Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

schlecht erfüllt. Wir gingen in zwey, die eben keine
sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube
erhalten: die Officiere, hiess es, haben auf dem Durch¬
marsche alles besetzt. Das mochte vielleicht auch der
Fall seyn; denn alles ging von der Armee nach Hause:
desswegen die sichern Wege. Im dritten legte ich
missmüthig sogleich meinen Tornister auf den Tisch,
und quartierte mich ein ohne ein Wort zu sagen. Der
Wirth war ein Kleckser und nennte sich einen Maler,
und seine Mutter ein Muster von einem alten, hässli¬
chen, keifischen Weibe, das schon seit vierzig Jahren
aus der sechsten Bitte in die siebente getreten war.
Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashänd¬
ler, Tabuletkrämer und Kastenträger aller Art, von
denen einer bis nach Sibirien an den Jenisey zu han¬
deln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang und zankte
sich sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen
Pfifferling zu bekümmern: und zur Nacht schichtete
man uns mit den Hebräern so enge auf das Stroh,
dass ich auf dem brittischen Transport nach Kolumbia
kaum drückender eingelegt war. Solche Abende und
Nächte mussten schon mit eingerechnet werden, als
ich zu Hause den Reisesack schnallte.

In Iglau habe ich bey meinem Durchmarsch
nichts gesehen, als den grossen schönen hellen Markt,
dessen Häuser aber in der Ferne sich weit besser ma¬
chen als in der Nähe, wie fast alles in der Welt, das
ins Prächtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziem¬
lich in der Mitte des Markts steht ein herrliches Drey-
faltigkeitsstück, von Leopold dem Ersten und Joseph
dem Ersten, so christgläubig als möglich, aber traurig

schlecht erfüllt. Wir gingen in zwey, die eben keine
sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube
erhalten: die Officiere, hieſs es, haben auf dem Durch¬
marsche alles besetzt. Das mochte vielleicht auch der
Fall seyn; denn alles ging von der Armee nach Hause:
deſswegen die sichern Wege. Im dritten legte ich
miſsmüthig sogleich meinen Tornister auf den Tisch,
und quartierte mich ein ohne ein Wort zu sagen. Der
Wirth war ein Kleckser und nennte sich einen Maler,
und seine Mutter ein Muster von einem alten, häſsli¬
chen, keifischen Weibe, das schon seit vierzig Jahren
aus der sechsten Bitte in die siebente getreten war.
Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashänd¬
ler, Tabuletkrämer und Kastenträger aller Art, von
denen einer bis nach Sibirien an den Jenisey zu han¬
deln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang und zankte
sich sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen
Pfifferling zu bekümmern: und zur Nacht schichtete
man uns mit den Hebräern so enge auf das Stroh,
daſs ich auf dem brittischen Transport nach Kolumbia
kaum drückender eingelegt war. Solche Abende und
Nächte muſsten schon mit eingerechnet werden, als
ich zu Hause den Reisesack schnallte.

In Iglau habe ich bey meinem Durchmarsch
nichts gesehen, als den groſsen schönen hellen Markt,
dessen Häuser aber in der Ferne sich weit besser ma¬
chen als in der Nähe, wie fast alles in der Welt, das
ins Prächtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziem¬
lich in der Mitte des Markts steht ein herrliches Drey-
faltigkeitsstück, von Leopold dem Ersten und Joseph
dem Ersten, so christgläubig als möglich, aber traurig

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0047" n="21"/>
schlecht erfüllt. Wir gingen in zwey, die eben keine<lb/>
sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube<lb/>
erhalten: die Officiere, hie&#x017F;s es, haben auf dem Durch¬<lb/>
marsche alles besetzt. Das mochte vielleicht auch der<lb/>
Fall seyn; denn alles ging von der Armee nach Hause:<lb/>
de&#x017F;swegen die sichern Wege. Im dritten legte ich<lb/>
mi&#x017F;smüthig sogleich meinen Tornister auf den Tisch,<lb/>
und quartierte mich ein ohne ein Wort zu sagen. Der<lb/>
Wirth war ein Kleckser und nennte sich einen Maler,<lb/>
und seine Mutter ein Muster von einem alten, hä&#x017F;sli¬<lb/>
chen, keifischen Weibe, das schon seit vierzig Jahren<lb/>
aus der sechsten Bitte in die siebente getreten war.<lb/>
Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashänd¬<lb/>
ler, Tabuletkrämer und Kastenträger aller Art, von<lb/>
denen einer bis nach Sibirien an den Jenisey zu han¬<lb/>
deln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang und zankte<lb/>
sich sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen<lb/>
Pfifferling zu bekümmern: und zur Nacht schichtete<lb/>
man uns mit den Hebräern so enge auf das Stroh,<lb/>
da&#x017F;s ich auf dem brittischen Transport nach Kolumbia<lb/>
kaum drückender eingelegt war. Solche Abende und<lb/>
Nächte mu&#x017F;sten schon mit eingerechnet werden, als<lb/>
ich zu Hause den Reisesack schnallte.</p><lb/>
        <p>In Iglau habe ich bey meinem Durchmarsch<lb/>
nichts gesehen, als den gro&#x017F;sen schönen hellen Markt,<lb/>
dessen Häuser aber in der Ferne sich weit besser ma¬<lb/>
chen als in der Nähe, wie fast alles in der Welt, das<lb/>
ins Prächtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziem¬<lb/>
lich in der Mitte des Markts steht ein herrliches Drey-<lb/>
faltigkeitsstück, von Leopold dem Ersten und Joseph<lb/>
dem Ersten, so christgläubig als möglich, aber traurig<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0047] schlecht erfüllt. Wir gingen in zwey, die eben keine sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube erhalten: die Officiere, hieſs es, haben auf dem Durch¬ marsche alles besetzt. Das mochte vielleicht auch der Fall seyn; denn alles ging von der Armee nach Hause: deſswegen die sichern Wege. Im dritten legte ich miſsmüthig sogleich meinen Tornister auf den Tisch, und quartierte mich ein ohne ein Wort zu sagen. Der Wirth war ein Kleckser und nennte sich einen Maler, und seine Mutter ein Muster von einem alten, häſsli¬ chen, keifischen Weibe, das schon seit vierzig Jahren aus der sechsten Bitte in die siebente getreten war. Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashänd¬ ler, Tabuletkrämer und Kastenträger aller Art, von denen einer bis nach Sibirien an den Jenisey zu han¬ deln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang und zankte sich sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen Pfifferling zu bekümmern: und zur Nacht schichtete man uns mit den Hebräern so enge auf das Stroh, daſs ich auf dem brittischen Transport nach Kolumbia kaum drückender eingelegt war. Solche Abende und Nächte muſsten schon mit eingerechnet werden, als ich zu Hause den Reisesack schnallte. In Iglau habe ich bey meinem Durchmarsch nichts gesehen, als den groſsen schönen hellen Markt, dessen Häuser aber in der Ferne sich weit besser ma¬ chen als in der Nähe, wie fast alles in der Welt, das ins Prächtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziem¬ lich in der Mitte des Markts steht ein herrliches Drey- faltigkeitsstück, von Leopold dem Ersten und Joseph dem Ersten, so christgläubig als möglich, aber traurig

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/47
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/47>, abgerufen am 20.09.2019.