Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Alten verlangen, da sie guter Dinge sein wollen, nach
Wohlleben (die Juden besonders nach einem langen, mit
Kindern und Gütern gesegneten Leben), nach der Eudämonie,
dem Wohlsein in den verschiedensten Formen. Demokrit z. B.
rühmt als solches die "Gemüthsruhe", in der sich's "sanft
lebe, ohne Furcht und ohne Aufregung".

Er meint also, mit ihr fahre er am besten, bereite sich das
beste Loos und komme am besten durch die Welt. Da er aber
von der Welt nicht loskommen kann, und zwar gerade aus dem
Grunde es nicht kann, weil seine ganze Thätigkeit in dem Be¬
mühen aufgeht, von ihr loszukommen, also im Abstoßen der
Welt (wozu doch nothwendig die abstoßbare und abgestoßene
bestehen bleiben muß, widrigenfalls nichts mehr abzustoßen
wäre): so erreicht er höchstens einen äußersten Grad der Be¬
freiung, und unterscheidet sich von den weniger Befreiten nur
dem Grade nach. Käme er selbst bis zur irdischen Sinnen¬
ertödtung, die nur noch das eintönige Wispern des Wortes
"Brahm" zuläßt, er unterschiede sich dennoch nicht wesentlich
vom sinnlichen Menschen.

Selbst die stoische Haltung und Mannestugend läuft nur
darauf hinaus, daß man sich gegen die Welt zu erhalten und
zu behaupten habe, und die Ethik der Stoiker (ihre einzige
Wissenschaft, da sie nichts von dem Geiste auszusagen wußten,
als wie er sich zur Welt verhalten solle, und von der Natur
(Physik) nur dieß, daß der Weise sich gegen sie zu behaupten
habe) ist nicht eine Lehre des Geistes, sondern nur eine Lehre
der Weltabstoßung und Selbstbehauptung gegen die Welt. Und
diese besteht in der "Unerschütterlichkeit und dem Gleichmuthe
des Lebens", also in der ausdrücklichsten Römertugend.

Die Alten verlangen, da ſie guter Dinge ſein wollen, nach
Wohlleben (die Juden beſonders nach einem langen, mit
Kindern und Gütern geſegneten Leben), nach der Eudämonie,
dem Wohlſein in den verſchiedenſten Formen. Demokrit z. B.
rühmt als ſolches die „Gemüthsruhe“, in der ſich's „ſanft
lebe, ohne Furcht und ohne Aufregung“.

Er meint alſo, mit ihr fahre er am beſten, bereite ſich das
beſte Loos und komme am beſten durch die Welt. Da er aber
von der Welt nicht loskommen kann, und zwar gerade aus dem
Grunde es nicht kann, weil ſeine ganze Thätigkeit in dem Be¬
mühen aufgeht, von ihr loszukommen, alſo im Abſtoßen der
Welt (wozu doch nothwendig die abſtoßbare und abgeſtoßene
beſtehen bleiben muß, widrigenfalls nichts mehr abzuſtoßen
wäre): ſo erreicht er höchſtens einen äußerſten Grad der Be¬
freiung, und unterſcheidet ſich von den weniger Befreiten nur
dem Grade nach. Käme er ſelbſt bis zur irdiſchen Sinnen¬
ertödtung, die nur noch das eintönige Wispern des Wortes
„Brahm“ zuläßt, er unterſchiede ſich dennoch nicht weſentlich
vom ſinnlichen Menſchen.

Selbſt die ſtoiſche Haltung und Mannestugend läuft nur
darauf hinaus, daß man ſich gegen die Welt zu erhalten und
zu behaupten habe, und die Ethik der Stoiker (ihre einzige
Wiſſenſchaft, da ſie nichts von dem Geiſte auszuſagen wußten,
als wie er ſich zur Welt verhalten ſolle, und von der Natur
(Phyſik) nur dieß, daß der Weiſe ſich gegen ſie zu behaupten
habe) iſt nicht eine Lehre des Geiſtes, ſondern nur eine Lehre
der Weltabſtoßung und Selbſtbehauptung gegen die Welt. Und
dieſe beſteht in der „Unerſchütterlichkeit und dem Gleichmuthe
des Lebens“, alſo in der ausdrücklichſten Römertugend.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0039" n="31"/>
            <p>Die Alten verlangen, da &#x017F;ie guter Dinge &#x017F;ein wollen, nach<lb/><hi rendition="#g">Wohlleben</hi> (die Juden be&#x017F;onders nach einem langen, mit<lb/>
Kindern und Gütern ge&#x017F;egneten Leben), nach der Eudämonie,<lb/>
dem Wohl&#x017F;ein in den ver&#x017F;chieden&#x017F;ten Formen. Demokrit z. B.<lb/>
rühmt als &#x017F;olches die &#x201E;Gemüthsruhe&#x201C;, in der &#x017F;ich's &#x201E;&#x017F;anft<lb/><hi rendition="#g">lebe</hi>, ohne Furcht und ohne Aufregung&#x201C;.</p><lb/>
            <p>Er meint al&#x017F;o, mit ihr fahre er am be&#x017F;ten, bereite &#x017F;ich das<lb/>
be&#x017F;te Loos und komme am be&#x017F;ten durch die Welt. Da er aber<lb/>
von der Welt nicht loskommen kann, und zwar gerade aus dem<lb/>
Grunde es nicht kann, weil &#x017F;eine ganze Thätigkeit in dem Be¬<lb/>
mühen aufgeht, von ihr loszukommen, al&#x017F;o im <hi rendition="#g">Ab&#x017F;toßen</hi> der<lb/><hi rendition="#g">Welt</hi> (wozu doch nothwendig die ab&#x017F;toßbare und abge&#x017F;toßene<lb/>
be&#x017F;tehen bleiben muß, widrigenfalls nichts mehr abzu&#x017F;toßen<lb/>
wäre): &#x017F;o erreicht er höch&#x017F;tens einen äußer&#x017F;ten Grad der Be¬<lb/>
freiung, und unter&#x017F;cheidet &#x017F;ich von den weniger Befreiten nur<lb/>
dem Grade nach. Käme er &#x017F;elb&#x017F;t bis zur irdi&#x017F;chen Sinnen¬<lb/>
ertödtung, die nur noch das eintönige Wispern des Wortes<lb/><hi rendition="#aq">&#x201E;Brahm&#x201C;</hi> zuläßt, er unter&#x017F;chiede &#x017F;ich dennoch nicht we&#x017F;entlich<lb/>
vom <hi rendition="#g">&#x017F;innlichen</hi> Men&#x017F;chen.</p><lb/>
            <p>Selb&#x017F;t die &#x017F;toi&#x017F;che Haltung und Mannestugend läuft nur<lb/>
darauf hinaus, daß man &#x017F;ich gegen die Welt zu erhalten und<lb/>
zu behaupten habe, und die Ethik der Stoiker (ihre einzige<lb/>
Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft, da &#x017F;ie nichts von dem Gei&#x017F;te auszu&#x017F;agen wußten,<lb/>
als wie er &#x017F;ich zur Welt verhalten &#x017F;olle, und von der Natur<lb/>
(Phy&#x017F;ik) nur dieß, daß der Wei&#x017F;e &#x017F;ich gegen &#x017F;ie zu behaupten<lb/>
habe) i&#x017F;t nicht eine Lehre des Gei&#x017F;tes, &#x017F;ondern nur eine Lehre<lb/>
der Weltab&#x017F;toßung und Selb&#x017F;tbehauptung gegen die Welt. Und<lb/>
die&#x017F;e be&#x017F;teht in der &#x201E;Uner&#x017F;chütterlichkeit und dem Gleichmuthe<lb/>
des Lebens&#x201C;, al&#x017F;o in der ausdrücklich&#x017F;ten Römertugend.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[31/0039] Die Alten verlangen, da ſie guter Dinge ſein wollen, nach Wohlleben (die Juden beſonders nach einem langen, mit Kindern und Gütern geſegneten Leben), nach der Eudämonie, dem Wohlſein in den verſchiedenſten Formen. Demokrit z. B. rühmt als ſolches die „Gemüthsruhe“, in der ſich's „ſanft lebe, ohne Furcht und ohne Aufregung“. Er meint alſo, mit ihr fahre er am beſten, bereite ſich das beſte Loos und komme am beſten durch die Welt. Da er aber von der Welt nicht loskommen kann, und zwar gerade aus dem Grunde es nicht kann, weil ſeine ganze Thätigkeit in dem Be¬ mühen aufgeht, von ihr loszukommen, alſo im Abſtoßen der Welt (wozu doch nothwendig die abſtoßbare und abgeſtoßene beſtehen bleiben muß, widrigenfalls nichts mehr abzuſtoßen wäre): ſo erreicht er höchſtens einen äußerſten Grad der Be¬ freiung, und unterſcheidet ſich von den weniger Befreiten nur dem Grade nach. Käme er ſelbſt bis zur irdiſchen Sinnen¬ ertödtung, die nur noch das eintönige Wispern des Wortes „Brahm“ zuläßt, er unterſchiede ſich dennoch nicht weſentlich vom ſinnlichen Menſchen. Selbſt die ſtoiſche Haltung und Mannestugend läuft nur darauf hinaus, daß man ſich gegen die Welt zu erhalten und zu behaupten habe, und die Ethik der Stoiker (ihre einzige Wiſſenſchaft, da ſie nichts von dem Geiſte auszuſagen wußten, als wie er ſich zur Welt verhalten ſolle, und von der Natur (Phyſik) nur dieß, daß der Weiſe ſich gegen ſie zu behaupten habe) iſt nicht eine Lehre des Geiſtes, ſondern nur eine Lehre der Weltabſtoßung und Selbſtbehauptung gegen die Welt. Und dieſe beſteht in der „Unerſchütterlichkeit und dem Gleichmuthe des Lebens“, alſo in der ausdrücklichſten Römertugend.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/39
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/39>, abgerufen am 13.08.2020.