarer, beſtimmter wurde, ſeit er aus
dem aufgeregten Süden nach dem ruhigeren Norden hinüberdrang. Keine
Rede mehr von den Parteifarben der Carboneria, die vor zehn Jahren in
Neapel geprangt hatten. Das nationale Banner des Königreichs Italien
wehte überall in den befreiten Landen, die ſich ſtolz die Vereinigten Pro-
vinzen Italiens nannten; der Name des großen Stifters jenes König-
reichs war in Aller Munde. Zwei ſeiner Neffen, die jungen Söhne
Ludwig Napoleon’s, bemerkte man inmitten der Aufſtändiſchen, zu Roſſe,
auf grünweißrothen Schabracken; manche der Verſchworenen vermaßen
ſich ſchon den König von Rom aus Wien herbeizurufen.

Wunderbar, wie nun plötzlich dem Wiener Hofe die Schwingen
wuchſen. Bei den Wirren der letzten Monate hatte er faſt nur die Rolle
des Chors in der Tragödie geſpielt; jetzt zeigte ſich Oeſterreich ganz als
italieniſche Macht. In der Beherrſchung der Halbinſel ſah Kaiſer Franz
die ſtärkſte Stütze ſeines Reichs, aus den italieniſchen Beſitzungen floß
ſeinen Erzherzogen der größte Theil ihrer Reichthümer zu. Metternich
ſuchte, da er für die Leiden Italiens nie ein Auge hatte, den einzigen
Grund der Bewegung in der heilloſen Doctrin der Nicht-Einmiſchung;
er wollte, indem er die Revolution niederſchlug, zugleich dieſe neue Völker-
rechtslehre durch die That widerlegen, und als ihm ſein Schlag gelungen
war, rief er ſtolz: Das erſte öſterreichiſche Bataillon in Italien hat die
Lehre der Nicht-Einmiſchung zu Boden geſchmettert.*) Wohl war das

*) Metternich an Ficquelmont, 29. April 1831.
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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 66. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/80>, abgerufen am 22.09.2019.