Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

aus demselben durch den Berg in die Ebene hinab
lässt, und der, wenn ich nicht irre, noch aus den
Zeiten des Kamillus ist. Die Geschichte seiner Entste¬
hung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so
durch den Aberglauben wie damals. Wenn der Gott
von Delphi den Ausspruch der Mathematiker nicht be¬
stätigt hätte, wären die Römer schwerlich an die Ar¬
beit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in
seiner alten herrlichen ursprünglichen Grösse da und
erfüllt den Zweck. Uhden wunderte sich, dass Kluver,
ein sonst so genauer und gewissenhafter Beobachter,
sagt, es seyen nur noch Spuren da, da doch der ganze
Kanal noch eben so gangbar ist, wie vor zwey tausend
Jahren. Mich däucht zu Kluvers Rechtfertigung muss
man annehmen, dass der Eingang eben damals ver¬
schüttet war, welches sich periodenweise leicht denken
lässt; und der Antiquar untersuchte nicht näher. Der
Eingang ist ein sehr romantischer Platz und der Ge¬
genstand der Zeichner: vorzüglich wirkt die alte peren¬
nirende Eiche an demselben. Das Schloss Gandolfo
oben auf dem Berge ist eine der schönsten Aussichten
in der ganzen schönen Gegend. Hier zeigte man mir
im Promenieren einen Priester, der in einem Gefecht
mit den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen
hatte. Das nenne ich einen Mann von der streitenden
Kirche! Wehe der Humanität, wenn sie die trium¬
phierende wird. Wer auf Hadrian eine Lobrede schrei¬
ben will, muss nicht hierher gehen, und die Ueber¬
reste seiner Ville sehen: man sieht noch ganz den
Pomp eines morgenländischen Herrschers, und die
Furcht einer engbrüstigen tyrannischen Seele. Trajan

aus demselben durch den Berg in die Ebene hinab
läſst, und der, wenn ich nicht irre, noch aus den
Zeiten des Kamillus ist. Die Geschichte seiner Entste¬
hung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so
durch den Aberglauben wie damals. Wenn der Gott
von Delphi den Ausspruch der Mathematiker nicht be¬
stätigt hätte, wären die Römer schwerlich an die Ar¬
beit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in
seiner alten herrlichen ursprünglichen Gröſse da und
erfüllt den Zweck. Uhden wunderte sich, daſs Kluver,
ein sonst so genauer und gewissenhafter Beobachter,
sagt, es seyen nur noch Spuren da, da doch der ganze
Kanal noch eben so gangbar ist, wie vor zwey tausend
Jahren. Mich däucht zu Kluvers Rechtfertigung muſs
man annehmen, daſs der Eingang eben damals ver¬
schüttet war, welches sich periodenweise leicht denken
läſst; und der Antiquar untersuchte nicht näher. Der
Eingang ist ein sehr romantischer Platz und der Ge¬
genstand der Zeichner: vorzüglich wirkt die alte peren¬
nirende Eiche an demselben. Das Schloſs Gandolfo
oben auf dem Berge ist eine der schönsten Aussichten
in der ganzen schönen Gegend. Hier zeigte man mir
im Promenieren einen Priester, der in einem Gefecht
mit den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen
hatte. Das nenne ich einen Mann von der streitenden
Kirche! Wehe der Humanität, wenn sie die trium¬
phierende wird. Wer auf Hadrian eine Lobrede schrei¬
ben will, muſs nicht hierher gehen, und die Ueber¬
reste seiner Ville sehen: man sieht noch ganz den
Pomp eines morgenländischen Herrschers, und die
Furcht einer engbrüstigen tyrannischen Seele. Trajan

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0396" n="368 "/>
aus demselben durch den Berg in die Ebene hinab<lb/>&#x017F;st, und der, wenn ich nicht irre, noch aus den<lb/>
Zeiten des Kamillus ist. Die Geschichte seiner Entste¬<lb/>
hung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so<lb/>
durch den Aberglauben wie damals. Wenn der Gott<lb/>
von Delphi den Ausspruch der Mathematiker nicht be¬<lb/>
stätigt hätte, wären die Römer schwerlich an die Ar¬<lb/>
beit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in<lb/>
seiner alten herrlichen ursprünglichen Grö&#x017F;se da und<lb/>
erfüllt den Zweck. Uhden wunderte sich, da&#x017F;s Kluver,<lb/>
ein sonst so genauer und gewissenhafter Beobachter,<lb/>
sagt, es seyen nur noch Spuren da, da doch der ganze<lb/>
Kanal noch eben so gangbar ist, wie vor zwey tausend<lb/>
Jahren. Mich däucht zu Kluvers Rechtfertigung mu&#x017F;s<lb/>
man annehmen, da&#x017F;s der Eingang eben damals ver¬<lb/>
schüttet war, welches sich periodenweise leicht denken<lb/>&#x017F;st; und der Antiquar untersuchte nicht näher. Der<lb/>
Eingang ist ein sehr romantischer Platz und der Ge¬<lb/>
genstand der Zeichner: vorzüglich wirkt die alte peren¬<lb/>
nirende Eiche an demselben. Das Schlo&#x017F;s Gandolfo<lb/>
oben auf dem Berge ist eine der schönsten Aussichten<lb/>
in der ganzen schönen Gegend. Hier zeigte man mir<lb/>
im Promenieren einen Priester, der in einem Gefecht<lb/>
mit den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen<lb/>
hatte. Das nenne ich einen Mann von der streitenden<lb/>
Kirche! Wehe der Humanität, wenn sie die trium¬<lb/>
phierende wird. Wer auf Hadrian eine Lobrede schrei¬<lb/>
ben will, mu&#x017F;s nicht hierher gehen, und die Ueber¬<lb/>
reste seiner Ville sehen: man sieht noch ganz den<lb/>
Pomp eines morgenländischen Herrschers, und die<lb/>
Furcht einer engbrüstigen tyrannischen Seele. Trajan<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[368 /0396] aus demselben durch den Berg in die Ebene hinab läſst, und der, wenn ich nicht irre, noch aus den Zeiten des Kamillus ist. Die Geschichte seiner Entste¬ hung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so durch den Aberglauben wie damals. Wenn der Gott von Delphi den Ausspruch der Mathematiker nicht be¬ stätigt hätte, wären die Römer schwerlich an die Ar¬ beit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in seiner alten herrlichen ursprünglichen Gröſse da und erfüllt den Zweck. Uhden wunderte sich, daſs Kluver, ein sonst so genauer und gewissenhafter Beobachter, sagt, es seyen nur noch Spuren da, da doch der ganze Kanal noch eben so gangbar ist, wie vor zwey tausend Jahren. Mich däucht zu Kluvers Rechtfertigung muſs man annehmen, daſs der Eingang eben damals ver¬ schüttet war, welches sich periodenweise leicht denken läſst; und der Antiquar untersuchte nicht näher. Der Eingang ist ein sehr romantischer Platz und der Ge¬ genstand der Zeichner: vorzüglich wirkt die alte peren¬ nirende Eiche an demselben. Das Schloſs Gandolfo oben auf dem Berge ist eine der schönsten Aussichten in der ganzen schönen Gegend. Hier zeigte man mir im Promenieren einen Priester, der in einem Gefecht mit den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen hatte. Das nenne ich einen Mann von der streitenden Kirche! Wehe der Humanität, wenn sie die trium¬ phierende wird. Wer auf Hadrian eine Lobrede schrei¬ ben will, muſs nicht hierher gehen, und die Ueber¬ reste seiner Ville sehen: man sieht noch ganz den Pomp eines morgenländischen Herrschers, und die Furcht einer engbrüstigen tyrannischen Seele. Trajan

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/396
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 368 . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/396>, abgerufen am 27.11.2020.