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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1: Bis zum zweiten Pariser Frieden. Leipzig, 1879.

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Anfänge Brandenburgs.
senstamm die Krone trug blieb die deutsche Monarchie ein lebendiges
Königthum; ihre Macht zerfiel unter den Händen der Franken und der
Schwaben, zumeist durch den trotzigen Ungehorsam der sächsischen Fürsten.
Dann erwuchsen in Niederdeutschland die zwei mächtigsten politischen
Schöpfungen unseres späten Mittelalters, die Hansa und der deutsche
Orden, beide unabhängig von der Reichsgewalt, oftmals mit ihr ver-
feindet. Im Norden stand die Wiege der Reformation; an dem Wider-
stande der Norddeutschen scheiterte die hispanische Herrschaft, und seit die
undeutsche Politik der Habsburger den Dualismus im Reiche hervorge-
rufen, blieb der Norden das Kernland der deutschen Opposition. Die
Führung dieser Opposition ging im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts
von dem unfähigen Geschlechte der Wettiner auf die Hohenzollern über.
Der Schwerpunkt deutscher Politik verschob sich nach dem Nordosten.

Dort in den Marken jenseits der Elbe war aus dem Grundstock
der niedersächsischen Eroberer, aus Einwanderern von allen Landen
deutscher Zunge und aus geringen Trümmern des alteingesessenen Wenden-
volks ein neuer norddeutscher Stamm emporgewachsen, hart und wetter-
fest, gestählt durch schwere Arbeit auf kargem Erdreich wie durch die
unablässigen Kämpfe des Grenzerlebens, klug und selbständig nach
Colonistenart, gewohnt mit Herrenstolz auf die slavischen Nachbarn herab-
zusehen, so schroff und schneidig, wie es die gutmüthig gespaßige Derbheit
des niederdeutschen Charakters vermag. Dreimal hatte dies vielgeprüfte
Land das rauhe Tagewerk der Culturarbeit von vorn begonnen: zuerst
als die ascanischen Eroberer die Tannenwälder an den Havelseen rodeten
und ihre Städte, Burgen und Klöster im Wendenlande erbauten; dann
abermals zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, als die ersten
Hohenzollern den unter bairisch-lützelburgischer Herrschaft völlig zerrütteten
Frieden und Wohlstand sorgsam wieder herstellten; und jetzt wieder war
Brandenburg durch die Schrecken der dreißig Jahre schwerer heimgesucht
als die meisten deutschen Lande, mußte sich die ersten Anfänge der Ge-
sittung von Neuem erobern.

Die rauhe Sitte des armen Grenzlandes blieb während des Mittel-
alters im Reiche übel berüchtigt. Der römischen Kirche ist aus dem
Sande der Marken niemals ein Heiliger erwachsen; selten erklang ein
Minnelied an dem derben Hofe der ascanischen Markgrafen. Die fleißigen
Cistercienser von Lehnin trachteten allezeit mehr nach dem Ruhme tüchtiger
Landwirthe als nach den Kränzen der Kunst und Gelehrsamkeit; den
handfesten Bürgern der märkischen Städte verfloß das Leben in grober,
hausbackener Arbeit, nur die Prenzlauer durften ihre Marienkirche mit
den prächtigen Bauten der reichen Ostseestädte vergleichen. Allein durch
kriegerische Kraft und starken Ehrgeiz ragte der Staat der Brandenburger
über die Nachbarstämme hervor; schon die Ascanier und die Lützelburger
haben mehrmals den Plan erwogen, hier in der günstigen Lage zwischen

Anfänge Brandenburgs.
ſenſtamm die Krone trug blieb die deutſche Monarchie ein lebendiges
Königthum; ihre Macht zerfiel unter den Händen der Franken und der
Schwaben, zumeiſt durch den trotzigen Ungehorſam der ſächſiſchen Fürſten.
Dann erwuchſen in Niederdeutſchland die zwei mächtigſten politiſchen
Schöpfungen unſeres ſpäten Mittelalters, die Hanſa und der deutſche
Orden, beide unabhängig von der Reichsgewalt, oftmals mit ihr ver-
feindet. Im Norden ſtand die Wiege der Reformation; an dem Wider-
ſtande der Norddeutſchen ſcheiterte die hispaniſche Herrſchaft, und ſeit die
undeutſche Politik der Habsburger den Dualismus im Reiche hervorge-
rufen, blieb der Norden das Kernland der deutſchen Oppoſition. Die
Führung dieſer Oppoſition ging im Laufe des ſiebzehnten Jahrhunderts
von dem unfähigen Geſchlechte der Wettiner auf die Hohenzollern über.
Der Schwerpunkt deutſcher Politik verſchob ſich nach dem Nordoſten.

Dort in den Marken jenſeits der Elbe war aus dem Grundſtock
der niederſächſiſchen Eroberer, aus Einwanderern von allen Landen
deutſcher Zunge und aus geringen Trümmern des alteingeſeſſenen Wenden-
volks ein neuer norddeutſcher Stamm emporgewachſen, hart und wetter-
feſt, geſtählt durch ſchwere Arbeit auf kargem Erdreich wie durch die
unabläſſigen Kämpfe des Grenzerlebens, klug und ſelbſtändig nach
Coloniſtenart, gewohnt mit Herrenſtolz auf die ſlaviſchen Nachbarn herab-
zuſehen, ſo ſchroff und ſchneidig, wie es die gutmüthig geſpaßige Derbheit
des niederdeutſchen Charakters vermag. Dreimal hatte dies vielgeprüfte
Land das rauhe Tagewerk der Culturarbeit von vorn begonnen: zuerſt
als die ascaniſchen Eroberer die Tannenwälder an den Havelſeen rodeten
und ihre Städte, Burgen und Klöſter im Wendenlande erbauten; dann
abermals zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, als die erſten
Hohenzollern den unter bairiſch-lützelburgiſcher Herrſchaft völlig zerrütteten
Frieden und Wohlſtand ſorgſam wieder herſtellten; und jetzt wieder war
Brandenburg durch die Schrecken der dreißig Jahre ſchwerer heimgeſucht
als die meiſten deutſchen Lande, mußte ſich die erſten Anfänge der Ge-
ſittung von Neuem erobern.

Die rauhe Sitte des armen Grenzlandes blieb während des Mittel-
alters im Reiche übel berüchtigt. Der römiſchen Kirche iſt aus dem
Sande der Marken niemals ein Heiliger erwachſen; ſelten erklang ein
Minnelied an dem derben Hofe der ascaniſchen Markgrafen. Die fleißigen
Ciſtercienſer von Lehnin trachteten allezeit mehr nach dem Ruhme tüchtiger
Landwirthe als nach den Kränzen der Kunſt und Gelehrſamkeit; den
handfeſten Bürgern der märkiſchen Städte verfloß das Leben in grober,
hausbackener Arbeit, nur die Prenzlauer durften ihre Marienkirche mit
den prächtigen Bauten der reichen Oſtſeeſtädte vergleichen. Allein durch
kriegeriſche Kraft und ſtarken Ehrgeiz ragte der Staat der Brandenburger
über die Nachbarſtämme hervor; ſchon die Ascanier und die Lützelburger
haben mehrmals den Plan erwogen, hier in der günſtigen Lage zwiſchen

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[25/0041] Anfänge Brandenburgs. ſenſtamm die Krone trug blieb die deutſche Monarchie ein lebendiges Königthum; ihre Macht zerfiel unter den Händen der Franken und der Schwaben, zumeiſt durch den trotzigen Ungehorſam der ſächſiſchen Fürſten. Dann erwuchſen in Niederdeutſchland die zwei mächtigſten politiſchen Schöpfungen unſeres ſpäten Mittelalters, die Hanſa und der deutſche Orden, beide unabhängig von der Reichsgewalt, oftmals mit ihr ver- feindet. Im Norden ſtand die Wiege der Reformation; an dem Wider- ſtande der Norddeutſchen ſcheiterte die hispaniſche Herrſchaft, und ſeit die undeutſche Politik der Habsburger den Dualismus im Reiche hervorge- rufen, blieb der Norden das Kernland der deutſchen Oppoſition. Die Führung dieſer Oppoſition ging im Laufe des ſiebzehnten Jahrhunderts von dem unfähigen Geſchlechte der Wettiner auf die Hohenzollern über. Der Schwerpunkt deutſcher Politik verſchob ſich nach dem Nordoſten. Dort in den Marken jenſeits der Elbe war aus dem Grundſtock der niederſächſiſchen Eroberer, aus Einwanderern von allen Landen deutſcher Zunge und aus geringen Trümmern des alteingeſeſſenen Wenden- volks ein neuer norddeutſcher Stamm emporgewachſen, hart und wetter- feſt, geſtählt durch ſchwere Arbeit auf kargem Erdreich wie durch die unabläſſigen Kämpfe des Grenzerlebens, klug und ſelbſtändig nach Coloniſtenart, gewohnt mit Herrenſtolz auf die ſlaviſchen Nachbarn herab- zuſehen, ſo ſchroff und ſchneidig, wie es die gutmüthig geſpaßige Derbheit des niederdeutſchen Charakters vermag. Dreimal hatte dies vielgeprüfte Land das rauhe Tagewerk der Culturarbeit von vorn begonnen: zuerſt als die ascaniſchen Eroberer die Tannenwälder an den Havelſeen rodeten und ihre Städte, Burgen und Klöſter im Wendenlande erbauten; dann abermals zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, als die erſten Hohenzollern den unter bairiſch-lützelburgiſcher Herrſchaft völlig zerrütteten Frieden und Wohlſtand ſorgſam wieder herſtellten; und jetzt wieder war Brandenburg durch die Schrecken der dreißig Jahre ſchwerer heimgeſucht als die meiſten deutſchen Lande, mußte ſich die erſten Anfänge der Ge- ſittung von Neuem erobern. Die rauhe Sitte des armen Grenzlandes blieb während des Mittel- alters im Reiche übel berüchtigt. Der römiſchen Kirche iſt aus dem Sande der Marken niemals ein Heiliger erwachſen; ſelten erklang ein Minnelied an dem derben Hofe der ascaniſchen Markgrafen. Die fleißigen Ciſtercienſer von Lehnin trachteten allezeit mehr nach dem Ruhme tüchtiger Landwirthe als nach den Kränzen der Kunſt und Gelehrſamkeit; den handfeſten Bürgern der märkiſchen Städte verfloß das Leben in grober, hausbackener Arbeit, nur die Prenzlauer durften ihre Marienkirche mit den prächtigen Bauten der reichen Oſtſeeſtädte vergleichen. Allein durch kriegeriſche Kraft und ſtarken Ehrgeiz ragte der Staat der Brandenburger über die Nachbarſtämme hervor; ſchon die Ascanier und die Lützelburger haben mehrmals den Plan erwogen, hier in der günſtigen Lage zwiſchen

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1: Bis zum zweiten Pariser Frieden. Leipzig, 1879, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte01_1879/41>, abgerufen am 23.10.2019.