Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich seid, und laßt eure
heuchlerischen Bestrebungen fahren, eure thörichte Sucht, etwas
Anderes zu sein, als Ihr seid. Heuchlerisch nenne Ich jene,
weil Ihr doch alle diese Jahrtausende Egoisten geblieben seid,
aber schlafende, sich selbst betrügende, verrückte Egoisten, Ihr
Heautontimorumenen, Ihr Selbstpeiniger. Noch niemals hat
eine Religion der Versprechungen und "Verheißungen" ent¬
rathen können, mögen sie auf's Jenseits oder Diesseits ver¬
weisen ("langes Leben" u. s. w.); denn lohnsüchtig ist der
Mensch, und "umsonst" thut er nichts. Aber jenes "das
Gute um des Guten willen thun" ohne Aussicht auf Beloh¬
nung? Als ob nicht auch hier in der Befriedigung, die es
gewähren soll, der Lohn enthalten wäre. Also auch die Re¬
ligion ist auf unsern Egoismus begründet, und sie -- beutet
ihn aus; berechnet aus unsere Begierden, erstickt sie viele
andere um Einer willen. Dieß giebt denn die Erscheinung
des betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige,
sondern eine meiner Begierden, z. B. den Glückseligkeitstrieb.
Die Religion verspricht Mir das -- "höchste Gut"; dieß zu
gewinnen achte Ich auf keine andere meiner Begierden mehr
und sättige sie nicht. -- All euer Thun und Treiben ist un¬
eingestandener
, heimlicher, verdeckter und versteckter Egois¬
mus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht gestehen
wollt, den Ihr Euch selbst verheimlicht, also nicht offenbarer
und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum ist er
nicht Egoismus, sondern Knechtschaft, Dienst, Selbstver¬
leugnung. Ihr seid Egoisten und Ihr seid es nicht, indem
Ihr den Egoismus verleugnet. Wo Ihr's am meisten zu sein
scheint, da habt Ihr dem Worte "Egoist" -- Abscheu und
Verachtung zugezogen.

wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich ſeid, und laßt eure
heuchleriſchen Beſtrebungen fahren, eure thörichte Sucht, etwas
Anderes zu ſein, als Ihr ſeid. Heuchleriſch nenne Ich jene,
weil Ihr doch alle dieſe Jahrtauſende Egoiſten geblieben ſeid,
aber ſchlafende, ſich ſelbſt betrügende, verrückte Egoiſten, Ihr
Heautontimorumenen, Ihr Selbſtpeiniger. Noch niemals hat
eine Religion der Verſprechungen und „Verheißungen“ ent¬
rathen können, mögen ſie auf's Jenſeits oder Dieſſeits ver¬
weiſen („langes Leben“ u. ſ. w.); denn lohnſüchtig iſt der
Menſch, und „umſonſt“ thut er nichts. Aber jenes „das
Gute um des Guten willen thun“ ohne Ausſicht auf Beloh¬
nung? Als ob nicht auch hier in der Befriedigung, die es
gewähren ſoll, der Lohn enthalten wäre. Alſo auch die Re¬
ligion iſt auf unſern Egoismus begründet, und ſie — beutet
ihn aus; berechnet aus unſere Begierden, erſtickt ſie viele
andere um Einer willen. Dieß giebt denn die Erſcheinung
des betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige,
ſondern eine meiner Begierden, z. B. den Glückſeligkeitstrieb.
Die Religion verſpricht Mir das — „höchſte Gut“; dieß zu
gewinnen achte Ich auf keine andere meiner Begierden mehr
und ſättige ſie nicht. — All euer Thun und Treiben iſt un¬
eingeſtandener
, heimlicher, verdeckter und verſteckter Egois¬
mus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht geſtehen
wollt, den Ihr Euch ſelbſt verheimlicht, alſo nicht offenbarer
und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum iſt er
nicht Egoismus, ſondern Knechtſchaft, Dienſt, Selbſtver¬
leugnung. Ihr ſeid Egoiſten und Ihr ſeid es nicht, indem
Ihr den Egoismus verleugnet. Wo Ihr's am meiſten zu ſein
ſcheint, da habt Ihr dem Worte „Egoiſt“ — Abſcheu und
Verachtung zugezogen.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0225" n="217"/>
wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich &#x017F;eid, und laßt eure<lb/>
heuchleri&#x017F;chen Be&#x017F;trebungen fahren, eure thörichte Sucht, etwas<lb/>
Anderes zu &#x017F;ein, als Ihr &#x017F;eid. Heuchleri&#x017F;ch nenne Ich jene,<lb/>
weil Ihr doch alle die&#x017F;e Jahrtau&#x017F;ende Egoi&#x017F;ten geblieben &#x017F;eid,<lb/>
aber &#x017F;chlafende, &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t betrügende, verrückte Egoi&#x017F;ten, Ihr<lb/>
Heautontimorumenen, Ihr Selb&#x017F;tpeiniger. Noch niemals hat<lb/>
eine Religion der Ver&#x017F;prechungen und &#x201E;Verheißungen&#x201C; ent¬<lb/>
rathen können, mögen &#x017F;ie auf's Jen&#x017F;eits oder Die&#x017F;&#x017F;eits ver¬<lb/>
wei&#x017F;en (&#x201E;langes Leben&#x201C; u. &#x017F;. w.); denn <hi rendition="#g">lohn&#x017F;üchtig</hi> i&#x017F;t der<lb/>
Men&#x017F;ch, und &#x201E;um&#x017F;on&#x017F;t&#x201C; thut er nichts. Aber jenes &#x201E;das<lb/>
Gute um des Guten willen thun&#x201C; ohne Aus&#x017F;icht auf Beloh¬<lb/>
nung? Als ob nicht auch hier in der Befriedigung, die es<lb/>
gewähren &#x017F;oll, der Lohn enthalten wäre. Al&#x017F;o auch die Re¬<lb/>
ligion i&#x017F;t auf un&#x017F;ern Egoismus begründet, und &#x017F;ie &#x2014; beutet<lb/>
ihn aus; berechnet aus un&#x017F;ere <hi rendition="#g">Begierden</hi>, er&#x017F;tickt &#x017F;ie viele<lb/>
andere um Einer willen. Dieß giebt denn die Er&#x017F;cheinung<lb/>
des <hi rendition="#g">betrogenen</hi> Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige,<lb/>
&#x017F;ondern eine meiner Begierden, z. B. den Glück&#x017F;eligkeitstrieb.<lb/>
Die Religion ver&#x017F;pricht Mir das &#x2014; &#x201E;höch&#x017F;te Gut&#x201C;; dieß zu<lb/>
gewinnen achte Ich auf keine andere meiner Begierden mehr<lb/>
und &#x017F;ättige &#x017F;ie nicht. &#x2014; All euer Thun und Treiben i&#x017F;t <hi rendition="#g">un¬<lb/>
einge&#x017F;tandener</hi>, heimlicher, verdeckter und ver&#x017F;teckter Egois¬<lb/>
mus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht ge&#x017F;tehen<lb/>
wollt, den Ihr Euch &#x017F;elb&#x017F;t verheimlicht, al&#x017F;o nicht offenbarer<lb/>
und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum i&#x017F;t er<lb/><hi rendition="#g">nicht Egoismus</hi>, &#x017F;ondern Knecht&#x017F;chaft, Dien&#x017F;t, Selb&#x017F;tver¬<lb/>
leugnung. Ihr &#x017F;eid Egoi&#x017F;ten und Ihr &#x017F;eid es nicht, indem<lb/>
Ihr den Egoismus verleugnet. Wo Ihr's am mei&#x017F;ten zu &#x017F;ein<lb/>
&#x017F;cheint, da habt Ihr dem Worte &#x201E;Egoi&#x017F;t&#x201C; &#x2014; Ab&#x017F;cheu und<lb/>
Verachtung zugezogen.</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[217/0225] wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich ſeid, und laßt eure heuchleriſchen Beſtrebungen fahren, eure thörichte Sucht, etwas Anderes zu ſein, als Ihr ſeid. Heuchleriſch nenne Ich jene, weil Ihr doch alle dieſe Jahrtauſende Egoiſten geblieben ſeid, aber ſchlafende, ſich ſelbſt betrügende, verrückte Egoiſten, Ihr Heautontimorumenen, Ihr Selbſtpeiniger. Noch niemals hat eine Religion der Verſprechungen und „Verheißungen“ ent¬ rathen können, mögen ſie auf's Jenſeits oder Dieſſeits ver¬ weiſen („langes Leben“ u. ſ. w.); denn lohnſüchtig iſt der Menſch, und „umſonſt“ thut er nichts. Aber jenes „das Gute um des Guten willen thun“ ohne Ausſicht auf Beloh¬ nung? Als ob nicht auch hier in der Befriedigung, die es gewähren ſoll, der Lohn enthalten wäre. Alſo auch die Re¬ ligion iſt auf unſern Egoismus begründet, und ſie — beutet ihn aus; berechnet aus unſere Begierden, erſtickt ſie viele andere um Einer willen. Dieß giebt denn die Erſcheinung des betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige, ſondern eine meiner Begierden, z. B. den Glückſeligkeitstrieb. Die Religion verſpricht Mir das — „höchſte Gut“; dieß zu gewinnen achte Ich auf keine andere meiner Begierden mehr und ſättige ſie nicht. — All euer Thun und Treiben iſt un¬ eingeſtandener, heimlicher, verdeckter und verſteckter Egois¬ mus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht geſtehen wollt, den Ihr Euch ſelbſt verheimlicht, alſo nicht offenbarer und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum iſt er nicht Egoismus, ſondern Knechtſchaft, Dienſt, Selbſtver¬ leugnung. Ihr ſeid Egoiſten und Ihr ſeid es nicht, indem Ihr den Egoismus verleugnet. Wo Ihr's am meiſten zu ſein ſcheint, da habt Ihr dem Worte „Egoiſt“ — Abſcheu und Verachtung zugezogen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/225
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 217. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/225>, abgerufen am 20.09.2020.