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Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696.

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des allgemeinen Unglücks.
dir am nechsten kömmt. Und die zahmen Thiere
die unter dir leben/ als absonderlich der Hund/
werden von dir zur Zärtligkeit und Geilheit/
durch die wiedernatürliche Speise und Tranck/
die du ihnen giebest/ und durch andern Miß-
brauch/ der nicht nöthig zu sagen ist/ verleitet.

56. Wir haben oben gesagt/ daß das Vor-
urtheil der Ungedult dem Vorurtheil der Uber-
eylung/ und das Vorurtheil der Nachahmung
dem Vorurtheil menschlicher Autorität sehr
gleich sey/ welches unter andern auch aus denen
gleichen Beschaffenheiten/ und wenn wir das
erwegen/ was wir in dem letzten Capitel des er-
sten Theils unserer Vernunfftlehre §. 45. u. s w.
von jenen beyden Vorurtheilen gesaget haben/
zuerkennen seyn wird. Das Vorurtheil der
Nachahmung ist älter/ als das Vorur-
theil der Ungedult
. Denn bey den Kindern
spüret man alsobald die äffische Nachahmung;
aber die Ungedult/ die durch unsere Verführung
entstehet/ lässet sich viel später spüren.

57. So ist demnach die Nachahmung tief-
fer eingewurtzelt/
als die Ungedult/ (denn je-
ne gehöret auch zum Wesen der unvernünffti-
gen Liebe/ diese aber ist nur eine Frucht davon/)
und folglich kan man auch die Ungedult eher
dämpffen
und loß werden/ als die böse Nach-
ahmung.

58. Jedoch sind diese beyde Vorurtheile
bey dem Menschen mehrentheils mit einan-

der
C 2

des allgemeinen Ungluͤcks.
dir am nechſten koͤm̃t. Und die zahmen Thiere
die unter dir leben/ als abſonderlich der Hund/
werden von dir zur Zaͤrtligkeit und Geilheit/
durch die wiedernatuͤrliche Speiſe und Tranck/
die du ihnen giebeſt/ und durch andern Miß-
brauch/ der nicht noͤthig zu ſagen iſt/ verleitet.

56. Wir haben oben geſagt/ daß das Vor-
urtheil der Ungedult dem Vorurtheil der Uber-
eylung/ und das Vorurtheil der Nachahmung
dem Vorurtheil menſchlicher Autoritaͤt ſehr
gleich ſey/ welches unter andern auch aus denen
gleichen Beſchaffenheiten/ und wenn wir das
erwegen/ was wir in dem letzten Capitel des er-
ſten Theils unſerer Vernunfftlehre §. 45. u. ſ w.
von jenen beyden Vorurtheilen geſaget haben/
zuerkennen ſeyn wird. Das Vorurtheil der
Nachahmung iſt aͤlter/ als das Vorur-
theil der Ungedult
. Denn bey den Kindern
ſpuͤret man alſobald die aͤffiſche Nachahmung;
aber die Ungedult/ die durch unſere Verfuͤhrung
entſtehet/ laͤſſet ſich viel ſpaͤter ſpuͤren.

57. So iſt demnach die Nachahmung tief-
fer eingewurtzelt/
als die Ungedult/ (denn je-
ne gehoͤret auch zum Weſen der unvernuͤnffti-
gen Liebe/ dieſe aber iſt nur eine Frucht davon/)
und folglich kan man auch die Ungedult eher
daͤmpffen
und loß werden/ als die boͤſe Nach-
ahmung.

58. Jedoch ſind dieſe beyde Vorurtheile
bey dem Menſchen mehrentheils mit einan-

der
C 2
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[35/0047] des allgemeinen Ungluͤcks. dir am nechſten koͤm̃t. Und die zahmen Thiere die unter dir leben/ als abſonderlich der Hund/ werden von dir zur Zaͤrtligkeit und Geilheit/ durch die wiedernatuͤrliche Speiſe und Tranck/ die du ihnen giebeſt/ und durch andern Miß- brauch/ der nicht noͤthig zu ſagen iſt/ verleitet. 56. Wir haben oben geſagt/ daß das Vor- urtheil der Ungedult dem Vorurtheil der Uber- eylung/ und das Vorurtheil der Nachahmung dem Vorurtheil menſchlicher Autoritaͤt ſehr gleich ſey/ welches unter andern auch aus denen gleichen Beſchaffenheiten/ und wenn wir das erwegen/ was wir in dem letzten Capitel des er- ſten Theils unſerer Vernunfftlehre §. 45. u. ſ w. von jenen beyden Vorurtheilen geſaget haben/ zuerkennen ſeyn wird. Das Vorurtheil der Nachahmung iſt aͤlter/ als das Vorur- theil der Ungedult. Denn bey den Kindern ſpuͤret man alſobald die aͤffiſche Nachahmung; aber die Ungedult/ die durch unſere Verfuͤhrung entſtehet/ laͤſſet ſich viel ſpaͤter ſpuͤren. 57. So iſt demnach die Nachahmung tief- fer eingewurtzelt/ als die Ungedult/ (denn je- ne gehoͤret auch zum Weſen der unvernuͤnffti- gen Liebe/ dieſe aber iſt nur eine Frucht davon/) und folglich kan man auch die Ungedult eher daͤmpffen und loß werden/ als die boͤſe Nach- ahmung. 58. Jedoch ſind dieſe beyde Vorurtheile bey dem Menſchen mehrentheils mit einan- der C 2

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/47>, abgerufen am 23.05.2019.