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Sulzer, Johann Georg: Beschreibung einiger Merckwüdigkeiten, Welche er in einer Ao. 1742. gemachten Berg-Reise durch einige Oerter der Schweitz beobachtet hat. Zürich, 1742.

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des Schweizerlandes.
nach mit einer geringen Krümmung bey 4. Stunden weit von Süd-Natürlicher
Zustand der
Herrschaft
Knonau.

Ost und Süd nach Norden, und ist auf eine doppelte Weise gesenckt.
Die einte Senckung ist der Länge nach, die andre nach der Breite.
Je weiter ein Ort in dieser Herrschaft gegen Norden liegt, je tieffer
ist er, und das entfernteste von Norden liegt am höchsten. Die an-
dre Senckung ist der Breite nach von Morgen gegen Abend, etwas
mehr als 2. Stunden weit, nemlich von dem Albis bis an die Reuß,
welches, in Ansehung der Breite, die Gräntzen sind. Jch beschreibe
diese Lage darum, weil von derselben eine natürliche Begebenheit
herkommt, die man nicht zu verachten hat. Man siehet nemlich alleUngleiche
Zeitigung
der Früch-
teu.

Jahre eine Ungleichheit an den verschiednen Orten dieser Herrschaft,
in Ansehung der Zeitigung der Feld-Früchte. Je tieffer ein
Ort liegt, je eher hat er zeitige Früchte. Die Folge der Orten von
Norden gegen Süden ist diese: Ottenbach, Lunnern, Maschwan-
den, Knonau, Cappel, etc. Ottenbach hat früher reiffe Früchte, als
Maschwanden, Maschwanden eher, als Knonau, und dieses eher
als Cappel, u. s. f. Von Abend gegen Morgen liegen fast in einer
geraden Linie Maschwanden, Mettmenstätten, Aeugst, und das Albis.
Maschwanden hat eher Ernd als Mettmenstätten, und dieses eher
als Aeugst, u. s. f. Woraus klärlich abzunehmen, daß die tieffere
Orte allezeit eher zeitige Früchte haben, als die, welche höher liegen.
Zwar ist der Unterscheid oft nicht groß, doch allezeit spürbar, obgleich
(wie aus dem nicht gar schnellen Lauff der Reuß abzunehmen) Ot-
tenbach nicht viel tieffer liegt, als Maschwanden.

Jch muß bey diesem Anlaß eine andre seltsame Natur-Ge-Besondre
Beobach-
tung hie-
von.

schicht beybringen, nemlich diese, daß die Früchte, welche an einem
spätern Ort gewachsen, die Eigenschaft (wenigstens einige Jahre
lang) behalten, zu der Zeit reiff zu werden, die dem Ort, da sie ge-
wachsen, zukommt. Dieses wissen die Bauren selbst, indem sie,
wie mich einer versichert hat, von einem frühern Ort den Saamen
zu ihrem Getrayd kauffen, wenn sie früher zeitige Frucht wollen ha-
ben, als nach der Beschaffenheit ihres Orts zu geschehen pflegt.
Obgleich dieses seltsam scheinet, so kommt es doch mit andern Be-
obachtungen von Pflanzen völlig überein; denn die fremden Pflan-
zen, welche man in unser Land bringt, wachsen und blühen nicht
eben zu der Zeit, wenn unsre, auch von gleichem Geschlechte; sondern
zu der Zeit, da sie an dem Ort wachsen und blühen, woher sie ge-
bracht worden, wenigstens behalten sie diese Regel einige Jahre

lang,

des Schweizerlandes.
nach mit einer geringen Kruͤmmung bey 4. Stunden weit von Suͤd-Natuͤrlicher
Zuſtand der
Herꝛſchaft
Knonau.

Oſt und Suͤd nach Norden, und iſt auf eine doppelte Weiſe geſenckt.
Die einte Senckung iſt der Laͤnge nach, die andre nach der Breite.
Je weiter ein Ort in dieſer Herꝛſchaft gegen Norden liegt, je tieffer
iſt er, und das entfernteſte von Norden liegt am hoͤchſten. Die an-
dre Senckung iſt der Breite nach von Morgen gegen Abend, etwas
mehr als 2. Stunden weit, nemlich von dem Albis bis an die Reuß,
welches, in Anſehung der Breite, die Graͤntzen ſind. Jch beſchreibe
dieſe Lage darum, weil von derſelben eine natuͤrliche Begebenheit
herkommt, die man nicht zu verachten hat. Man ſiehet nemlich alleUngleiche
Zeitigung
der Fruͤch-
teu.

Jahre eine Ungleichheit an den verſchiednen Orten dieſer Herꝛſchaft,
in Anſehung der Zeitigung der Feld-Fruͤchte. Je tieffer ein
Ort liegt, je eher hat er zeitige Fruͤchte. Die Folge der Orten von
Norden gegen Suͤden iſt dieſe: Ottenbach, Lunnern, Maſchwan-
den, Knonau, Cappel, ꝛc. Ottenbach hat fruͤher reiffe Fruͤchte, als
Maſchwanden, Maſchwanden eher, als Knonau, und dieſes eher
als Cappel, u. ſ. f. Von Abend gegen Morgen liegen faſt in einer
geraden Linie Maſchwanden, Mettmenſtaͤtten, Aeugſt, und das Albis.
Maſchwanden hat eher Ernd als Mettmenſtaͤtten, und dieſes eher
als Aeugſt, u. ſ. f. Woraus klaͤrlich abzunehmen, daß die tieffere
Orte allezeit eher zeitige Fruͤchte haben, als die, welche hoͤher liegen.
Zwar iſt der Unterſcheid oft nicht groß, doch allezeit ſpuͤrbar, obgleich
(wie aus dem nicht gar ſchnellen Lauff der Reuß abzunehmen) Ot-
tenbach nicht viel tieffer liegt, als Maſchwanden.

Jch muß bey dieſem Anlaß eine andre ſeltſame Natur-Ge-Beſondre
Beobach-
tung hie-
von.

ſchicht beybringen, nemlich dieſe, daß die Fruͤchte, welche an einem
ſpaͤtern Ort gewachſen, die Eigenſchaft (wenigſtens einige Jahre
lang) behalten, zu der Zeit reiff zu werden, die dem Ort, da ſie ge-
wachſen, zukommt. Dieſes wiſſen die Bauren ſelbſt, indem ſie,
wie mich einer verſichert hat, von einem fruͤhern Ort den Saamen
zu ihrem Getrayd kauffen, wenn ſie fruͤher zeitige Frucht wollen ha-
ben, als nach der Beſchaffenheit ihres Orts zu geſchehen pflegt.
Obgleich dieſes ſeltſam ſcheinet, ſo kommt es doch mit andern Be-
obachtungen von Pflanzen voͤllig uͤberein; denn die fremden Pflan-
zen, welche man in unſer Land bringt, wachſen und bluͤhen nicht
eben zu der Zeit, wenn unſre, auch von gleichem Geſchlechte; ſondern
zu der Zeit, da ſie an dem Ort wachſen und bluͤhen, woher ſie ge-
bracht worden, wenigſtens behalten ſie dieſe Regel einige Jahre

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[23/0027] des Schweizerlandes. nach mit einer geringen Kruͤmmung bey 4. Stunden weit von Suͤd- Oſt und Suͤd nach Norden, und iſt auf eine doppelte Weiſe geſenckt. Die einte Senckung iſt der Laͤnge nach, die andre nach der Breite. Je weiter ein Ort in dieſer Herꝛſchaft gegen Norden liegt, je tieffer iſt er, und das entfernteſte von Norden liegt am hoͤchſten. Die an- dre Senckung iſt der Breite nach von Morgen gegen Abend, etwas mehr als 2. Stunden weit, nemlich von dem Albis bis an die Reuß, welches, in Anſehung der Breite, die Graͤntzen ſind. Jch beſchreibe dieſe Lage darum, weil von derſelben eine natuͤrliche Begebenheit herkommt, die man nicht zu verachten hat. Man ſiehet nemlich alle Jahre eine Ungleichheit an den verſchiednen Orten dieſer Herꝛſchaft, in Anſehung der Zeitigung der Feld-Fruͤchte. Je tieffer ein Ort liegt, je eher hat er zeitige Fruͤchte. Die Folge der Orten von Norden gegen Suͤden iſt dieſe: Ottenbach, Lunnern, Maſchwan- den, Knonau, Cappel, ꝛc. Ottenbach hat fruͤher reiffe Fruͤchte, als Maſchwanden, Maſchwanden eher, als Knonau, und dieſes eher als Cappel, u. ſ. f. Von Abend gegen Morgen liegen faſt in einer geraden Linie Maſchwanden, Mettmenſtaͤtten, Aeugſt, und das Albis. Maſchwanden hat eher Ernd als Mettmenſtaͤtten, und dieſes eher als Aeugſt, u. ſ. f. Woraus klaͤrlich abzunehmen, daß die tieffere Orte allezeit eher zeitige Fruͤchte haben, als die, welche hoͤher liegen. Zwar iſt der Unterſcheid oft nicht groß, doch allezeit ſpuͤrbar, obgleich (wie aus dem nicht gar ſchnellen Lauff der Reuß abzunehmen) Ot- tenbach nicht viel tieffer liegt, als Maſchwanden. Natuͤrlicher Zuſtand der Herꝛſchaft Knonau. Ungleiche Zeitigung der Fruͤch- teu. Jch muß bey dieſem Anlaß eine andre ſeltſame Natur-Ge- ſchicht beybringen, nemlich dieſe, daß die Fruͤchte, welche an einem ſpaͤtern Ort gewachſen, die Eigenſchaft (wenigſtens einige Jahre lang) behalten, zu der Zeit reiff zu werden, die dem Ort, da ſie ge- wachſen, zukommt. Dieſes wiſſen die Bauren ſelbſt, indem ſie, wie mich einer verſichert hat, von einem fruͤhern Ort den Saamen zu ihrem Getrayd kauffen, wenn ſie fruͤher zeitige Frucht wollen ha- ben, als nach der Beſchaffenheit ihres Orts zu geſchehen pflegt. Obgleich dieſes ſeltſam ſcheinet, ſo kommt es doch mit andern Be- obachtungen von Pflanzen voͤllig uͤberein; denn die fremden Pflan- zen, welche man in unſer Land bringt, wachſen und bluͤhen nicht eben zu der Zeit, wenn unſre, auch von gleichem Geſchlechte; ſondern zu der Zeit, da ſie an dem Ort wachſen und bluͤhen, woher ſie ge- bracht worden, wenigſtens behalten ſie dieſe Regel einige Jahre lang, Beſondre Beobach- tung hie- von.

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Zitationshilfe: Sulzer, Johann Georg: Beschreibung einiger Merckwüdigkeiten, Welche er in einer Ao. 1742. gemachten Berg-Reise durch einige Oerter der Schweitz beobachtet hat. Zürich, 1742, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_reise_1742/27>, abgerufen am 25.05.2019.