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Siebold, Carl Theodor Ernst von: Die Süsswasserfische von Mitteleuropa. Leipzig, 1863.

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Einleitung.
erhielt das Gebiet meiner Untersuchungen einen noch breiteren Umfang. Ich
hatte aber die Erweiterung der Grenzen meiner Aufgabe, welche auf diese
Weise nahezu das ganze Wassergebiet von Mittel-Europa umfasste, um so
weniger zu bereuen, weil gerade die Vergleichung der Fischfauna der beiden
so nahe ineinandergreifenden Flussgebiete, nämlich der oberen Donau und des
Mittelrheins höchst merkwürdige und für die geographische Verbreitung und
Abgrenzung gewisser Fischarten sehr interessante Thatsachen lieferte.

Bei aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, konnte ich aber lange Zeit
über manche Bedenklichkeiten nicht hinwegkommen, die mir bei der Be-
stimmung gewisser theils neu aufgefundener, theils bisher übersehener Fisch-
formen entgegentraten; erst nachdem ich meine Studien auch auf die Fisch-
fauna der noch übrigen nach Norden gerichteten Flusssysteme Deutschlands
ausgedehnt hatte, war es möglich geworden, alle diese Schwierigkeiten zu
überwinden. Auf diese Weise wurde ich zugleich in den Stand gesetzt, nicht
bloss über die Fischfauna des Donau- und Rheingebiets, sondern auch über die
Fischfauna des Weser-, Elbe-, Oder-, Weichsel- und Pregel-Gebiets aus selbst
gesammelten Erfahrungen und aus eigener Anschauung Rechenschaft zu geben.

Um über das Vorkommen der Fische in den verschiedenen mitteleuro-
päischen Strom- und Wasser-Gebieten, sowie über deren Leben sichere
Auskunft und zuverlässige Nachrichten zu erlangen, habe ich verschiedene
Methoden anwenden und mannichfaltige Mittel benutzen müssen.

Zuerst zog ich die früheren auf die Fischfauna der verschiedenen deut-
schen Wassergebiete sich beziehenden literarischen Arbeiten zu Rathe,
jedoch musste ich hierbei in jeder Hinsicht die grösste Vorsicht und die sorg-
fältigste Kritik beobachten, da früher die Artunterschiede der Süsswasser-
fische noch nicht scharf erkannt worden waren, und die in den älteren fauni-
stischen Arbeiten aufgeführten Fischarten daher schwer auf die gegenwärtig
festgestellten Species zurückzuführen waren. Diese Schwierigkeiten wurden
zwar später von Bloch durch seine nach den Vorbildern Artedi's und Linne's
bearbeiteten systematischen Beschreibungen der Fische Deutschlands beseitigt
aber bald durch neue Schwierigkeiten ersetzt, indem sehr viele Faunisten es
sich in der Weise bequem machten, dass sie mit Ignorirung der oft sehr eigen-
thümlichen und interessanten Volksnamen der Fische und mit Uebergehung
anderer wichtiger, die Fische betreffender Localnotizen nur Bloch's Nomen-
clatur und Beschreibung wiederholten. Dieser ganz allgemein gewordene
Missbrauch ist die Veranlassung geworden, dass manche neuere süddeutsche
Faunen, in denen die Fische ohne genauere Beschreibung mit Bloch's nord-
deutschen Bezeichnungen aufgeführt werden, sich zu einer wissenschaftlichen
Benutzung als ganz werthlos herausstellen.

Ausser der vorhandenen aber vielfach zerstreuten die deutschen Fisch-
faunen betreffenden Literatur waren mir die verschiedenen Landes-Verord-

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Einleitung.
erhielt das Gebiet meiner Untersuchungen einen noch breiteren Umfang. Ich
hatte aber die Erweiterung der Grenzen meiner Aufgabe, welche auf diese
Weise nahezu das ganze Wassergebiet von Mittel-Europa umfasste, um so
weniger zu bereuen, weil gerade die Vergleichung der Fischfauna der beiden
so nahe ineinandergreifenden Flussgebiete, nämlich der oberen Donau und des
Mittelrheins höchst merkwürdige und für die geographische Verbreitung und
Abgrenzung gewisser Fischarten sehr interessante Thatsachen lieferte.

Bei aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, konnte ich aber lange Zeit
über manche Bedenklichkeiten nicht hinwegkommen, die mir bei der Be-
stimmung gewisser theils neu aufgefundener, theils bisher übersehener Fisch-
formen entgegentraten; erst nachdem ich meine Studien auch auf die Fisch-
fauna der noch übrigen nach Norden gerichteten Flusssysteme Deutschlands
ausgedehnt hatte, war es möglich geworden, alle diese Schwierigkeiten zu
überwinden. Auf diese Weise wurde ich zugleich in den Stand gesetzt, nicht
bloss über die Fischfauna des Donau- und Rheingebiets, sondern auch über die
Fischfauna des Weser-, Elbe-, Oder-, Weichsel- und Pregel-Gebiets aus selbst
gesammelten Erfahrungen und aus eigener Anschauung Rechenschaft zu geben.

Um über das Vorkommen der Fische in den verschiedenen mitteleuro-
päischen Strom- und Wasser-Gebieten, sowie über deren Leben sichere
Auskunft und zuverlässige Nachrichten zu erlangen, habe ich verschiedene
Methoden anwenden und mannichfaltige Mittel benutzen müssen.

Zuerst zog ich die früheren auf die Fischfauna der verschiedenen deut-
schen Wassergebiete sich beziehenden literarischen Arbeiten zu Rathe,
jedoch musste ich hierbei in jeder Hinsicht die grösste Vorsicht und die sorg-
fältigste Kritik beobachten, da früher die Artunterschiede der Süsswasser-
fische noch nicht scharf erkannt worden waren, und die in den älteren fauni-
stischen Arbeiten aufgeführten Fischarten daher schwer auf die gegenwärtig
festgestellten Species zurückzuführen waren. Diese Schwierigkeiten wurden
zwar später von Bloch durch seine nach den Vorbildern Artedi’s und Linné’s
bearbeiteten systematischen Beschreibungen der Fische Deutschlands beseitigt
aber bald durch neue Schwierigkeiten ersetzt, indem sehr viele Faunisten es
sich in der Weise bequem machten, dass sie mit Ignorirung der oft sehr eigen-
thümlichen und interessanten Volksnamen der Fische und mit Uebergehung
anderer wichtiger, die Fische betreffender Localnotizen nur Bloch’s Nomen-
clatur und Beschreibung wiederholten. Dieser ganz allgemein gewordene
Missbrauch ist die Veranlassung geworden, dass manche neuere süddeutsche
Faunen, in denen die Fische ohne genauere Beschreibung mit Bloch’s nord-
deutschen Bezeichnungen aufgeführt werden, sich zu einer wissenschaftlichen
Benutzung als ganz werthlos herausstellen.

Ausser der vorhandenen aber vielfach zerstreuten die deutschen Fisch-
faunen betreffenden Literatur waren mir die verschiedenen Landes-Verord-

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[3/0016] Einleitung. erhielt das Gebiet meiner Untersuchungen einen noch breiteren Umfang. Ich hatte aber die Erweiterung der Grenzen meiner Aufgabe, welche auf diese Weise nahezu das ganze Wassergebiet von Mittel-Europa umfasste, um so weniger zu bereuen, weil gerade die Vergleichung der Fischfauna der beiden so nahe ineinandergreifenden Flussgebiete, nämlich der oberen Donau und des Mittelrheins höchst merkwürdige und für die geographische Verbreitung und Abgrenzung gewisser Fischarten sehr interessante Thatsachen lieferte. Bei aller Mühe, die ich mir gegeben hatte, konnte ich aber lange Zeit über manche Bedenklichkeiten nicht hinwegkommen, die mir bei der Be- stimmung gewisser theils neu aufgefundener, theils bisher übersehener Fisch- formen entgegentraten; erst nachdem ich meine Studien auch auf die Fisch- fauna der noch übrigen nach Norden gerichteten Flusssysteme Deutschlands ausgedehnt hatte, war es möglich geworden, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden. Auf diese Weise wurde ich zugleich in den Stand gesetzt, nicht bloss über die Fischfauna des Donau- und Rheingebiets, sondern auch über die Fischfauna des Weser-, Elbe-, Oder-, Weichsel- und Pregel-Gebiets aus selbst gesammelten Erfahrungen und aus eigener Anschauung Rechenschaft zu geben. Um über das Vorkommen der Fische in den verschiedenen mitteleuro- päischen Strom- und Wasser-Gebieten, sowie über deren Leben sichere Auskunft und zuverlässige Nachrichten zu erlangen, habe ich verschiedene Methoden anwenden und mannichfaltige Mittel benutzen müssen. Zuerst zog ich die früheren auf die Fischfauna der verschiedenen deut- schen Wassergebiete sich beziehenden literarischen Arbeiten zu Rathe, jedoch musste ich hierbei in jeder Hinsicht die grösste Vorsicht und die sorg- fältigste Kritik beobachten, da früher die Artunterschiede der Süsswasser- fische noch nicht scharf erkannt worden waren, und die in den älteren fauni- stischen Arbeiten aufgeführten Fischarten daher schwer auf die gegenwärtig festgestellten Species zurückzuführen waren. Diese Schwierigkeiten wurden zwar später von Bloch durch seine nach den Vorbildern Artedi’s und Linné’s bearbeiteten systematischen Beschreibungen der Fische Deutschlands beseitigt aber bald durch neue Schwierigkeiten ersetzt, indem sehr viele Faunisten es sich in der Weise bequem machten, dass sie mit Ignorirung der oft sehr eigen- thümlichen und interessanten Volksnamen der Fische und mit Uebergehung anderer wichtiger, die Fische betreffender Localnotizen nur Bloch’s Nomen- clatur und Beschreibung wiederholten. Dieser ganz allgemein gewordene Missbrauch ist die Veranlassung geworden, dass manche neuere süddeutsche Faunen, in denen die Fische ohne genauere Beschreibung mit Bloch’s nord- deutschen Bezeichnungen aufgeführt werden, sich zu einer wissenschaftlichen Benutzung als ganz werthlos herausstellen. Ausser der vorhandenen aber vielfach zerstreuten die deutschen Fisch- faunen betreffenden Literatur waren mir die verschiedenen Landes-Verord- 1*

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Zitationshilfe: Siebold, Carl Theodor Ernst von: Die Süsswasserfische von Mitteleuropa. Leipzig, 1863, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/siebold_suesswasserfische_1863/16>, abgerufen am 21.04.2019.