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Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696.

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Das 1. Hauptst. von denen Ursachen

54. Aber mein liebster Freund/ betreug dich
nicht. Dieses ist eben ein neues anzeigen deines
grossen Elendes das in dir selbst steckt/ daß du die
Ursache desselben so gerne von dir abweltzen/ und
auff andere schieben wilst/ und dir einbildest/ du
habest noch so herrliche Gründe vorgebracht/ die
doch gar nichts nütze sind/ wie du selber wirst ge-
stehen müssen/ wenn du sie nur ohne Partheylig-
keit ansehen willst. Denn anfänglich weistu
wohl/ daß man dadurch seine Unschuld nicht
vertheydiget/ wenn man andere anklaget/

sondern daß man nur dadurch andere zu Gesellen
seiner Schuld oder Thorheit macht. So
weistu dich auch nicht wenig/ wenn du von dem
Vorurtheil der bösen Exempel schwatzest. Die
bösen Exempel geben wohl Gelegenheit zur Ver-
führung/ aber sie würcken das Vorurtheil nicht/
daß selbiges von Jhnen müsse benennet werden.
Hastu schon vergessen/ daß wir dieses Vorur-
theil nicht ein Vorurtheil böser Exempel/ son-
dern ein Vorurtheil der Nachahmung ge-
nennet? Hastu schon vergessen/ daß wir nur jetzo
gesagt/ daß der Mensch auch gute Exempel vor
sich habe? Daß dasjenige/ was uns zu sich zie-
het/ eine Gleichheit mit uns haben müsse? Wa-
rumb folgestu also nicht vielmehr diesen guten
Exempeln? Und warumb giebestu dadurch zu-
verstehen/ daß in dir der Saame des Unglücks
stecke/
nemblich die Gleichheit/ die sich frey-
willig und gerne nach diesen bösen Exempeln zie-

hen
Das 1. Hauptſt. von denen Urſachen

54. Aber mein liebſter Freund/ betreug dich
nicht. Dieſes iſt eben ein neues anzeigen deines
groſſen Elendes das in dir ſelbſt ſteckt/ daß du die
Urſache deſſelben ſo gerne von dir abweltzen/ und
auff andere ſchieben wilſt/ und dir einbildeſt/ du
habeſt noch ſo herrliche Gruͤnde vorgebracht/ die
doch gar nichts nuͤtze ſind/ wie du ſelber wirſt ge-
ſtehen muͤſſen/ wenn du ſie nur ohne Partheylig-
keit anſehen willſt. Denn anfaͤnglich weiſtu
wohl/ daß man dadurch ſeine Unſchuld nicht
vertheydiget/ wenn man andere anklaget/

ſondern daß man nur dadurch andere zu Geſellen
ſeiner Schuld oder Thorheit macht. So
weiſtu dich auch nicht wenig/ wenn du von dem
Vorurtheil der boͤſen Exempel ſchwatzeſt. Die
boͤſen Exempel geben wohl Gelegenheit zur Ver-
fuͤhrung/ aber ſie wuͤrcken das Vorurtheil nicht/
daß ſelbiges von Jhnen muͤſſe benennet werden.
Haſtu ſchon vergeſſen/ daß wir dieſes Vorur-
theil nicht ein Vorurtheil boͤſer Exempel/ ſon-
dern ein Vorurtheil der Nachahmung ge-
nennet? Haſtu ſchon vergeſſen/ daß wir nur jetzo
geſagt/ daß der Menſch auch gute Exempel vor
ſich habe? Daß dasjenige/ was uns zu ſich zie-
het/ eine Gleichheit mit uns haben muͤſſe? Wa-
rumb folgeſtu alſo nicht vielmehr dieſen guten
Exempeln? Und warumb giebeſtu dadurch zu-
verſtehen/ daß in dir der Saame des Ungluͤcks
ſtecke/
nemblich die Gleichheit/ die ſich frey-
willig und gerne nach dieſen boͤſen Exempeln zie-

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[32/0044] Das 1. Hauptſt. von denen Urſachen 54. Aber mein liebſter Freund/ betreug dich nicht. Dieſes iſt eben ein neues anzeigen deines groſſen Elendes das in dir ſelbſt ſteckt/ daß du die Urſache deſſelben ſo gerne von dir abweltzen/ und auff andere ſchieben wilſt/ und dir einbildeſt/ du habeſt noch ſo herrliche Gruͤnde vorgebracht/ die doch gar nichts nuͤtze ſind/ wie du ſelber wirſt ge- ſtehen muͤſſen/ wenn du ſie nur ohne Partheylig- keit anſehen willſt. Denn anfaͤnglich weiſtu wohl/ daß man dadurch ſeine Unſchuld nicht vertheydiget/ wenn man andere anklaget/ ſondern daß man nur dadurch andere zu Geſellen ſeiner Schuld oder Thorheit macht. So weiſtu dich auch nicht wenig/ wenn du von dem Vorurtheil der boͤſen Exempel ſchwatzeſt. Die boͤſen Exempel geben wohl Gelegenheit zur Ver- fuͤhrung/ aber ſie wuͤrcken das Vorurtheil nicht/ daß ſelbiges von Jhnen muͤſſe benennet werden. Haſtu ſchon vergeſſen/ daß wir dieſes Vorur- theil nicht ein Vorurtheil boͤſer Exempel/ ſon- dern ein Vorurtheil der Nachahmung ge- nennet? Haſtu ſchon vergeſſen/ daß wir nur jetzo geſagt/ daß der Menſch auch gute Exempel vor ſich habe? Daß dasjenige/ was uns zu ſich zie- het/ eine Gleichheit mit uns haben muͤſſe? Wa- rumb folgeſtu alſo nicht vielmehr dieſen guten Exempeln? Und warumb giebeſtu dadurch zu- verſtehen/ daß in dir der Saame des Ungluͤcks ſtecke/ nemblich die Gleichheit/ die ſich frey- willig und gerne nach dieſen boͤſen Exempeln zie- hen

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696, S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/44>, abgerufen am 19.09.2019.