Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

Station Extrapost und liess mich in die Stadt Lion
bringen. Das Wetter ward mir zu heiss und ich wollte
den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz
fahren: aber des alten wackern Oberlins Höflichkeit
und einige neue angenehme Bekanntschaften hielten
mich noch einige Tage länger bis zur nächsten Ab¬
fahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er
hatte die Güte mir ihre Schätze selbst zu zeigen. Un¬
ter den bronzenen Stücken ist mir ein kleiner weib¬
licher Satyr aufgefallen, der nicht übel gearbeitet war.
Die Seltenheit solcher Exemplare erhöht vielleicht den
Werth. Der alte verstorbene Hermann hatte auf der
Bibliothek die Stücke der verstümmelten Statüen vom
Münster und sarkastischen Inschriften auf die vandali¬
schen Zerstörer aufbewahrt, wo Rühl und einige an¬
dere sich nicht über ihre Enkomien freuen würden.
Das schöne Wetter lockte mich mit einer Gesellschaft
über den Rhein herüber, und ich betrat nach meiner
Pilgerschaft bey Kehl zuerst wieder den vaterländischen
Boden, und sah die Verschüttungen des Forts und die
neuen Einrichtungen der Regierung von Baden. Es
ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Dass ich mich
etwas auf dem Münster umsah, brauche ich Dir wohl
nicht zu sagen. Man hat eine herrliche Aussicht auf
die ganze grosse schöne reiche Gegend und den ma¬
jestätischen Fluss hinauf und hinab. Es wäre vielleicht
schwer zu bestimmen, ob der Dom in Mailand oder
diese Kathedrale den Vorzug verdient. Diese beyden
Gebäude sind wohl auf alle Fälle die grössten Monu¬
mente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomas¬
kirche das schlechtgedachte und schön gearbeitete Mo¬

Station Extrapost und lieſs mich in die Stadt Lion
bringen. Das Wetter ward mir zu heiſs und ich wollte
den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz
fahren: aber des alten wackern Oberlins Höflichkeit
und einige neue angenehme Bekanntschaften hielten
mich noch einige Tage länger bis zur nächsten Ab¬
fahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er
hatte die Güte mir ihre Schätze selbst zu zeigen. Un¬
ter den bronzenen Stücken ist mir ein kleiner weib¬
licher Satyr aufgefallen, der nicht übel gearbeitet war.
Die Seltenheit solcher Exemplare erhöht vielleicht den
Werth. Der alte verstorbene Hermann hatte auf der
Bibliothek die Stücke der verstümmelten Statüen vom
Münster und sarkastischen Inschriften auf die vandali¬
schen Zerstörer aufbewahrt, wo Rühl und einige an¬
dere sich nicht über ihre Enkomien freuen würden.
Das schöne Wetter lockte mich mit einer Gesellschaft
über den Rhein herüber, und ich betrat nach meiner
Pilgerschaft bey Kehl zuerst wieder den vaterländischen
Boden, und sah die Verschüttungen des Forts und die
neuen Einrichtungen der Regierung von Baden. Es
ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Daſs ich mich
etwas auf dem Münster umsah, brauche ich Dir wohl
nicht zu sagen. Man hat eine herrliche Aussicht auf
die ganze groſse schöne reiche Gegend und den ma¬
jestätischen Fluſs hinauf und hinab. Es wäre vielleicht
schwer zu bestimmen, ob der Dom in Mailand oder
diese Kathedrale den Vorzug verdient. Diese beyden
Gebäude sind wohl auf alle Fälle die gröſsten Monu¬
mente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomas¬
kirche das schlechtgedachte und schön gearbeitete Mo¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0504" n="476 "/>
Station Extrapost und lie&#x017F;s mich in die Stadt Lion<lb/>
bringen. Das Wetter ward mir zu hei&#x017F;s und ich wollte<lb/>
den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz<lb/>
fahren: aber des alten wackern Oberlins Höflichkeit<lb/>
und einige neue angenehme Bekanntschaften hielten<lb/>
mich noch einige Tage länger bis zur nächsten Ab¬<lb/>
fahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er<lb/>
hatte die Güte mir ihre Schätze selbst zu zeigen. Un¬<lb/>
ter den bronzenen Stücken ist mir ein kleiner weib¬<lb/>
licher Satyr aufgefallen, der nicht übel gearbeitet war.<lb/>
Die Seltenheit solcher Exemplare erhöht vielleicht den<lb/>
Werth. Der alte verstorbene Hermann hatte auf der<lb/>
Bibliothek die Stücke der verstümmelten Statüen vom<lb/>
Münster und sarkastischen Inschriften auf die vandali¬<lb/>
schen Zerstörer aufbewahrt, wo Rühl und einige an¬<lb/>
dere sich nicht über ihre Enkomien freuen würden.<lb/>
Das schöne Wetter lockte mich mit einer Gesellschaft<lb/>
über den Rhein herüber, und ich betrat nach meiner<lb/>
Pilgerschaft bey Kehl zuerst wieder den vaterländischen<lb/>
Boden, und sah die Verschüttungen des Forts und die<lb/>
neuen Einrichtungen der Regierung von Baden. Es<lb/>
ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Da&#x017F;s ich mich<lb/>
etwas auf dem Münster umsah, brauche ich Dir wohl<lb/>
nicht zu sagen. Man hat eine herrliche Aussicht auf<lb/>
die ganze gro&#x017F;se schöne reiche Gegend und den ma¬<lb/>
jestätischen Flu&#x017F;s hinauf und hinab. Es wäre vielleicht<lb/>
schwer zu bestimmen, ob der Dom in Mailand oder<lb/>
diese Kathedrale den Vorzug verdient. Diese beyden<lb/>
Gebäude sind wohl auf alle Fälle die grö&#x017F;sten Monu¬<lb/>
mente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomas¬<lb/>
kirche das schlechtgedachte und schön gearbeitete Mo¬<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[476 /0504] Station Extrapost und lieſs mich in die Stadt Lion bringen. Das Wetter ward mir zu heiſs und ich wollte den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz fahren: aber des alten wackern Oberlins Höflichkeit und einige neue angenehme Bekanntschaften hielten mich noch einige Tage länger bis zur nächsten Ab¬ fahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er hatte die Güte mir ihre Schätze selbst zu zeigen. Un¬ ter den bronzenen Stücken ist mir ein kleiner weib¬ licher Satyr aufgefallen, der nicht übel gearbeitet war. Die Seltenheit solcher Exemplare erhöht vielleicht den Werth. Der alte verstorbene Hermann hatte auf der Bibliothek die Stücke der verstümmelten Statüen vom Münster und sarkastischen Inschriften auf die vandali¬ schen Zerstörer aufbewahrt, wo Rühl und einige an¬ dere sich nicht über ihre Enkomien freuen würden. Das schöne Wetter lockte mich mit einer Gesellschaft über den Rhein herüber, und ich betrat nach meiner Pilgerschaft bey Kehl zuerst wieder den vaterländischen Boden, und sah die Verschüttungen des Forts und die neuen Einrichtungen der Regierung von Baden. Es ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Daſs ich mich etwas auf dem Münster umsah, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Man hat eine herrliche Aussicht auf die ganze groſse schöne reiche Gegend und den ma¬ jestätischen Fluſs hinauf und hinab. Es wäre vielleicht schwer zu bestimmen, ob der Dom in Mailand oder diese Kathedrale den Vorzug verdient. Diese beyden Gebäude sind wohl auf alle Fälle die gröſsten Monu¬ mente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomas¬ kirche das schlechtgedachte und schön gearbeitete Mo¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/504
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 476 . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/504>, abgerufen am 05.08.2020.