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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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Kurfürst Wilhelm in Karlsbad.
das Vertrauen der Reichenbach, er hatte den Kurfürsten zum Eintritt in
den mitteldeutschen Handelsverein bewogen und konnte nun mit Befrie-
digung betrachten, wie das unglückliche, zwischen den Zolllinien Baierns
und Preußens eingeklammerte Ländchen dem Verderben seiner Volkswirth-
schaft entgegenging. Und bereits ließ sich voraussehen, daß die zerrütteten
Familienverhältnisse dieses Fürstenhauses, die schon so viel Elend über
das hessische Land gebracht, auch unter der künftigen Regierung fortdauern
würden. Um den Anmaßungen der Reichenbach auszuweichen lebte der
Kurprinz mit seiner Mutter jahrelang außer Landes; König Friedrich
Wilhelm ließ seiner Schwester große Summen vorstrecken, da der Kurfürst
den Beiden die Unterhaltsmittel verweigerte. Als die Kurfürstin unter
dem Jubel des Volkes endlich heimkehrte um sich in Fulda einen selb-
ständigen Hofhalt einzurichten, blieb der Sohn am Rhein zurück. Der
hatte in Bonn die Frau eines Rittmeisters Lehmann liebgewonnen und
führte mit ihr ein so anstößiges Leben, daß selbst der galante Lebemann
Hänlein sich verpflichtet hielt dem königlichen Oheim in Berlin zu melden:
ganz Hessen wünscht, "Allerhöchstdieselben möchten zum Wohle des hiesigen
Landes den nichtswürdigen Lebenswandel des Kurprinzen gewaltsam be-
schränken."*)

Im Juli 1830 reiste Kurfürst Wilhelm nach Wien um der Reichenbach
den österreichischen Fürstentitel zu verschaffen. Seine Hessen fürchteten
schon, er werde dann dem Beispiele Philipp's des Großmüthigen folgen
und das dämonische Weib förmlich zur Nebengemahlin erheben; die Akten
über Philipp's Doppelehe hatte er sich bereits nach Wilhelmshöhe kommen
lassen. Metternich aber fand diese Zumuthung doch bedenklich und verließ
die Hauptstadt plötzlich, kurz vor der Ankunft des Gastes. Als der Kurfürst
einige Tage darauf in Karlsbad eintraf, von der Hitze erschöpft, wüthend
wegen der vergeblichen Reise, wurde er von seiner enttäuschten Geliebten
sehr übel aufgenommen und verfiel in schwere Krankheit. Daheim ver-
breiteten sich unheimliche Gerüchte; man glaubte an den Tod des Kur-
fürsten, da der Bruder der Reichenbach, Heyer v. Rosenfeld unvermuthet
in Kassel erschien, Juwelen und Staatspapiere hastig einpackte und dann
mitsammt den Kindern seiner Schwester bei Nacht und Nebel aus dem
Lande floh. Die Bürgerschaft sendete drei Stadträthe nach Karlsbad um
sich von dem Zustande des Landesherrn zu überzeugen; auch der Kur-
prinz eilte herbei und versöhnte sich mit dem kranken Vater. Mittler-
weile ward das längst erbitterte Volk durch die Pariser und Brüsseler
Nachrichten stark aufgeregt. Der Groll wider die Tyrannei und das
wüste Treiben des Hofes ließ sich nicht mehr bändigen. Ueberall erklang
ein Gassenhauer, der die Raubgier der Reichenbach verwünschte: "von
dem Blutgeld jener Millionen wußt' die Bestie sich zu lohnen" -- und

*) Hänlein's Bericht, 10. Aug. 1830.

Kurfürſt Wilhelm in Karlsbad.
das Vertrauen der Reichenbach, er hatte den Kurfürſten zum Eintritt in
den mitteldeutſchen Handelsverein bewogen und konnte nun mit Befrie-
digung betrachten, wie das unglückliche, zwiſchen den Zolllinien Baierns
und Preußens eingeklammerte Ländchen dem Verderben ſeiner Volkswirth-
ſchaft entgegenging. Und bereits ließ ſich vorausſehen, daß die zerrütteten
Familienverhältniſſe dieſes Fürſtenhauſes, die ſchon ſo viel Elend über
das heſſiſche Land gebracht, auch unter der künftigen Regierung fortdauern
würden. Um den Anmaßungen der Reichenbach auszuweichen lebte der
Kurprinz mit ſeiner Mutter jahrelang außer Landes; König Friedrich
Wilhelm ließ ſeiner Schweſter große Summen vorſtrecken, da der Kurfürſt
den Beiden die Unterhaltsmittel verweigerte. Als die Kurfürſtin unter
dem Jubel des Volkes endlich heimkehrte um ſich in Fulda einen ſelb-
ſtändigen Hofhalt einzurichten, blieb der Sohn am Rhein zurück. Der
hatte in Bonn die Frau eines Rittmeiſters Lehmann liebgewonnen und
führte mit ihr ein ſo anſtößiges Leben, daß ſelbſt der galante Lebemann
Hänlein ſich verpflichtet hielt dem königlichen Oheim in Berlin zu melden:
ganz Heſſen wünſcht, „Allerhöchſtdieſelben möchten zum Wohle des hieſigen
Landes den nichtswürdigen Lebenswandel des Kurprinzen gewaltſam be-
ſchränken.“*)

Im Juli 1830 reiſte Kurfürſt Wilhelm nach Wien um der Reichenbach
den öſterreichiſchen Fürſtentitel zu verſchaffen. Seine Heſſen fürchteten
ſchon, er werde dann dem Beiſpiele Philipp’s des Großmüthigen folgen
und das dämoniſche Weib förmlich zur Nebengemahlin erheben; die Akten
über Philipp’s Doppelehe hatte er ſich bereits nach Wilhelmshöhe kommen
laſſen. Metternich aber fand dieſe Zumuthung doch bedenklich und verließ
die Hauptſtadt plötzlich, kurz vor der Ankunft des Gaſtes. Als der Kurfürſt
einige Tage darauf in Karlsbad eintraf, von der Hitze erſchöpft, wüthend
wegen der vergeblichen Reiſe, wurde er von ſeiner enttäuſchten Geliebten
ſehr übel aufgenommen und verfiel in ſchwere Krankheit. Daheim ver-
breiteten ſich unheimliche Gerüchte; man glaubte an den Tod des Kur-
fürſten, da der Bruder der Reichenbach, Heyer v. Roſenfeld unvermuthet
in Kaſſel erſchien, Juwelen und Staatspapiere haſtig einpackte und dann
mitſammt den Kindern ſeiner Schweſter bei Nacht und Nebel aus dem
Lande floh. Die Bürgerſchaft ſendete drei Stadträthe nach Karlsbad um
ſich von dem Zuſtande des Landesherrn zu überzeugen; auch der Kur-
prinz eilte herbei und verſöhnte ſich mit dem kranken Vater. Mittler-
weile ward das längſt erbitterte Volk durch die Pariſer und Brüſſeler
Nachrichten ſtark aufgeregt. Der Groll wider die Tyrannei und das
wüſte Treiben des Hofes ließ ſich nicht mehr bändigen. Ueberall erklang
ein Gaſſenhauer, der die Raubgier der Reichenbach verwünſchte: „von
dem Blutgeld jener Millionen wußt’ die Beſtie ſich zu lohnen“ — und

*) Hänlein’s Bericht, 10. Aug. 1830.
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[127/0141] Kurfürſt Wilhelm in Karlsbad. das Vertrauen der Reichenbach, er hatte den Kurfürſten zum Eintritt in den mitteldeutſchen Handelsverein bewogen und konnte nun mit Befrie- digung betrachten, wie das unglückliche, zwiſchen den Zolllinien Baierns und Preußens eingeklammerte Ländchen dem Verderben ſeiner Volkswirth- ſchaft entgegenging. Und bereits ließ ſich vorausſehen, daß die zerrütteten Familienverhältniſſe dieſes Fürſtenhauſes, die ſchon ſo viel Elend über das heſſiſche Land gebracht, auch unter der künftigen Regierung fortdauern würden. Um den Anmaßungen der Reichenbach auszuweichen lebte der Kurprinz mit ſeiner Mutter jahrelang außer Landes; König Friedrich Wilhelm ließ ſeiner Schweſter große Summen vorſtrecken, da der Kurfürſt den Beiden die Unterhaltsmittel verweigerte. Als die Kurfürſtin unter dem Jubel des Volkes endlich heimkehrte um ſich in Fulda einen ſelb- ſtändigen Hofhalt einzurichten, blieb der Sohn am Rhein zurück. Der hatte in Bonn die Frau eines Rittmeiſters Lehmann liebgewonnen und führte mit ihr ein ſo anſtößiges Leben, daß ſelbſt der galante Lebemann Hänlein ſich verpflichtet hielt dem königlichen Oheim in Berlin zu melden: ganz Heſſen wünſcht, „Allerhöchſtdieſelben möchten zum Wohle des hieſigen Landes den nichtswürdigen Lebenswandel des Kurprinzen gewaltſam be- ſchränken.“ *) Im Juli 1830 reiſte Kurfürſt Wilhelm nach Wien um der Reichenbach den öſterreichiſchen Fürſtentitel zu verſchaffen. Seine Heſſen fürchteten ſchon, er werde dann dem Beiſpiele Philipp’s des Großmüthigen folgen und das dämoniſche Weib förmlich zur Nebengemahlin erheben; die Akten über Philipp’s Doppelehe hatte er ſich bereits nach Wilhelmshöhe kommen laſſen. Metternich aber fand dieſe Zumuthung doch bedenklich und verließ die Hauptſtadt plötzlich, kurz vor der Ankunft des Gaſtes. Als der Kurfürſt einige Tage darauf in Karlsbad eintraf, von der Hitze erſchöpft, wüthend wegen der vergeblichen Reiſe, wurde er von ſeiner enttäuſchten Geliebten ſehr übel aufgenommen und verfiel in ſchwere Krankheit. Daheim ver- breiteten ſich unheimliche Gerüchte; man glaubte an den Tod des Kur- fürſten, da der Bruder der Reichenbach, Heyer v. Roſenfeld unvermuthet in Kaſſel erſchien, Juwelen und Staatspapiere haſtig einpackte und dann mitſammt den Kindern ſeiner Schweſter bei Nacht und Nebel aus dem Lande floh. Die Bürgerſchaft ſendete drei Stadträthe nach Karlsbad um ſich von dem Zuſtande des Landesherrn zu überzeugen; auch der Kur- prinz eilte herbei und verſöhnte ſich mit dem kranken Vater. Mittler- weile ward das längſt erbitterte Volk durch die Pariſer und Brüſſeler Nachrichten ſtark aufgeregt. Der Groll wider die Tyrannei und das wüſte Treiben des Hofes ließ ſich nicht mehr bändigen. Ueberall erklang ein Gaſſenhauer, der die Raubgier der Reichenbach verwünſchte: „von dem Blutgeld jener Millionen wußt’ die Beſtie ſich zu lohnen“ — und *) Hänlein’s Bericht, 10. Aug. 1830.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 127. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/141>, abgerufen am 22.09.2019.