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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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Zusammenkunft in Schwedt.
frieden über diese dreitägigen Unterredungen.*) Der König war mit nichten
gemeint jedem launischen Einfalle seines Schwiegersohnes nachzugeben und
den so mühsam gesicherten Frieden durch eine thörichte Herausforderung
in Frage zu stellen. Er stimmte dem legitimistischen Gepolter des Czaren
freundlich zu; er erkannte auch an, wie Ancillon sagte, "daß der Aufschwung
des revolutionären Geistes verschuldet sei durch die verhängnißvolle Thätig-
keit der Pariser Propaganda und durch den ungeheuerlichen Grundsatz der
Nicht-Einmischung". Gern wollte er das Seine thun um "diese beiden
Quellen des Unheils zu verstopfen, von denen die eine die Revolutionen
entstehen läßt, die andere ihnen die Straflosigkeit sichert." Darum schlug
er selbst vor, daß die drei Ostmächte gemeinsam die Unterdrückung der
demagogischen Umtriebe in Paris verlangen sollten; er erklärte sich auch
bereit, bei "der ersten Gelegenheit" dem französischen Hofe zu erklären,
daß die drei Mächte das Recht der Intervention festhalten und behaupten
würden. Weiter mochte Friedrich Wilhelm durchaus nicht gehen; allen
kriegerischen Andeutungen des Russen setzte er einen so hartnäckigen Wider-
stand entgegen, daß Nikolaus nicht einmal wagte ihm die Abschließung
eines förmlichen Vertrages vorzuschlagen. Die Besprechungen gelangten
über einen wenig fruchtbaren Gedankenaustausch nicht hinaus, und der
Czar beschloß, Näheres erst in Münchengrätz mit den Oesterreichern zu
verabreden.

Eine nochmalige Reise nach Böhmen konnte er seinem Schwieger-
vater um so weniger zumuthen, da die Manöver, bei denen der König
niemals fehlte, nahe bevorstanden. Er wünschte also, Ancillon möge ihn
begleiten. Der aber widersprach mit ungewohnter Entschiedenheit und ging
so weit, dem Selbstherrscher zu sagen "die Würde Preußens erlaubt mir
das nicht",**) worauf Nikolaus, der den friedfertigen Theologen ohnehin
nicht leiden mochte, in hellem Zorne auffuhr. Der Minister sah voraus,
welche peinliche Rolle er allein neben den beiden Kaisern spielen mußte;
deßhalb behielt er sich vor, die Münchengrätzer Verabredungen nachträglich
in Berlin zu prüfen und dabei die Meinung des kranken Bernstorff ein-
zuholen, dem er offenbar mehr Muth zutraute als sich selber. Uner-
schütterlich blieb er bei seiner Weigerung, und der König gab ihm Recht.
Nur um den Schein der Eintracht vor der Welt zu wahren, wurde auf
die Bitte des Czaren der Kronprinz mit nach Münchengrätz gesendet; sein
Vater befahl ihm indessen streng, weder irgend ein Versprechen zu geben
noch an den politischen Unterhandlungen theilzunehmen. So trennten
sich die beiden Monarchen, in Freundschaft, doch nicht ohne Verstimmung.

*) Schöler's Bericht, 24. Sept. 1833.
**) Diese in den Tagebüchern der Fürstin Metternich (Hinterl. Papiere V. 435)
erwähnte Aeußerung scheint in der That gefallen zu sein. Am Bundestage wurde sie
allgemein geglaubt. (Blittersdorff's Bericht, 13. Dec. 1833.)

Zuſammenkunft in Schwedt.
frieden über dieſe dreitägigen Unterredungen.*) Der König war mit nichten
gemeint jedem launiſchen Einfalle ſeines Schwiegerſohnes nachzugeben und
den ſo mühſam geſicherten Frieden durch eine thörichte Herausforderung
in Frage zu ſtellen. Er ſtimmte dem legitimiſtiſchen Gepolter des Czaren
freundlich zu; er erkannte auch an, wie Ancillon ſagte, „daß der Aufſchwung
des revolutionären Geiſtes verſchuldet ſei durch die verhängnißvolle Thätig-
keit der Pariſer Propaganda und durch den ungeheuerlichen Grundſatz der
Nicht-Einmiſchung“. Gern wollte er das Seine thun um „dieſe beiden
Quellen des Unheils zu verſtopfen, von denen die eine die Revolutionen
entſtehen läßt, die andere ihnen die Strafloſigkeit ſichert.“ Darum ſchlug
er ſelbſt vor, daß die drei Oſtmächte gemeinſam die Unterdrückung der
demagogiſchen Umtriebe in Paris verlangen ſollten; er erklärte ſich auch
bereit, bei „der erſten Gelegenheit“ dem franzöſiſchen Hofe zu erklären,
daß die drei Mächte das Recht der Intervention feſthalten und behaupten
würden. Weiter mochte Friedrich Wilhelm durchaus nicht gehen; allen
kriegeriſchen Andeutungen des Ruſſen ſetzte er einen ſo hartnäckigen Wider-
ſtand entgegen, daß Nikolaus nicht einmal wagte ihm die Abſchließung
eines förmlichen Vertrages vorzuſchlagen. Die Beſprechungen gelangten
über einen wenig fruchtbaren Gedankenaustauſch nicht hinaus, und der
Czar beſchloß, Näheres erſt in Münchengrätz mit den Oeſterreichern zu
verabreden.

Eine nochmalige Reiſe nach Böhmen konnte er ſeinem Schwieger-
vater um ſo weniger zumuthen, da die Manöver, bei denen der König
niemals fehlte, nahe bevorſtanden. Er wünſchte alſo, Ancillon möge ihn
begleiten. Der aber widerſprach mit ungewohnter Entſchiedenheit und ging
ſo weit, dem Selbſtherrſcher zu ſagen „die Würde Preußens erlaubt mir
das nicht“,**) worauf Nikolaus, der den friedfertigen Theologen ohnehin
nicht leiden mochte, in hellem Zorne auffuhr. Der Miniſter ſah voraus,
welche peinliche Rolle er allein neben den beiden Kaiſern ſpielen mußte;
deßhalb behielt er ſich vor, die Münchengrätzer Verabredungen nachträglich
in Berlin zu prüfen und dabei die Meinung des kranken Bernſtorff ein-
zuholen, dem er offenbar mehr Muth zutraute als ſich ſelber. Uner-
ſchütterlich blieb er bei ſeiner Weigerung, und der König gab ihm Recht.
Nur um den Schein der Eintracht vor der Welt zu wahren, wurde auf
die Bitte des Czaren der Kronprinz mit nach Münchengrätz geſendet; ſein
Vater befahl ihm indeſſen ſtreng, weder irgend ein Verſprechen zu geben
noch an den politiſchen Unterhandlungen theilzunehmen. So trennten
ſich die beiden Monarchen, in Freundſchaft, doch nicht ohne Verſtimmung.

*) Schöler’s Bericht, 24. Sept. 1833.
**) Dieſe in den Tagebüchern der Fürſtin Metternich (Hinterl. Papiere V. 435)
erwähnte Aeußerung ſcheint in der That gefallen zu ſein. Am Bundestage wurde ſie
allgemein geglaubt. (Blittersdorff’s Bericht, 13. Dec. 1833.)
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[329/0343] Zuſammenkunft in Schwedt. frieden über dieſe dreitägigen Unterredungen. *) Der König war mit nichten gemeint jedem launiſchen Einfalle ſeines Schwiegerſohnes nachzugeben und den ſo mühſam geſicherten Frieden durch eine thörichte Herausforderung in Frage zu ſtellen. Er ſtimmte dem legitimiſtiſchen Gepolter des Czaren freundlich zu; er erkannte auch an, wie Ancillon ſagte, „daß der Aufſchwung des revolutionären Geiſtes verſchuldet ſei durch die verhängnißvolle Thätig- keit der Pariſer Propaganda und durch den ungeheuerlichen Grundſatz der Nicht-Einmiſchung“. Gern wollte er das Seine thun um „dieſe beiden Quellen des Unheils zu verſtopfen, von denen die eine die Revolutionen entſtehen läßt, die andere ihnen die Strafloſigkeit ſichert.“ Darum ſchlug er ſelbſt vor, daß die drei Oſtmächte gemeinſam die Unterdrückung der demagogiſchen Umtriebe in Paris verlangen ſollten; er erklärte ſich auch bereit, bei „der erſten Gelegenheit“ dem franzöſiſchen Hofe zu erklären, daß die drei Mächte das Recht der Intervention feſthalten und behaupten würden. Weiter mochte Friedrich Wilhelm durchaus nicht gehen; allen kriegeriſchen Andeutungen des Ruſſen ſetzte er einen ſo hartnäckigen Wider- ſtand entgegen, daß Nikolaus nicht einmal wagte ihm die Abſchließung eines förmlichen Vertrages vorzuſchlagen. Die Beſprechungen gelangten über einen wenig fruchtbaren Gedankenaustauſch nicht hinaus, und der Czar beſchloß, Näheres erſt in Münchengrätz mit den Oeſterreichern zu verabreden. Eine nochmalige Reiſe nach Böhmen konnte er ſeinem Schwieger- vater um ſo weniger zumuthen, da die Manöver, bei denen der König niemals fehlte, nahe bevorſtanden. Er wünſchte alſo, Ancillon möge ihn begleiten. Der aber widerſprach mit ungewohnter Entſchiedenheit und ging ſo weit, dem Selbſtherrſcher zu ſagen „die Würde Preußens erlaubt mir das nicht“, **) worauf Nikolaus, der den friedfertigen Theologen ohnehin nicht leiden mochte, in hellem Zorne auffuhr. Der Miniſter ſah voraus, welche peinliche Rolle er allein neben den beiden Kaiſern ſpielen mußte; deßhalb behielt er ſich vor, die Münchengrätzer Verabredungen nachträglich in Berlin zu prüfen und dabei die Meinung des kranken Bernſtorff ein- zuholen, dem er offenbar mehr Muth zutraute als ſich ſelber. Uner- ſchütterlich blieb er bei ſeiner Weigerung, und der König gab ihm Recht. Nur um den Schein der Eintracht vor der Welt zu wahren, wurde auf die Bitte des Czaren der Kronprinz mit nach Münchengrätz geſendet; ſein Vater befahl ihm indeſſen ſtreng, weder irgend ein Verſprechen zu geben noch an den politiſchen Unterhandlungen theilzunehmen. So trennten ſich die beiden Monarchen, in Freundſchaft, doch nicht ohne Verſtimmung. *) Schöler’s Bericht, 24. Sept. 1833. **) Dieſe in den Tagebüchern der Fürſtin Metternich (Hinterl. Papiere V. 435) erwähnte Aeußerung ſcheint in der That gefallen zu ſein. Am Bundestage wurde ſie allgemein geglaubt. (Blittersdorff’s Bericht, 13. Dec. 1833.)

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 329. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/343>, abgerufen am 04.08.2020.