Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

Unvernunft nicht ausrotten kann. Du kannst denken,
mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop
sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern
Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen
wollte. Nil valent apud Vos leges, nil justitia, nil
boni mores
; saginantur sacerdotes, perit plebs, caecutit
populus
; vilipenditur quodcunque est homini sanctum
honestas
, modestia, omnis virtus. Infimus et improbis¬
simus quisque cum armis per oppida et agros praeda¬
bundus incedit
, furatur, rapit, trucidat, jugulat, in¬
cendia miscet
. Haec est illa religio scilicet, auctoris
ignominia
, rationis opprobrium, qua Vos homines liberos
et viros fortes ad servitia et latrones detrudere cona¬
mini
. So g[o]hr es, und ich versichere Dich, Freund,
es ist keine Sylbe Redekunst dabey. Aber gesetzt auch
ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum sollte
ich dem alten guten ehrlichen Manne Herzklopfen ma¬
chen? Es hilft nichts; das liegt schon im System. Man
wird schon Palliativen finden; aber an Heilung ist
nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie
die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht.
Die neuesten Beweise davon kannst Du in Florenz
und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil
ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdies
hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zu¬
rück. Die Römischen Vornehmen haben einen ganzen
Haufen Bedienten im Hause, und geben nur schlech¬
ten Sold. Jeder Fremde der nur die geringste Höflich¬
keit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Vale¬
taille in Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren.
Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich

Unvernunft nicht ausrotten kann. Du kannst denken,
mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop
sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern
Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen
wollte. Nil valent apud Vos leges, nil justitia, nil
boni mores
; saginantur sacerdotes, perit plebs, caecutit
populus
; vilipenditur quodcunque est homini sanctum
honestas
, modestia, omnis virtus. Infimus et improbis¬
simus quisque cum armis per oppida et agros praeda¬
bundus incedit
, furatur, rapit, trucidat, jugulat, in¬
cendia miscet
. Haec est illa religio scilicet, auctoris
ignominia
, rationis opprobrium, qua Vos homines liberos
et viros fortes ad servitia et latrones detrudere cona¬
mini
. So g[o]hr es, und ich versichere Dich, Freund,
es ist keine Sylbe Redekunst dabey. Aber gesetzt auch
ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum sollte
ich dem alten guten ehrlichen Manne Herzklopfen ma¬
chen? Es hilft nichts; das liegt schon im System. Man
wird schon Palliativen finden; aber an Heilung ist
nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie
die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht.
Die neuesten Beweise davon kannst Du in Florenz
und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil
ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdies
hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zu¬
rück. Die Römischen Vornehmen haben einen ganzen
Haufen Bedienten im Hause, und geben nur schlech¬
ten Sold. Jeder Fremde der nur die geringste Höflich¬
keit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Vale¬
taille in Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren.
Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0393" n="365 "/>
Unvernunft nicht ausrotten kann. Du kannst denken,<lb/>
mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop<lb/>
sich hier <choice><sic>nmsieht</sic><corr>umsieht</corr></choice>. Ich hatte mich mit einer bittern<lb/>
Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen<lb/>
wollte. <hi rendition="#i">Nil valent apud Vos leges</hi>, <hi rendition="#i">nil justitia</hi>, <hi rendition="#i">nil<lb/>
boni mores</hi>; <hi rendition="#i">saginantur sacerdotes</hi>, <hi rendition="#i">perit plebs</hi>, <hi rendition="#i">caecutit<lb/>
populus</hi>; <hi rendition="#i">vilipenditur quodcunque est homini sanctum<lb/>
honestas</hi>, <hi rendition="#i">modestia</hi>, <hi rendition="#i">omnis virtus</hi>. <hi rendition="#i">Infimus et improbis¬<lb/>
simus quisque cum armis per oppida et agros praeda¬<lb/>
bundus incedit</hi>, <hi rendition="#i">furatur</hi>, <hi rendition="#i">rapit</hi>, <hi rendition="#i">trucidat</hi>, <hi rendition="#i">jugulat</hi>, <hi rendition="#i">in¬<lb/>
cendia miscet</hi>. <hi rendition="#i">Haec est illa religio scilicet</hi>, <hi rendition="#i">auctoris<lb/>
ignominia</hi>, <hi rendition="#i">rationis opprobrium</hi>, <hi rendition="#i">qua Vos homines liberos<lb/>
et viros fortes ad servitia et latrones detrudere cona¬<lb/>
mini</hi>. So g<supplied>o</supplied>hr es, und ich versichere Dich, Freund,<lb/>
es ist keine Sylbe Redekunst dabey. Aber gesetzt auch<lb/>
ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum sollte<lb/>
ich dem alten guten ehrlichen Manne Herzklopfen ma¬<lb/>
chen? Es hilft nichts; das liegt schon im System. Man<lb/>
wird schon Palliativen finden; aber an Heilung ist<lb/>
nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie<lb/>
die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht.<lb/>
Die neuesten Beweise davon kannst Du in Florenz<lb/>
und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil<lb/>
ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdies<lb/>
hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zu¬<lb/>
rück. Die Römischen Vornehmen haben einen ganzen<lb/>
Haufen Bedienten im Hause, und geben nur schlech¬<lb/>
ten Sold. Jeder Fremde der nur die geringste Höflich¬<lb/>
keit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Vale¬<lb/>
taille in Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren.<lb/>
Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[365 /0393] Unvernunft nicht ausrotten kann. Du kannst denken, mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen wollte. Nil valent apud Vos leges, nil justitia, nil boni mores; saginantur sacerdotes, perit plebs, caecutit populus; vilipenditur quodcunque est homini sanctum honestas, modestia, omnis virtus. Infimus et improbis¬ simus quisque cum armis per oppida et agros praeda¬ bundus incedit, furatur, rapit, trucidat, jugulat, in¬ cendia miscet. Haec est illa religio scilicet, auctoris ignominia, rationis opprobrium, qua Vos homines liberos et viros fortes ad servitia et latrones detrudere cona¬ mini. So gohr es, und ich versichere Dich, Freund, es ist keine Sylbe Redekunst dabey. Aber gesetzt auch ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum sollte ich dem alten guten ehrlichen Manne Herzklopfen ma¬ chen? Es hilft nichts; das liegt schon im System. Man wird schon Palliativen finden; aber an Heilung ist nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht. Die neuesten Beweise davon kannst Du in Florenz und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdies hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zu¬ rück. Die Römischen Vornehmen haben einen ganzen Haufen Bedienten im Hause, und geben nur schlech¬ ten Sold. Jeder Fremde der nur die geringste Höflich¬ keit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Vale¬ taille in Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren. Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/393
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 365 . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/393>, abgerufen am 26.09.2020.