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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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Die große Woche der Pariser.
begangenen Unrechts die legitime und constitutionelle Ordnung auf lange
hinaus gesichert werden. Aber Treue fand sich nirgends, klarer Entschluß
nur bei den Männern, welche die Revolution von 1688 zu wiederholen
gedachten. Das vergossene Blut schrie um Sühne, der wilden Rachgier
schien die Regierung dieses Königs fortan unmöglich. Da wagten Thiers,
Mignet und ihre Freunde zuerst, in Flugblättern die Krone für den Herzog
Ludwig Philipp von Orleans zu verlangen. Hinter ihnen stand ein Un-
heil verkündender Name, der alte, von den Bourbonen undankbar zurück-
gesetzte Talleyrand; mit seiner untrüglichen Spürkraft ahnte er schon den
Umschlag des Wetters und stand unbedenklich bereit, seine Segel wieder
von günstigem Fahrwinde schwellen zu lassen.

Herzog Ludwig Philipp hatte sich so lange die Wage noch schwankte
im Parke von Neuilly verborgen gehalten und nur durch seine Schwester
Madame Adelaide, den einzigen Mann der Familie Orleans, mit den
Sendboten seiner Anhänger unterhandeln lassen. Schwankend zwischen
Angst und Begehrlichkeit ließ er sich endlich bereden in die Stadt zu kom-
men. Dort übernahm er das Reichsverweseramt, das ihm die Kammern
antrugen und erschien mit der dreifarbigen Fahne in der Hand auf der
alten Heimstätte der Pariser Aufstände, auf dem Altane des Rathhauses,
wo er den General Lafayette vor allem Volk umarmte. Nachher gab der
Held zweier Welten dem neuen Gewalthaber seinen Segen mit dem großen
Worte: nunmehr ist der Thron von republikanischen Einrichtungen um-
geben. Dem Könige gingen nun endlich die Augen auf; er ernannte den
Herzog von Orleans auch seinerseits zum Generalstatthalter des König-
reichs. Schon Tags darauf, am 2. August, verzichtete er für sich und
den Dauphin auf die Krone; zugleich befahl er dem Generalstatthalter,
die Thronbesteigung seines Enkels Heinrich V. zu verkündigen und die
erforderlichen Anordnungen für die Zeit der Minderjährigkeit des jungen
Königs zu treffen. Ludwig Philipp aber unterschlug diesen Befehl; er
theilte der Kammer nur die Abdankung des Königs und des Dauphins
mit. Von Heinrich V. sagte er kein Wort; die harmlosen Leute sollten
glauben, daß die Bourbonen ihr Thronrecht aufgegeben hätten.

So erschlich er sich die Krone durch schlechte Künste und verrieth seine
Vettern, minder ruchlos vielleicht aber ganz ebenso unritterlich wie einst
sein Vater den sechzehnten Ludwig verrathen hatte. Furcht und Ehrgeiz,
die beiden beherrschenden Kräfte seines Charakters, wirkten diesmal zu-
sammen; denn übernahm er nach seiner Fürstenpflicht die Statthalter-
schaft für den jungen König Heinrich V., so konnte der Haß, der auf dem
Namen der Bourbonen lastete, leicht auch ihn selber und das Haus Orleans
vernichten.

Mit reißender Schnelligkeit eilte nun das Ränkespiel dem Schlusse
zu; schon am 7. August wurde das Bürgerkönigthum Ludwig Philipp's
förmlich eingesetzt. Währenddem führte der entthronte König selber den

Die große Woche der Pariſer.
begangenen Unrechts die legitime und conſtitutionelle Ordnung auf lange
hinaus geſichert werden. Aber Treue fand ſich nirgends, klarer Entſchluß
nur bei den Männern, welche die Revolution von 1688 zu wiederholen
gedachten. Das vergoſſene Blut ſchrie um Sühne, der wilden Rachgier
ſchien die Regierung dieſes Königs fortan unmöglich. Da wagten Thiers,
Mignet und ihre Freunde zuerſt, in Flugblättern die Krone für den Herzog
Ludwig Philipp von Orleans zu verlangen. Hinter ihnen ſtand ein Un-
heil verkündender Name, der alte, von den Bourbonen undankbar zurück-
geſetzte Talleyrand; mit ſeiner untrüglichen Spürkraft ahnte er ſchon den
Umſchlag des Wetters und ſtand unbedenklich bereit, ſeine Segel wieder
von günſtigem Fahrwinde ſchwellen zu laſſen.

Herzog Ludwig Philipp hatte ſich ſo lange die Wage noch ſchwankte
im Parke von Neuilly verborgen gehalten und nur durch ſeine Schweſter
Madame Adelaide, den einzigen Mann der Familie Orleans, mit den
Sendboten ſeiner Anhänger unterhandeln laſſen. Schwankend zwiſchen
Angſt und Begehrlichkeit ließ er ſich endlich bereden in die Stadt zu kom-
men. Dort übernahm er das Reichsverweſeramt, das ihm die Kammern
antrugen und erſchien mit der dreifarbigen Fahne in der Hand auf der
alten Heimſtätte der Pariſer Aufſtände, auf dem Altane des Rathhauſes,
wo er den General Lafayette vor allem Volk umarmte. Nachher gab der
Held zweier Welten dem neuen Gewalthaber ſeinen Segen mit dem großen
Worte: nunmehr iſt der Thron von republikaniſchen Einrichtungen um-
geben. Dem Könige gingen nun endlich die Augen auf; er ernannte den
Herzog von Orleans auch ſeinerſeits zum Generalſtatthalter des König-
reichs. Schon Tags darauf, am 2. Auguſt, verzichtete er für ſich und
den Dauphin auf die Krone; zugleich befahl er dem Generalſtatthalter,
die Thronbeſteigung ſeines Enkels Heinrich V. zu verkündigen und die
erforderlichen Anordnungen für die Zeit der Minderjährigkeit des jungen
Königs zu treffen. Ludwig Philipp aber unterſchlug dieſen Befehl; er
theilte der Kammer nur die Abdankung des Königs und des Dauphins
mit. Von Heinrich V. ſagte er kein Wort; die harmloſen Leute ſollten
glauben, daß die Bourbonen ihr Thronrecht aufgegeben hätten.

So erſchlich er ſich die Krone durch ſchlechte Künſte und verrieth ſeine
Vettern, minder ruchlos vielleicht aber ganz ebenſo unritterlich wie einſt
ſein Vater den ſechzehnten Ludwig verrathen hatte. Furcht und Ehrgeiz,
die beiden beherrſchenden Kräfte ſeines Charakters, wirkten diesmal zu-
ſammen; denn übernahm er nach ſeiner Fürſtenpflicht die Statthalter-
ſchaft für den jungen König Heinrich V., ſo konnte der Haß, der auf dem
Namen der Bourbonen laſtete, leicht auch ihn ſelber und das Haus Orleans
vernichten.

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förmlich eingeſetzt. Währenddem führte der entthronte König ſelber den

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[15/0029] Die große Woche der Pariſer. begangenen Unrechts die legitime und conſtitutionelle Ordnung auf lange hinaus geſichert werden. Aber Treue fand ſich nirgends, klarer Entſchluß nur bei den Männern, welche die Revolution von 1688 zu wiederholen gedachten. Das vergoſſene Blut ſchrie um Sühne, der wilden Rachgier ſchien die Regierung dieſes Königs fortan unmöglich. Da wagten Thiers, Mignet und ihre Freunde zuerſt, in Flugblättern die Krone für den Herzog Ludwig Philipp von Orleans zu verlangen. Hinter ihnen ſtand ein Un- heil verkündender Name, der alte, von den Bourbonen undankbar zurück- geſetzte Talleyrand; mit ſeiner untrüglichen Spürkraft ahnte er ſchon den Umſchlag des Wetters und ſtand unbedenklich bereit, ſeine Segel wieder von günſtigem Fahrwinde ſchwellen zu laſſen. Herzog Ludwig Philipp hatte ſich ſo lange die Wage noch ſchwankte im Parke von Neuilly verborgen gehalten und nur durch ſeine Schweſter Madame Adelaide, den einzigen Mann der Familie Orleans, mit den Sendboten ſeiner Anhänger unterhandeln laſſen. Schwankend zwiſchen Angſt und Begehrlichkeit ließ er ſich endlich bereden in die Stadt zu kom- men. Dort übernahm er das Reichsverweſeramt, das ihm die Kammern antrugen und erſchien mit der dreifarbigen Fahne in der Hand auf der alten Heimſtätte der Pariſer Aufſtände, auf dem Altane des Rathhauſes, wo er den General Lafayette vor allem Volk umarmte. Nachher gab der Held zweier Welten dem neuen Gewalthaber ſeinen Segen mit dem großen Worte: nunmehr iſt der Thron von republikaniſchen Einrichtungen um- geben. Dem Könige gingen nun endlich die Augen auf; er ernannte den Herzog von Orleans auch ſeinerſeits zum Generalſtatthalter des König- reichs. Schon Tags darauf, am 2. Auguſt, verzichtete er für ſich und den Dauphin auf die Krone; zugleich befahl er dem Generalſtatthalter, die Thronbeſteigung ſeines Enkels Heinrich V. zu verkündigen und die erforderlichen Anordnungen für die Zeit der Minderjährigkeit des jungen Königs zu treffen. Ludwig Philipp aber unterſchlug dieſen Befehl; er theilte der Kammer nur die Abdankung des Königs und des Dauphins mit. Von Heinrich V. ſagte er kein Wort; die harmloſen Leute ſollten glauben, daß die Bourbonen ihr Thronrecht aufgegeben hätten. So erſchlich er ſich die Krone durch ſchlechte Künſte und verrieth ſeine Vettern, minder ruchlos vielleicht aber ganz ebenſo unritterlich wie einſt ſein Vater den ſechzehnten Ludwig verrathen hatte. Furcht und Ehrgeiz, die beiden beherrſchenden Kräfte ſeines Charakters, wirkten diesmal zu- ſammen; denn übernahm er nach ſeiner Fürſtenpflicht die Statthalter- ſchaft für den jungen König Heinrich V., ſo konnte der Haß, der auf dem Namen der Bourbonen laſtete, leicht auch ihn ſelber und das Haus Orleans vernichten. Mit reißender Schnelligkeit eilte nun das Ränkeſpiel dem Schluſſe zu; ſchon am 7. Auguſt wurde das Bürgerkönigthum Ludwig Philipp’s förmlich eingeſetzt. Währenddem führte der entthronte König ſelber den

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/29>, abgerufen am 23.08.2019.