Am Dienstag, dem 19. November 2019, finden von 9 bis 14 Uhr Wartungsarbeiten an unseren Servern statt. Bitte beachten Sie, dass die DTA-Seiten in dieser Zeit nicht erreichbar sein werden.
Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1: Bis zum zweiten Pariser Frieden. Leipzig, 1879.

Bild:
<< vorherige Seite

Die kaiserliche Partei.
die vorderösterreichischen Besitzungen am Rheine mit den Kernlanden der
Monarchie zu verbinden; seit Karl VI. nimmt sie auch die italienische
Politik der spanischen Habsburger wieder auf und strebt jenseits der
Alpen die Oberhand zu behaupten; dazwischen hinein spielen in raschem
Wechsel kecke Anschläge gegen Polen und die Osmanen: -- ein Uebermaß
unsteter Herrschsucht, das den mächtigen Staat von einer Niederlage zur
andern führt.

Also stand die kaiserliche Macht der protestantisch-deutschen Bildung
feindselig, den europäischen Aufgaben der deutschen Politik gleichgiltig, den
Handelsinteressen unserer Küsten mit binnenländischer Beschränktheit gegen-
über. Die Habsburg-Lothringer konnten in den unklaren Befugnissen
des Kaiserthums nur ein willkommenes Mittel sehen um die gewaltige
kriegerische Kraft deutscher Nation auszubeuten für die Zwecke des Hauses
Oesterreich, die Machtfragen dieser Hauspolitik zu entscheiden durch den
Mißbrauch der Formen des Reichsrechts. Die altehrwürdige kaiserliche
Gerichtsbarkeit ward ein Tummelplatz für rabulistische Künste, Deutschlands
auswärtige Politik ein unberechenbares Spiel. Das Reich, von der
Hofburg bald fremden Angriffen preisgegeben, bald in undeutsche Händel
hineingezogen, mußte regelmäßig den Preis für Oesterreichs Niederlagen
zahlen. Holland und die Schweiz, Schleswigholstein, Pommern und
das Ordensland, Elsaß und Lothringen gingen wesentlich durch die Schuld
der Habsburger dem Reiche verloren: unersetzliche Verluste, minder
schmachvoll für jene halbfremde Macht, welche die Kaiserpflicht mit den
Interessen ihres Hauses nicht vereinigen konnte, als für die deutsche
Nation, die nach solchem Unsegen der Fremdherrschaft nimmer den Willen
fand das Löwenbündniß mit Oesterreich zu zerreißen.

Das Kaiserthum wurzelte in einer überwundenen Vergangenheit
und fand darum seinen natürlichen Gegner in dem erstarkenden weltlichen
Fürstenthum, seine Anhänger unter den verfaulten und verkommenen
Gliedern des Reichs. "Das stiftische Deutschland" bildete den Kern der
österreichischen Partei: jene reichgesegneten geistlichen Gebiete, die, durch die
Siege der Gegenreformation der römischen Kirche zurückgegeben, nunmehr
unter der weichen Herrschaft des Krummstabs, im Behagen der Vetterschaft
und der Sinnlichkeit ein bequemes Stillleben führten. Sie konnten,
rings umklammert und durchschnitten von evangelischen Gebieten, dem
Leben der Nation nicht so gänzlich entfremdet werden wie die kaiserlichen
Erblande; mancher milde und gelehrte Kirchenfürst kam den Ideen des
Zeitalters der Aufklärung freudig entgegen. Doch die politische Lebens-
kraft der geistlichen Staaten blieb unrettbar verloren, und der Gedanken-
arbeit des neuen Jahrhunderts stand die Masse des Volkes in Köln,
Mainz und Trier so fern, daß späterhin der Verlust des linken Rhein-
ufers dem geistigen Leben Deutschlands kaum eine fühlbare Wunde schlug.
Zum Kaiser hielt desgleichen der mächtige katholische Adel, der in seinen

Die kaiſerliche Partei.
die vorderöſterreichiſchen Beſitzungen am Rheine mit den Kernlanden der
Monarchie zu verbinden; ſeit Karl VI. nimmt ſie auch die italieniſche
Politik der ſpaniſchen Habsburger wieder auf und ſtrebt jenſeits der
Alpen die Oberhand zu behaupten; dazwiſchen hinein ſpielen in raſchem
Wechſel kecke Anſchläge gegen Polen und die Osmanen: — ein Uebermaß
unſteter Herrſchſucht, das den mächtigen Staat von einer Niederlage zur
andern führt.

Alſo ſtand die kaiſerliche Macht der proteſtantiſch-deutſchen Bildung
feindſelig, den europäiſchen Aufgaben der deutſchen Politik gleichgiltig, den
Handelsintereſſen unſerer Küſten mit binnenländiſcher Beſchränktheit gegen-
über. Die Habsburg-Lothringer konnten in den unklaren Befugniſſen
des Kaiſerthums nur ein willkommenes Mittel ſehen um die gewaltige
kriegeriſche Kraft deutſcher Nation auszubeuten für die Zwecke des Hauſes
Oeſterreich, die Machtfragen dieſer Hauspolitik zu entſcheiden durch den
Mißbrauch der Formen des Reichsrechts. Die altehrwürdige kaiſerliche
Gerichtsbarkeit ward ein Tummelplatz für rabuliſtiſche Künſte, Deutſchlands
auswärtige Politik ein unberechenbares Spiel. Das Reich, von der
Hofburg bald fremden Angriffen preisgegeben, bald in undeutſche Händel
hineingezogen, mußte regelmäßig den Preis für Oeſterreichs Niederlagen
zahlen. Holland und die Schweiz, Schleswigholſtein, Pommern und
das Ordensland, Elſaß und Lothringen gingen weſentlich durch die Schuld
der Habsburger dem Reiche verloren: unerſetzliche Verluſte, minder
ſchmachvoll für jene halbfremde Macht, welche die Kaiſerpflicht mit den
Intereſſen ihres Hauſes nicht vereinigen konnte, als für die deutſche
Nation, die nach ſolchem Unſegen der Fremdherrſchaft nimmer den Willen
fand das Löwenbündniß mit Oeſterreich zu zerreißen.

Das Kaiſerthum wurzelte in einer überwundenen Vergangenheit
und fand darum ſeinen natürlichen Gegner in dem erſtarkenden weltlichen
Fürſtenthum, ſeine Anhänger unter den verfaulten und verkommenen
Gliedern des Reichs. „Das ſtiftiſche Deutſchland“ bildete den Kern der
öſterreichiſchen Partei: jene reichgeſegneten geiſtlichen Gebiete, die, durch die
Siege der Gegenreformation der römiſchen Kirche zurückgegeben, nunmehr
unter der weichen Herrſchaft des Krummſtabs, im Behagen der Vetterſchaft
und der Sinnlichkeit ein bequemes Stillleben führten. Sie konnten,
rings umklammert und durchſchnitten von evangeliſchen Gebieten, dem
Leben der Nation nicht ſo gänzlich entfremdet werden wie die kaiſerlichen
Erblande; mancher milde und gelehrte Kirchenfürſt kam den Ideen des
Zeitalters der Aufklärung freudig entgegen. Doch die politiſche Lebens-
kraft der geiſtlichen Staaten blieb unrettbar verloren, und der Gedanken-
arbeit des neuen Jahrhunderts ſtand die Maſſe des Volkes in Köln,
Mainz und Trier ſo fern, daß ſpäterhin der Verluſt des linken Rhein-
ufers dem geiſtigen Leben Deutſchlands kaum eine fühlbare Wunde ſchlug.
Zum Kaiſer hielt desgleichen der mächtige katholiſche Adel, der in ſeinen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0031" n="15"/><fw place="top" type="header">Die kai&#x017F;erliche Partei.</fw><lb/>
die vorderö&#x017F;terreichi&#x017F;chen Be&#x017F;itzungen am Rheine mit den Kernlanden der<lb/>
Monarchie zu verbinden; &#x017F;eit Karl <hi rendition="#aq">VI.</hi> nimmt &#x017F;ie auch die italieni&#x017F;che<lb/>
Politik der &#x017F;pani&#x017F;chen Habsburger wieder auf und &#x017F;trebt jen&#x017F;eits der<lb/>
Alpen die Oberhand zu behaupten; dazwi&#x017F;chen hinein &#x017F;pielen in ra&#x017F;chem<lb/>
Wech&#x017F;el kecke An&#x017F;chläge gegen Polen und die Osmanen: &#x2014; ein Uebermaß<lb/>
un&#x017F;teter Herr&#x017F;ch&#x017F;ucht, das den mächtigen Staat von einer Niederlage zur<lb/>
andern führt.</p><lb/>
            <p>Al&#x017F;o &#x017F;tand die kai&#x017F;erliche Macht der prote&#x017F;tanti&#x017F;ch-deut&#x017F;chen Bildung<lb/>
feind&#x017F;elig, den europäi&#x017F;chen Aufgaben der deut&#x017F;chen Politik gleichgiltig, den<lb/>
Handelsintere&#x017F;&#x017F;en un&#x017F;erer Kü&#x017F;ten mit binnenländi&#x017F;cher Be&#x017F;chränktheit gegen-<lb/>
über. Die Habsburg-Lothringer konnten in den unklaren Befugni&#x017F;&#x017F;en<lb/>
des Kai&#x017F;erthums nur ein willkommenes Mittel &#x017F;ehen um die gewaltige<lb/>
kriegeri&#x017F;che Kraft deut&#x017F;cher Nation auszubeuten für die Zwecke des Hau&#x017F;es<lb/>
Oe&#x017F;terreich, die Machtfragen die&#x017F;er Hauspolitik zu ent&#x017F;cheiden durch den<lb/>
Mißbrauch der Formen des Reichsrechts. Die altehrwürdige kai&#x017F;erliche<lb/>
Gerichtsbarkeit ward ein Tummelplatz für rabuli&#x017F;ti&#x017F;che Kün&#x017F;te, Deut&#x017F;chlands<lb/>
auswärtige Politik ein unberechenbares Spiel. Das Reich, von der<lb/>
Hofburg bald fremden Angriffen preisgegeben, bald in undeut&#x017F;che Händel<lb/>
hineingezogen, mußte regelmäßig den Preis für Oe&#x017F;terreichs Niederlagen<lb/>
zahlen. Holland und die Schweiz, Schleswighol&#x017F;tein, Pommern und<lb/>
das Ordensland, El&#x017F;aß und Lothringen gingen we&#x017F;entlich durch die Schuld<lb/>
der Habsburger dem Reiche verloren: uner&#x017F;etzliche Verlu&#x017F;te, minder<lb/>
&#x017F;chmachvoll für jene halbfremde Macht, welche die Kai&#x017F;erpflicht mit den<lb/>
Intere&#x017F;&#x017F;en ihres Hau&#x017F;es nicht vereinigen konnte, als für die deut&#x017F;che<lb/>
Nation, die nach &#x017F;olchem Un&#x017F;egen der Fremdherr&#x017F;chaft nimmer den Willen<lb/>
fand das Löwenbündniß mit Oe&#x017F;terreich zu zerreißen.</p><lb/>
            <p>Das Kai&#x017F;erthum wurzelte in einer überwundenen Vergangenheit<lb/>
und fand darum &#x017F;einen natürlichen Gegner in dem er&#x017F;tarkenden weltlichen<lb/>
Für&#x017F;tenthum, &#x017F;eine Anhänger unter den verfaulten und verkommenen<lb/>
Gliedern des Reichs. &#x201E;Das &#x017F;tifti&#x017F;che Deut&#x017F;chland&#x201C; bildete den Kern der<lb/>
ö&#x017F;terreichi&#x017F;chen Partei: jene reichge&#x017F;egneten gei&#x017F;tlichen Gebiete, die, durch die<lb/>
Siege der Gegenreformation der römi&#x017F;chen Kirche zurückgegeben, nunmehr<lb/>
unter der weichen Herr&#x017F;chaft des Krumm&#x017F;tabs, im Behagen der Vetter&#x017F;chaft<lb/>
und der Sinnlichkeit ein bequemes Stillleben führten. Sie konnten,<lb/>
rings umklammert und durch&#x017F;chnitten von evangeli&#x017F;chen Gebieten, dem<lb/>
Leben der Nation nicht &#x017F;o gänzlich entfremdet werden wie die kai&#x017F;erlichen<lb/>
Erblande; mancher milde und gelehrte Kirchenfür&#x017F;t kam den Ideen des<lb/>
Zeitalters der Aufklärung freudig entgegen. Doch die politi&#x017F;che Lebens-<lb/>
kraft der gei&#x017F;tlichen Staaten blieb unrettbar verloren, und der Gedanken-<lb/>
arbeit des neuen Jahrhunderts &#x017F;tand die Ma&#x017F;&#x017F;e des Volkes in Köln,<lb/>
Mainz und Trier &#x017F;o fern, daß &#x017F;päterhin der Verlu&#x017F;t des linken Rhein-<lb/>
ufers dem gei&#x017F;tigen Leben Deut&#x017F;chlands kaum eine fühlbare Wunde &#x017F;chlug.<lb/>
Zum Kai&#x017F;er hielt desgleichen der mächtige katholi&#x017F;che Adel, der in &#x017F;einen<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[15/0031] Die kaiſerliche Partei. die vorderöſterreichiſchen Beſitzungen am Rheine mit den Kernlanden der Monarchie zu verbinden; ſeit Karl VI. nimmt ſie auch die italieniſche Politik der ſpaniſchen Habsburger wieder auf und ſtrebt jenſeits der Alpen die Oberhand zu behaupten; dazwiſchen hinein ſpielen in raſchem Wechſel kecke Anſchläge gegen Polen und die Osmanen: — ein Uebermaß unſteter Herrſchſucht, das den mächtigen Staat von einer Niederlage zur andern führt. Alſo ſtand die kaiſerliche Macht der proteſtantiſch-deutſchen Bildung feindſelig, den europäiſchen Aufgaben der deutſchen Politik gleichgiltig, den Handelsintereſſen unſerer Küſten mit binnenländiſcher Beſchränktheit gegen- über. Die Habsburg-Lothringer konnten in den unklaren Befugniſſen des Kaiſerthums nur ein willkommenes Mittel ſehen um die gewaltige kriegeriſche Kraft deutſcher Nation auszubeuten für die Zwecke des Hauſes Oeſterreich, die Machtfragen dieſer Hauspolitik zu entſcheiden durch den Mißbrauch der Formen des Reichsrechts. Die altehrwürdige kaiſerliche Gerichtsbarkeit ward ein Tummelplatz für rabuliſtiſche Künſte, Deutſchlands auswärtige Politik ein unberechenbares Spiel. Das Reich, von der Hofburg bald fremden Angriffen preisgegeben, bald in undeutſche Händel hineingezogen, mußte regelmäßig den Preis für Oeſterreichs Niederlagen zahlen. Holland und die Schweiz, Schleswigholſtein, Pommern und das Ordensland, Elſaß und Lothringen gingen weſentlich durch die Schuld der Habsburger dem Reiche verloren: unerſetzliche Verluſte, minder ſchmachvoll für jene halbfremde Macht, welche die Kaiſerpflicht mit den Intereſſen ihres Hauſes nicht vereinigen konnte, als für die deutſche Nation, die nach ſolchem Unſegen der Fremdherrſchaft nimmer den Willen fand das Löwenbündniß mit Oeſterreich zu zerreißen. Das Kaiſerthum wurzelte in einer überwundenen Vergangenheit und fand darum ſeinen natürlichen Gegner in dem erſtarkenden weltlichen Fürſtenthum, ſeine Anhänger unter den verfaulten und verkommenen Gliedern des Reichs. „Das ſtiftiſche Deutſchland“ bildete den Kern der öſterreichiſchen Partei: jene reichgeſegneten geiſtlichen Gebiete, die, durch die Siege der Gegenreformation der römiſchen Kirche zurückgegeben, nunmehr unter der weichen Herrſchaft des Krummſtabs, im Behagen der Vetterſchaft und der Sinnlichkeit ein bequemes Stillleben führten. Sie konnten, rings umklammert und durchſchnitten von evangeliſchen Gebieten, dem Leben der Nation nicht ſo gänzlich entfremdet werden wie die kaiſerlichen Erblande; mancher milde und gelehrte Kirchenfürſt kam den Ideen des Zeitalters der Aufklärung freudig entgegen. Doch die politiſche Lebens- kraft der geiſtlichen Staaten blieb unrettbar verloren, und der Gedanken- arbeit des neuen Jahrhunderts ſtand die Maſſe des Volkes in Köln, Mainz und Trier ſo fern, daß ſpäterhin der Verluſt des linken Rhein- ufers dem geiſtigen Leben Deutſchlands kaum eine fühlbare Wunde ſchlug. Zum Kaiſer hielt desgleichen der mächtige katholiſche Adel, der in ſeinen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte01_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte01_1879/31
Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1: Bis zum zweiten Pariser Frieden. Leipzig, 1879, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte01_1879/31>, abgerufen am 14.11.2019.