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Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696.

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Das 1. Hauptst. von denen Urs.
und die Ursachen/ warumb etliche Menschen
denselben nicht vertragen können/ alhier genau
zu untersuchen. Es ist gnung/ daß der allgemei-
ne Zug zur Lust-Seuche/ auch ohne vorherge-
hende Exempel/ und die Begierde nach der ihr
anklebenden nur einmahl gekosteten empfindli-
chen Wollust deinen Einwurff weit überwe-
get.

55. Mit einem Worte/ deine Gemüths-
Unruhe/
deine unvernünfftige Liebe/ die bey
dir/ an dir/ und in dir ist/ die das gantze Wesen
deines Willens durcharbeitet hat/ wie der Sau-
erteig den Teig/ die ist deines Unglücks Ursa-
che/ nicht eine so genaue sinnliche Begierde/
die von denen Bestien herrührete/
oder die
nur ein Rathgeber des Willens als eines Köni-
ges wäre. Denn wie wir diese Fabel von der
unter diesem Gleichnüß vorgestelleten sinnli-
chen Begierde/ die der Mensch mit denen Be-
stien gleich haben solle/ schon öffters wiederle-
get; also wirstu gar bald gewahr werden/ daß
du mehr Bestie seyst als die Bestien selbst/
ja daß du die armen Bestien mehr nach
deiner verderbten Natur verderbest/ als
daß du von ihnen verderbet werden soltest
.
Das Vieh isset und trincket nicht mehr als die
Natur erfordert/ es kan Hitze und Frost vertra-
gen/ es hat seine gewissen Zeiten zur Vermi-
schung/ es weiß nichts von eiteler Ehre und von
Geitz. Der eintzige Affe affet alles nach/ weil er

dir

Das 1. Hauptſt. von denen Urſ.
und die Urſachen/ warumb etliche Menſchen
denſelben nicht vertragen koͤnnen/ alhier genau
zu unterſuchen. Es iſt gnung/ daß der allgemei-
ne Zug zur Luſt-Seuche/ auch ohne vorherge-
hende Exempel/ und die Begierde nach der ihr
anklebenden nur einmahl gekoſteten empfindli-
chen Wolluſt deinen Einwurff weit uͤberwe-
get.

55. Mit einem Worte/ deine Gemuͤths-
Unruhe/
deine unvernuͤnfftige Liebe/ die bey
dir/ an dir/ und in dir iſt/ die das gantze Weſen
deines Willens durcharbeitet hat/ wie der Sau-
erteig den Teig/ die iſt deines Ungluͤcks Urſa-
che/ nicht eine ſo genaue ſinnliche Begierde/
die von denen Beſtien herruͤhrete/
oder die
nur ein Rathgeber des Willens als eines Koͤni-
ges waͤre. Denn wie wir dieſe Fabel von der
unter dieſem Gleichnuͤß vorgeſtelleten ſinnli-
chen Begierde/ die der Menſch mit denen Be-
ſtien gleich haben ſolle/ ſchon oͤffters wiederle-
get; alſo wirſtu gar bald gewahr werden/ daß
du mehr Beſtie ſeyſt als die Beſtien ſelbſt/
ja daß du die armen Beſtien mehr nach
deiner verderbten Natur verderbeſt/ als
daß du von ihnen verderbet werden ſolteſt
.
Das Vieh iſſet und trincket nicht mehr als die
Natur erfordert/ es kan Hitze und Froſt vertra-
gen/ es hat ſeine gewiſſen Zeiten zur Vermi-
ſchung/ es weiß nichts von eiteler Ehre und von
Geitz. Der eintzige Affe affet alles nach/ weil er

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[34/0046] Das 1. Hauptſt. von denen Urſ. und die Urſachen/ warumb etliche Menſchen denſelben nicht vertragen koͤnnen/ alhier genau zu unterſuchen. Es iſt gnung/ daß der allgemei- ne Zug zur Luſt-Seuche/ auch ohne vorherge- hende Exempel/ und die Begierde nach der ihr anklebenden nur einmahl gekoſteten empfindli- chen Wolluſt deinen Einwurff weit uͤberwe- get. 55. Mit einem Worte/ deine Gemuͤths- Unruhe/ deine unvernuͤnfftige Liebe/ die bey dir/ an dir/ und in dir iſt/ die das gantze Weſen deines Willens durcharbeitet hat/ wie der Sau- erteig den Teig/ die iſt deines Ungluͤcks Urſa- che/ nicht eine ſo genaue ſinnliche Begierde/ die von denen Beſtien herruͤhrete/ oder die nur ein Rathgeber des Willens als eines Koͤni- ges waͤre. Denn wie wir dieſe Fabel von der unter dieſem Gleichnuͤß vorgeſtelleten ſinnli- chen Begierde/ die der Menſch mit denen Be- ſtien gleich haben ſolle/ ſchon oͤffters wiederle- get; alſo wirſtu gar bald gewahr werden/ daß du mehr Beſtie ſeyſt als die Beſtien ſelbſt/ ja daß du die armen Beſtien mehr nach deiner verderbten Natur verderbeſt/ als daß du von ihnen verderbet werden ſolteſt. Das Vieh iſſet und trincket nicht mehr als die Natur erfordert/ es kan Hitze und Froſt vertra- gen/ es hat ſeine gewiſſen Zeiten zur Vermi- ſchung/ es weiß nichts von eiteler Ehre und von Geitz. Der eintzige Affe affet alles nach/ weil er dir

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696, S. 34. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/46>, abgerufen am 22.03.2019.