Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

auswandern mußt, dann wirst Du ohne den Leib Dich behel¬
fen müssen, und darum thut es noth, daß Du Dich vorsehest
und bei Zeiten für Dein eigentliches Ich sorgest. "Was hülfe
es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme
doch Schaden an seiner Seele."

Gesetzt aber auch, Zweifel, im Laufe der Zeit gegen die
christlichen Glaubenssätze erhoben, haben Dich längst des
Glaubens an die Unsterblichkeit Deines Geistes beraubt:
Einen Satz hast Du dennoch ungerüttelt gelassen, und der
Einen Wahrheit hängst Du immer noch unbefangen an, daß
der Geist Dein besser Theil sei, und daß das Geistige größere
Ansprüche an Dich habe, als alles andere. Du stimmst trotz
all Deines Atheismus mit dem Unsterblichkeitsgläubigen im
Eifer gegen den Egoismus zusammen.

Wen aber denkst Du Dir unter dem Egoisten? Einen
Menschen, der, anstatt einer Idee, d. h. einem Geistigen zu
leben, und ihr seinen persönlichen Vortheil zu opfern, dem
letzteren dient. Ein guter Patriot z.B. trägt seine Opfer auf
den Altar des Vaterlandes; daß aber das Vaterland eine Idee
sei, läßt sich nicht bestreiten, da es für geistesunfähige Thiere
oder noch geistlose Kinder kein Vaterland und keinen Patrio¬
tismus giebt. Bewährt sich nun Jemand nicht als einen gu¬
ten Patrioten, so verräth er in Bezug auf's Vaterland seinen
Egoismus. Und so verhält sich's in unzähligen andern Fällen:
wer in der menschlichen Gesellschaft ein Vorrecht sich zu nutze
macht, der sündigt egoistisch gegen die Idee der Gleichheit;
wer Herrschaft übt, den schilt man einen Egoisten gegen die
Idee der Freiheit u. s. w.

Darum verachtest Du den Egoisten, weil er das Geistige
gegen das Persönliche zurücksetzt, und für sich besorgt ist, wo

auswandern mußt, dann wirſt Du ohne den Leib Dich behel¬
fen müſſen, und darum thut es noth, daß Du Dich vorſeheſt
und bei Zeiten für Dein eigentliches Ich ſorgeſt. „Was hülfe
es dem Menſchen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme
doch Schaden an ſeiner Seele.“

Geſetzt aber auch, Zweifel, im Laufe der Zeit gegen die
chriſtlichen Glaubensſätze erhoben, haben Dich längſt des
Glaubens an die Unſterblichkeit Deines Geiſtes beraubt:
Einen Satz haſt Du dennoch ungerüttelt gelaſſen, und der
Einen Wahrheit hängſt Du immer noch unbefangen an, daß
der Geiſt Dein beſſer Theil ſei, und daß das Geiſtige größere
Anſprüche an Dich habe, als alles andere. Du ſtimmſt trotz
all Deines Atheismus mit dem Unſterblichkeitsgläubigen im
Eifer gegen den Egoismus zuſammen.

Wen aber denkſt Du Dir unter dem Egoiſten? Einen
Menſchen, der, anſtatt einer Idee, d. h. einem Geiſtigen zu
leben, und ihr ſeinen perſönlichen Vortheil zu opfern, dem
letzteren dient. Ein guter Patriot z.B. trägt ſeine Opfer auf
den Altar des Vaterlandes; daß aber das Vaterland eine Idee
ſei, läßt ſich nicht beſtreiten, da es für geiſtesunfähige Thiere
oder noch geiſtloſe Kinder kein Vaterland und keinen Patrio¬
tismus giebt. Bewährt ſich nun Jemand nicht als einen gu¬
ten Patrioten, ſo verräth er in Bezug auf's Vaterland ſeinen
Egoismus. Und ſo verhält ſich's in unzähligen andern Fällen:
wer in der menſchlichen Geſellſchaft ein Vorrecht ſich zu nutze
macht, der ſündigt egoiſtiſch gegen die Idee der Gleichheit;
wer Herrſchaft übt, den ſchilt man einen Egoiſten gegen die
Idee der Freiheit u. ſ. w.

Darum verachteſt Du den Egoiſten, weil er das Geiſtige
gegen das Perſönliche zurückſetzt, und für ſich beſorgt iſt, wo

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0048" n="40"/>
auswandern mußt, dann wir&#x017F;t Du ohne den Leib Dich behel¬<lb/>
fen mü&#x017F;&#x017F;en, und darum thut es noth, daß Du Dich vor&#x017F;ehe&#x017F;t<lb/>
und bei Zeiten für Dein eigentliches Ich &#x017F;orge&#x017F;t. &#x201E;Was hülfe<lb/>
es dem Men&#x017F;chen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme<lb/>
doch Schaden an &#x017F;einer Seele.&#x201C;</p><lb/>
              <p>Ge&#x017F;etzt aber auch, Zweifel, im Laufe der Zeit gegen die<lb/>
chri&#x017F;tlichen Glaubens&#x017F;ätze erhoben, haben Dich läng&#x017F;t des<lb/>
Glaubens an die Un&#x017F;terblichkeit Deines Gei&#x017F;tes beraubt:<lb/>
Einen Satz ha&#x017F;t Du dennoch ungerüttelt gela&#x017F;&#x017F;en, und der<lb/>
Einen Wahrheit häng&#x017F;t Du immer noch unbefangen an, daß<lb/>
der Gei&#x017F;t Dein be&#x017F;&#x017F;er Theil &#x017F;ei, und daß das Gei&#x017F;tige größere<lb/>
An&#x017F;prüche an Dich habe, als alles andere. Du &#x017F;timm&#x017F;t trotz<lb/>
all Deines Atheismus mit dem Un&#x017F;terblichkeitsgläubigen im<lb/>
Eifer gegen den <hi rendition="#g">Egoismus</hi> zu&#x017F;ammen.</p><lb/>
              <p>Wen aber denk&#x017F;t Du Dir unter dem Egoi&#x017F;ten? Einen<lb/>
Men&#x017F;chen, der, an&#x017F;tatt einer Idee, d. h. einem Gei&#x017F;tigen zu<lb/>
leben, und ihr &#x017F;einen per&#x017F;önlichen Vortheil zu opfern, dem<lb/>
letzteren dient. Ein guter Patriot z.B. trägt &#x017F;eine Opfer auf<lb/>
den Altar des Vaterlandes; daß aber das Vaterland eine Idee<lb/>
&#x017F;ei, läßt &#x017F;ich nicht be&#x017F;treiten, da es für gei&#x017F;tesunfähige Thiere<lb/>
oder noch gei&#x017F;tlo&#x017F;e Kinder kein Vaterland und keinen Patrio¬<lb/>
tismus giebt. Bewährt &#x017F;ich nun Jemand nicht als einen gu¬<lb/>
ten Patrioten, &#x017F;o verräth er in Bezug auf's Vaterland &#x017F;einen<lb/>
Egoismus. Und &#x017F;o verhält &#x017F;ich's in unzähligen andern Fällen:<lb/>
wer in der men&#x017F;chlichen Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft ein Vorrecht &#x017F;ich zu nutze<lb/>
macht, der &#x017F;ündigt egoi&#x017F;ti&#x017F;ch gegen die Idee der Gleichheit;<lb/>
wer Herr&#x017F;chaft übt, den &#x017F;chilt man einen Egoi&#x017F;ten gegen die<lb/>
Idee der Freiheit u. &#x017F;. w.</p><lb/>
              <p>Darum verachte&#x017F;t Du den Egoi&#x017F;ten, weil er das Gei&#x017F;tige<lb/>
gegen das Per&#x017F;önliche zurück&#x017F;etzt, und für &#x017F;ich be&#x017F;orgt i&#x017F;t, wo<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[40/0048] auswandern mußt, dann wirſt Du ohne den Leib Dich behel¬ fen müſſen, und darum thut es noth, daß Du Dich vorſeheſt und bei Zeiten für Dein eigentliches Ich ſorgeſt. „Was hülfe es dem Menſchen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an ſeiner Seele.“ Geſetzt aber auch, Zweifel, im Laufe der Zeit gegen die chriſtlichen Glaubensſätze erhoben, haben Dich längſt des Glaubens an die Unſterblichkeit Deines Geiſtes beraubt: Einen Satz haſt Du dennoch ungerüttelt gelaſſen, und der Einen Wahrheit hängſt Du immer noch unbefangen an, daß der Geiſt Dein beſſer Theil ſei, und daß das Geiſtige größere Anſprüche an Dich habe, als alles andere. Du ſtimmſt trotz all Deines Atheismus mit dem Unſterblichkeitsgläubigen im Eifer gegen den Egoismus zuſammen. Wen aber denkſt Du Dir unter dem Egoiſten? Einen Menſchen, der, anſtatt einer Idee, d. h. einem Geiſtigen zu leben, und ihr ſeinen perſönlichen Vortheil zu opfern, dem letzteren dient. Ein guter Patriot z.B. trägt ſeine Opfer auf den Altar des Vaterlandes; daß aber das Vaterland eine Idee ſei, läßt ſich nicht beſtreiten, da es für geiſtesunfähige Thiere oder noch geiſtloſe Kinder kein Vaterland und keinen Patrio¬ tismus giebt. Bewährt ſich nun Jemand nicht als einen gu¬ ten Patrioten, ſo verräth er in Bezug auf's Vaterland ſeinen Egoismus. Und ſo verhält ſich's in unzähligen andern Fällen: wer in der menſchlichen Geſellſchaft ein Vorrecht ſich zu nutze macht, der ſündigt egoiſtiſch gegen die Idee der Gleichheit; wer Herrſchaft übt, den ſchilt man einen Egoiſten gegen die Idee der Freiheit u. ſ. w. Darum verachteſt Du den Egoiſten, weil er das Geiſtige gegen das Perſönliche zurückſetzt, und für ſich beſorgt iſt, wo

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/48
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/48>, abgerufen am 29.11.2020.