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Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844.

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der Verruf in wandernder Tradition in alle Länder. Wir wer-
den bei der Auflage das furchtbare Register, das schwarze
Buch
kennen lernen, da hinein wurde sein Name geschrieben
und bei jeder Zusammenkunft öffentlich als unredlich genannt,
bis ihn einer der reisenden Gesellen irgendwo antraf und ihn
scheltend auftrieb, wo ihn denn die betreffende Brüderschaft zwang,
sein Vergehen abzubüßen und so lange bis er dies nachgewiesen
hatte, von ihrer Gemeinschaft ausschloß; war die Sache wichtig
genug, so wurde sie dem Handwerk oder der Obrigkeit zur wei-
tern Verfolgung angezeigt. Ihre Statuten wiesen sie an, im
Hause des Meisters ruhig und bescheiden zu leben und Alles
zu vermeiden was den Frieden der Familie stören konnte; zu
dem Ende keine leichtfertigen Reden führen, in der Werkstatt nicht
fluchen oder leichtsinnig schwören, des Meisters Kost, Werk-
zeug, Bett und Bettgewand
nicht verachten, *) die in
den Statuten oder durch Herkommen festgesetzten Arbeitsstunden
halten. Die Kürschner in Erfurt sagten: wenn ein Gesell
des Morgens um 7 Uhr nicht in des Meisters Werk-
statt ist, soll er die ganze Woche verfeyert haben,
d. h. keinen Lohn bekommen
. **) Noch strenger waren
die Gesetze für die Schneidergesellen in den kleinen Amtsstädten

*) Ordnung für die Kürschnergesellen in Erfurt 1591: Art. 6. Welch
geselle in Seines oder eines andern Meisters Hause Sich gegenn der
Meisterinn oder Magdt, mit vnhöflichen Worten die man für Züchtigen
Frawen oder Jungfrawen nicht zu redenn pflegt, sich vernehmen liß,
soll zur straf ein Wochenlohnn verfallen sein.
Art. 19. Welch geselle auf der Herberge oder in des Meisters
Hause, mit fluchen oder schwehrenn Gott lestern wurde, soll so oft er
daß thutt einen Wochenlohn verfallen seinn, doch ohne Abbruch E. E.
Hw. Raths gerechtigkeitt vnd straffe.
Statut der Schneider-Innung zu Magdeburg von 1655, Art. 44:
Wenn ein Gesell bey einem Meister oder Meisterinn sich freventlich
oder muthwillig verhielte, ihre Speise Kost und Arbeit ohne Ursach
verachtete, der soll in einem halben Jahre alldar nicht arbeiten.
Die Schuhmacher und Gerber daselbst: Wenn ein Gesell wäre
der dem Meister die Kost oder das Essen möchte verachten und er über-
wiesen wäre daß er Schuld hätte so soll der Geselle ein Jahr aus der
Stadt wandern.
**) Urkundenbuch im Prov.-Archiv zu Magdeburg.

der Verruf in wandernder Tradition in alle Länder. Wir wer-
den bei der Auflage das furchtbare Regiſter, das ſchwarze
Buch
kennen lernen, da hinein wurde ſein Name geſchrieben
und bei jeder Zuſammenkunft öffentlich als unredlich genannt,
bis ihn einer der reiſenden Geſellen irgendwo antraf und ihn
ſcheltend auftrieb, wo ihn denn die betreffende Brüderſchaft zwang,
ſein Vergehen abzubüßen und ſo lange bis er dies nachgewieſen
hatte, von ihrer Gemeinſchaft ausſchloß; war die Sache wichtig
genug, ſo wurde ſie dem Handwerk oder der Obrigkeit zur wei-
tern Verfolgung angezeigt. Ihre Statuten wieſen ſie an, im
Hauſe des Meiſters ruhig und beſcheiden zu leben und Alles
zu vermeiden was den Frieden der Familie ſtören konnte; zu
dem Ende keine leichtfertigen Reden führen, in der Werkſtatt nicht
fluchen oder leichtſinnig ſchwören, des Meiſters Koſt, Werk-
zeug, Bett und Bettgewand
nicht verachten, *) die in
den Statuten oder durch Herkommen feſtgeſetzten Arbeitsſtunden
halten. Die Kürſchner in Erfurt ſagten: wenn ein Geſell
des Morgens um 7 Uhr nicht in des Meiſters Werk-
ſtatt iſt, ſoll er die ganze Woche verfeyert haben,
d. h. keinen Lohn bekommen
. **) Noch ſtrenger waren
die Geſetze für die Schneidergeſellen in den kleinen Amtsſtädten

*) Ordnung für die Kürſchnergeſellen in Erfurt 1591: Art. 6. Welch
geſelle in Seines oder eines andern Meiſters Hauſe Sich gegenn der
Meiſterinn oder Magdt, mit vnhöflichen Worten die man für Züchtigen
Frawen oder Jungfrawen nicht zu redenn pflegt, ſich vernehmen liß,
ſoll zur ſtraf ein Wochenlohnn verfallen ſein.
Art. 19. Welch geſelle auf der Herberge oder in des Meiſters
Hauſe, mit fluchen oder ſchwehrenn Gott leſtern wurde, ſoll ſo oft er
daß thutt einen Wochenlohn verfallen ſeinn, doch ohne Abbruch E. E.
Hw. Raths gerechtigkeitt vnd ſtraffe.
Statut der Schneider-Innung zu Magdeburg von 1655, Art. 44:
Wenn ein Geſell bey einem Meiſter oder Meiſterinn ſich freventlich
oder muthwillig verhielte, ihre Speiſe Koſt und Arbeit ohne Urſach
verachtete, der ſoll in einem halben Jahre alldar nicht arbeiten.
Die Schuhmacher und Gerber daſelbſt: Wenn ein Geſell wäre
der dem Meiſter die Koſt oder das Eſſen möchte verachten und er über-
wieſen wäre daß er Schuld hätte ſo ſoll der Geſelle ein Jahr aus der
Stadt wandern.
**) Urkundenbuch im Prov.-Archiv zu Magdeburg.
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[14/0024] der Verruf in wandernder Tradition in alle Länder. Wir wer- den bei der Auflage das furchtbare Regiſter, das ſchwarze Buch kennen lernen, da hinein wurde ſein Name geſchrieben und bei jeder Zuſammenkunft öffentlich als unredlich genannt, bis ihn einer der reiſenden Geſellen irgendwo antraf und ihn ſcheltend auftrieb, wo ihn denn die betreffende Brüderſchaft zwang, ſein Vergehen abzubüßen und ſo lange bis er dies nachgewieſen hatte, von ihrer Gemeinſchaft ausſchloß; war die Sache wichtig genug, ſo wurde ſie dem Handwerk oder der Obrigkeit zur wei- tern Verfolgung angezeigt. Ihre Statuten wieſen ſie an, im Hauſe des Meiſters ruhig und beſcheiden zu leben und Alles zu vermeiden was den Frieden der Familie ſtören konnte; zu dem Ende keine leichtfertigen Reden führen, in der Werkſtatt nicht fluchen oder leichtſinnig ſchwören, des Meiſters Koſt, Werk- zeug, Bett und Bettgewand nicht verachten, *) die in den Statuten oder durch Herkommen feſtgeſetzten Arbeitsſtunden halten. Die Kürſchner in Erfurt ſagten: wenn ein Geſell des Morgens um 7 Uhr nicht in des Meiſters Werk- ſtatt iſt, ſoll er die ganze Woche verfeyert haben, d. h. keinen Lohn bekommen. **) Noch ſtrenger waren die Geſetze für die Schneidergeſellen in den kleinen Amtsſtädten *) Ordnung für die Kürſchnergeſellen in Erfurt 1591: Art. 6. Welch geſelle in Seines oder eines andern Meiſters Hauſe Sich gegenn der Meiſterinn oder Magdt, mit vnhöflichen Worten die man für Züchtigen Frawen oder Jungfrawen nicht zu redenn pflegt, ſich vernehmen liß, ſoll zur ſtraf ein Wochenlohnn verfallen ſein. Art. 19. Welch geſelle auf der Herberge oder in des Meiſters Hauſe, mit fluchen oder ſchwehrenn Gott leſtern wurde, ſoll ſo oft er daß thutt einen Wochenlohn verfallen ſeinn, doch ohne Abbruch E. E. Hw. Raths gerechtigkeitt vnd ſtraffe. Statut der Schneider-Innung zu Magdeburg von 1655, Art. 44: Wenn ein Geſell bey einem Meiſter oder Meiſterinn ſich freventlich oder muthwillig verhielte, ihre Speiſe Koſt und Arbeit ohne Urſach verachtete, der ſoll in einem halben Jahre alldar nicht arbeiten. Die Schuhmacher und Gerber daſelbſt: Wenn ein Geſell wäre der dem Meiſter die Koſt oder das Eſſen möchte verachten und er über- wieſen wäre daß er Schuld hätte ſo ſoll der Geſelle ein Jahr aus der Stadt wandern. **) Urkundenbuch im Prov.-Archiv zu Magdeburg.

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Zitationshilfe: Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stock_gesellenwesen_1844/24>, abgerufen am 26.05.2019.