Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696.

Bild:
<< vorherige Seite

Das 10. H. von dem Ehrgeitz
die zu Abwendung der Widerwärtigkeit dienlich
sind/ und also beyde hierinnen von der ver-
nünfftigen Liebe entscheiden sind/ so verursachet
doch die Ungedult eines Wohllüstigen ein Zit-
tern und Zagen/
daß er der Sache zu wenig
thut/ der Grimm aber bey einen Ehrgeitzigen/ daß
er mehr thut als nützlich wäre/ oder die Mittel
zur Anzeit brauchet/ oder sich solcher Mittel un-
ternimt/ die er nicht vermögend ist auszufüh-
ren/ oder die auszuführen keine Zeit ist.

39. Gleich wie aber der verächtliche Hoch-
muth und grimmige Tollkühnheit die Seele des
Ehrgeitzigen sind/ also gebähren sie nothwendig
eine heßliche Mißgeburt den Zorn/ oder zorni-
ge Rachgier.
Dieses ist ein Laster/ das einen
Ehrgeitzigen die zugefügte Beleidigung
empfindlich und schmertzend machet/ und
ihn antreibet durch Gewaltsamkeit u. durch
Zufügung grösserer Schmertzen sich an den
Beleidiger zu rächen auch nicht eher ruhen
lässet/ als bis er diese Rache ausgeübet.

Der verächtliche Hochmuth gebieret nothwen-
dig die Emfindligkeit der Beleidigung. Denn
wer sich höher hält als andere/ muß hefftig em-
pfinden/ wenn ihm andere beleidigen/ weil die
Beleidigenden deutlich bezeigen/ daß sie ihn ge-
ringer als sich halten/ oder/ wenn die Beleidi-
gung aus Versehen geschehen/ dennoch so hoch
nicht halten/ als er durch bedachtsame Hochach-

tung

Das 10. H. von dem Ehrgeitz
die zu Abwendung der Widerwaͤrtigkeit dienlich
ſind/ und alſo beyde hierinnen von der ver-
nuͤnfftigen Liebe entſcheiden ſind/ ſo verurſachet
doch die Ungedult eines Wohlluͤſtigen ein Zit-
tern und Zagen/
daß er der Sache zu wenig
thut/ der Grimm aber bey einen Ehrgeitzigen/ daß
er mehr thut als nuͤtzlich waͤre/ oder die Mittel
zur Anzeit brauchet/ oder ſich ſolcher Mittel un-
ternimt/ die er nicht vermoͤgend iſt auszufuͤh-
ren/ oder die auszufuͤhren keine Zeit iſt.

39. Gleich wie aber der veraͤchtliche Hoch-
muth und grimmige Tollkuͤhnheit die Seele des
Ehrgeitzigen ſind/ alſo gebaͤhren ſie nothwendig
eine heßliche Mißgeburt den Zorn/ oder zorni-
ge Rachgier.
Dieſes iſt ein Laſter/ das einen
Ehrgeitzigen die zugefuͤgte Beleidigung
empfindlich und ſchmertzend machet/ und
ihn antreibet durch Gewaltſamkeit u. durch
Zufuͤgung groͤſſerer Schmertzen ſich an den
Beleidiger zu raͤchen auch nicht eher ruhen
laͤſſet/ als bis er dieſe Rache ausgeuͤbet.

Der veraͤchtliche Hochmuth gebieret nothwen-
dig die Emfindligkeit der Beleidigung. Denn
wer ſich hoͤher haͤlt als andere/ muß hefftig em-
pfinden/ wenn ihm andere beleidigen/ weil die
Beleidigenden deutlich bezeigen/ daß ſie ihn ge-
ringer als ſich halten/ oder/ wenn die Beleidi-
gung aus Verſehen geſchehen/ dennoch ſo hoch
nicht halten/ als er durch bedachtſame Hochach-

tung
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0258" n="246"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Das 10. H. von dem Ehrgeitz</hi></fw><lb/>
die zu Abwendung der Widerwa&#x0364;rtigkeit dienlich<lb/>
&#x017F;ind/ und al&#x017F;o beyde hierinnen von der ver-<lb/>
nu&#x0364;nfftigen Liebe ent&#x017F;cheiden &#x017F;ind/ &#x017F;o verur&#x017F;achet<lb/>
doch die Ungedult eines Wohllu&#x0364;&#x017F;tigen ein <hi rendition="#fr">Zit-<lb/>
tern und Zagen/</hi> daß er der Sache zu <hi rendition="#fr">wenig</hi><lb/>
thut/ der <hi rendition="#fr">Grimm</hi> aber bey einen Ehrgeitzigen/ daß<lb/>
er <hi rendition="#fr">mehr</hi> thut als nu&#x0364;tzlich wa&#x0364;re/ oder die Mittel<lb/>
zur Anzeit brauchet/ oder &#x017F;ich &#x017F;olcher Mittel un-<lb/>
ternimt/ die er nicht vermo&#x0364;gend i&#x017F;t auszufu&#x0364;h-<lb/>
ren/ oder die auszufu&#x0364;hren keine Zeit i&#x017F;t.</p><lb/>
        <p>39. Gleich wie aber der vera&#x0364;chtliche Hoch-<lb/>
muth und grimmige Tollku&#x0364;hnheit die Seele des<lb/>
Ehrgeitzigen &#x017F;ind/ al&#x017F;o geba&#x0364;hren &#x017F;ie nothwendig<lb/>
eine heßliche Mißgeburt <hi rendition="#fr">den Zorn/</hi> oder <hi rendition="#fr">zorni-<lb/>
ge Rachgier.</hi> Die&#x017F;es i&#x017F;t ein La&#x017F;ter/ <hi rendition="#fr">das einen<lb/>
Ehrgeitzigen die zugefu&#x0364;gte Beleidigung<lb/>
empfindlich und &#x017F;chmertzend machet/ und<lb/>
ihn antreibet durch Gewalt&#x017F;amkeit u. durch<lb/>
Zufu&#x0364;gung gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;erer Schmertzen &#x017F;ich an den<lb/>
Beleidiger zu ra&#x0364;chen auch nicht eher ruhen<lb/>
la&#x0364;&#x017F;&#x017F;et/ als bis er die&#x017F;e Rache ausgeu&#x0364;bet.</hi><lb/>
Der vera&#x0364;chtliche <hi rendition="#fr">Hochmuth</hi> gebieret nothwen-<lb/>
dig die Emfindligkeit der Beleidigung. Denn<lb/>
wer &#x017F;ich ho&#x0364;her ha&#x0364;lt als andere/ muß hefftig em-<lb/>
pfinden/ wenn ihm andere beleidigen/ weil die<lb/>
Beleidigenden deutlich bezeigen/ daß &#x017F;ie ihn ge-<lb/>
ringer als &#x017F;ich halten/ oder/ wenn die Beleidi-<lb/>
gung aus Ver&#x017F;ehen ge&#x017F;chehen/ dennoch &#x017F;o hoch<lb/>
nicht halten/ als er durch bedacht&#x017F;ame Hochach-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">tung</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[246/0258] Das 10. H. von dem Ehrgeitz die zu Abwendung der Widerwaͤrtigkeit dienlich ſind/ und alſo beyde hierinnen von der ver- nuͤnfftigen Liebe entſcheiden ſind/ ſo verurſachet doch die Ungedult eines Wohlluͤſtigen ein Zit- tern und Zagen/ daß er der Sache zu wenig thut/ der Grimm aber bey einen Ehrgeitzigen/ daß er mehr thut als nuͤtzlich waͤre/ oder die Mittel zur Anzeit brauchet/ oder ſich ſolcher Mittel un- ternimt/ die er nicht vermoͤgend iſt auszufuͤh- ren/ oder die auszufuͤhren keine Zeit iſt. 39. Gleich wie aber der veraͤchtliche Hoch- muth und grimmige Tollkuͤhnheit die Seele des Ehrgeitzigen ſind/ alſo gebaͤhren ſie nothwendig eine heßliche Mißgeburt den Zorn/ oder zorni- ge Rachgier. Dieſes iſt ein Laſter/ das einen Ehrgeitzigen die zugefuͤgte Beleidigung empfindlich und ſchmertzend machet/ und ihn antreibet durch Gewaltſamkeit u. durch Zufuͤgung groͤſſerer Schmertzen ſich an den Beleidiger zu raͤchen auch nicht eher ruhen laͤſſet/ als bis er dieſe Rache ausgeuͤbet. Der veraͤchtliche Hochmuth gebieret nothwen- dig die Emfindligkeit der Beleidigung. Denn wer ſich hoͤher haͤlt als andere/ muß hefftig em- pfinden/ wenn ihm andere beleidigen/ weil die Beleidigenden deutlich bezeigen/ daß ſie ihn ge- ringer als ſich halten/ oder/ wenn die Beleidi- gung aus Verſehen geſchehen/ dennoch ſo hoch nicht halten/ als er durch bedachtſame Hochach- tung

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/258
Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696, S. 246. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/258>, abgerufen am 26.05.2019.