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Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696.

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des allgemeinen Unglücks.
oder wohl gar hassen/ und sich über Jhren Tod
erfreuen.

20. Jn der Gesellschafft der Herrschafft
und des Gesindes
ist die allgemeine Klage/ daß
das Gesinde untreu/ unbescheiden/ zänckisch und
undiensthafft sey; aber ich halte auch dafür/ daß
auff Seiten der Herrschafft auch vielfältig wie-
der die Regeln der Leutseeligkeit/ Bescheiden-
heit/ Warhafftigkeit und Verträgligkeit (die
doch nur Tugenden allgemeiner Liebe sind/) ab-
sonderlich aber wieder die Gedult/ darinnen Sie
dem Gesinde mit guten Exempeln vorgehen sol-
ten/ angestoßen wird/ und solcher Gestalt nicht
zu verwundern ist/ daß die Frage/ darüber Seneca
so ernstlich streitet: An Servus Domino possit da-
re beneficium?
heut zu Tage unter diejenigen
zurechnen sey/ die im gemeinen Leben nicht für-
kommen.

21. Was wollen wir aber endlich von der
Bürgerlichen Gesellschafft sagen? Suchen
denn die Obern zuförderst ihrer Unterthanen
Wohlstand und Auffnehmen? und bemühen sich
diese wohl anders Theils ihren Fürsten die Re-
gierungs-Last durch freywillige submission und
Hülffe/ ohne Mißtrauen/ Neid und Zwang leich-
ter zu machen? Lebet der Adel/ die Bürger und
Bauern mit einander in guten Vernehmen/ o-
der suchet nicht immer eines dem andern allen
möglichsten Tort und Verdruß anzuthun? Es
mag ein jeder/ der in die Welt ein wenig geschau-

et/

des allgemeinen Ungluͤcks.
oder wohl gar haſſen/ und ſich uͤber Jhren Tod
erfreuen.

20. Jn der Geſellſchafft der Herrſchafft
und des Geſindes
iſt die allgemeine Klage/ daß
das Geſinde untreu/ unbeſcheiden/ zaͤnckiſch und
undienſthafft ſey; aber ich halte auch dafuͤr/ daß
auff Seiten der Herrſchafft auch vielfaͤltig wie-
der die Regeln der Leutſeeligkeit/ Beſcheiden-
heit/ Warhafftigkeit und Vertraͤgligkeit (die
doch nur Tugenden allgemeiner Liebe ſind/) ab-
ſonderlich aber wieder die Gedult/ darinnen Sie
dem Geſinde mit guten Exempeln vorgehen ſol-
ten/ angeſtoßen wird/ und ſolcher Geſtalt nicht
zu verwundern iſt/ daß die Frage/ daruͤber Seneca
ſo ernſtlich ſtreitet: An Servus Domino posſit da-
re beneficium?
heut zu Tage unter diejenigen
zurechnen ſey/ die im gemeinen Leben nicht fuͤr-
kommen.

21. Was wollen wir aber endlich von der
Buͤrgerlichen Geſellſchafft ſagen? Suchen
denn die Obern zufoͤrderſt ihrer Unterthanen
Wohlſtand und Auffnehmen? und bemuͤhen ſich
dieſe wohl anders Theils ihren Fuͤrſten die Re-
gierungs-Laſt durch freywillige ſubmiſſion und
Huͤlffe/ ohne Mißtrauen/ Neid und Zwang leich-
ter zu machen? Lebet der Adel/ die Buͤrger und
Bauern mit einander in guten Vernehmen/ o-
der ſuchet nicht immer eines dem andern allen
moͤglichſten Tort und Verdruß anzuthun? Es
mag ein jeder/ der in die Welt ein wenig geſchau-

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[13/0025] des allgemeinen Ungluͤcks. oder wohl gar haſſen/ und ſich uͤber Jhren Tod erfreuen. 20. Jn der Geſellſchafft der Herrſchafft und des Geſindes iſt die allgemeine Klage/ daß das Geſinde untreu/ unbeſcheiden/ zaͤnckiſch und undienſthafft ſey; aber ich halte auch dafuͤr/ daß auff Seiten der Herrſchafft auch vielfaͤltig wie- der die Regeln der Leutſeeligkeit/ Beſcheiden- heit/ Warhafftigkeit und Vertraͤgligkeit (die doch nur Tugenden allgemeiner Liebe ſind/) ab- ſonderlich aber wieder die Gedult/ darinnen Sie dem Geſinde mit guten Exempeln vorgehen ſol- ten/ angeſtoßen wird/ und ſolcher Geſtalt nicht zu verwundern iſt/ daß die Frage/ daruͤber Seneca ſo ernſtlich ſtreitet: An Servus Domino posſit da- re beneficium? heut zu Tage unter diejenigen zurechnen ſey/ die im gemeinen Leben nicht fuͤr- kommen. 21. Was wollen wir aber endlich von der Buͤrgerlichen Geſellſchafft ſagen? Suchen denn die Obern zufoͤrderſt ihrer Unterthanen Wohlſtand und Auffnehmen? und bemuͤhen ſich dieſe wohl anders Theils ihren Fuͤrſten die Re- gierungs-Laſt durch freywillige ſubmiſſion und Huͤlffe/ ohne Mißtrauen/ Neid und Zwang leich- ter zu machen? Lebet der Adel/ die Buͤrger und Bauern mit einander in guten Vernehmen/ o- der ſuchet nicht immer eines dem andern allen moͤglichſten Tort und Verdruß anzuthun? Es mag ein jeder/ der in die Welt ein wenig geſchau- et/

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ausübung Der SittenLehre. Halle (Saale), 1696, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ausuebungsittenlehre_1696/25>, abgerufen am 25.03.2019.