Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

nen: ja, lieber Gott, wenn ich ein anderer Kerl wä¬
re, als ich bin, könnte ich im Vaterlande Aussichten
haben, wo man sie doch am liebsten hat. Don Juan,
fate vi cristiano
, et state qui in Sicilia. -- Ma lo so¬
no
. -- Ma non siete cattoliso. -- Ma sono bene co¬
si
; non si puo meglio. Die Frau ass im Eifer Bonbon
und trank Wein und ward heftig, und da ich denn
trocken halsstarrig fort blieb, rief sie in heiliger
Wuth aus, indem sie den Teller von sich stiess: Ma
vol altri voi siete tutti baroni f-t-ti
. Ueber diese Nai¬
vetät erschrak ich, und wäre jetzt für zwey Unzen
gern zurück in mein Wirthshaus gewesen. Nach Ti¬
sche ging ich zu Rosalien, wie ich Dir erzählte. Ich
glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut ge¬
merkt zu haben und irrte mich doch; ich kam in ein
unrechtes. Nun wollte ich eben fragen, wo hier Don
Filippo wohne, als ein Kerl ladro, briccone, furfante
heraus schrie und wüthend mit dem Messer auf mich
zu stürzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisen¬
zwinge meines Knotenstocks, flüchtete eben so schnell
zum Hause hinaus und eilte die finstere Gasse hinun¬
ter. Die Nachbarschaft gerieth in Lärm: eine schöne
Nachbarschaft, dachte ich, und ging in mein altes
Gasthaus. Dort war ich sehr willkommen. Ich hatte
mich eben zu Bette gelegt, als der Herr Steuerrevisor
kam und mich aufsuchte. Er war meinetwegen in
Todesangst. Ich erzählte ihm mein Abenteuer und
sagte, dass ich in einer solchen Nachbarschaft nicht
wohnen möchte; er liess aber nicht nach bis ich ihm
versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen, denn
diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu

nen: ja, lieber Gott, wenn ich ein anderer Kerl wä¬
re, als ich bin, könnte ich im Vaterlande Aussichten
haben, wo man sie doch am liebsten hat. Don Juan‚
fate vi cristiano
, et state qui in Sicilia. — Ma lo so¬
no
. — Ma non siete cattoliso. — Ma sono bene co¬
si
; non si puo meglio. Die Frau aſs im Eifer Bonbon
und trank Wein und ward heftig, und da ich denn
trocken halsstarrig fort blieb, rief sie in heiliger
Wuth aus, indem sie den Teller von sich stieſs: Ma
vol altri voi siete tutti baroni f-t-ti
. Ueber diese Nai¬
vetät erschrak ich, und wäre jetzt für zwey Unzen
gern zurück in mein Wirthshaus gewesen. Nach Ti¬
sche ging ich zu Rosalien, wie ich Dir erzählte. Ich
glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut ge¬
merkt zu haben und irrte mich doch; ich kam in ein
unrechtes. Nun wollte ich eben fragen, wo hier Don
Filippo wohne, als ein Kerl ladro, briccone, furfante
heraus schrie und wüthend mit dem Messer auf mich
zu stürzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisen¬
zwinge meines Knotenstocks, flüchtete eben so schnell
zum Hause hinaus und eilte die finstere Gasse hinun¬
ter. Die Nachbarschaft gerieth in Lärm: eine schöne
Nachbarschaft, dachte ich, und ging in mein altes
Gasthaus. Dort war ich sehr willkommen. Ich hatte
mich eben zu Bette gelegt, als der Herr Steuerrevisor
kam und mich aufsuchte. Er war meinetwegen in
Todesangst. Ich erzählte ihm mein Abenteuer und
sagte, daſs ich in einer solchen Nachbarschaft nicht
wohnen möchte; er lieſs aber nicht nach bis ich ihm
versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen, denn
diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0348" n="322"/>
nen: ja, lieber Gott, wenn ich ein anderer Kerl wä¬<lb/>
re, als ich bin, könnte ich im Vaterlande Aussichten<lb/>
haben, wo man sie doch am liebsten hat. <hi rendition="#i">Don Juan&#x201A;<lb/>
fate vi cristiano</hi>, <hi rendition="#i">et state</hi> qui in <hi rendition="#i">Sicilia</hi>. &#x2014; <hi rendition="#i">Ma lo so¬<lb/>
no</hi>. &#x2014; <hi rendition="#i">Ma non siete cattoliso</hi>. &#x2014; <hi rendition="#i">Ma sono bene co¬<lb/>
si</hi>; <hi rendition="#i">non si puo meglio</hi>. Die Frau a&#x017F;s im Eifer Bonbon<lb/>
und trank Wein und ward heftig, und da ich denn<lb/>
trocken halsstarrig fort blieb, rief sie in heiliger<lb/>
Wuth aus, indem sie den Teller von sich stie&#x017F;s: <hi rendition="#i">Ma<lb/>
vol altri voi siete tutti baroni f-t-ti</hi>. Ueber diese Nai¬<lb/>
vetät erschrak ich, und wäre jetzt für zwey Unzen<lb/>
gern zurück in mein Wirthshaus gewesen. Nach Ti¬<lb/>
sche ging ich zu Rosalien, wie ich Dir erzählte. Ich<lb/>
glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut ge¬<lb/>
merkt zu haben und irrte mich doch; ich kam in ein<lb/>
unrechtes. Nun wollte ich eben fragen, wo hier Don<lb/>
Filippo wohne, als ein Kerl <hi rendition="#i">ladro, briccone, furfante</hi><lb/>
heraus schrie und wüthend mit dem Messer auf mich<lb/>
zu stürzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisen¬<lb/>
zwinge meines Knotenstocks, flüchtete eben so schnell<lb/>
zum Hause hinaus und eilte die finstere Gasse hinun¬<lb/>
ter. Die Nachbarschaft gerieth in Lärm: eine schöne<lb/>
Nachbarschaft, dachte ich, und ging in mein altes<lb/>
Gasthaus. Dort war ich sehr willkommen. Ich hatte<lb/>
mich eben zu Bette gelegt, als der Herr Steuerrevisor<lb/>
kam und mich aufsuchte. Er war meinetwegen in<lb/>
Todesangst. Ich erzählte ihm mein Abenteuer und<lb/>
sagte, da&#x017F;s ich in einer solchen Nachbarschaft nicht<lb/>
wohnen möchte; er lie&#x017F;s aber nicht nach bis ich ihm<lb/>
versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen, denn<lb/>
diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[322/0348] nen: ja, lieber Gott, wenn ich ein anderer Kerl wä¬ re, als ich bin, könnte ich im Vaterlande Aussichten haben, wo man sie doch am liebsten hat. Don Juan‚ fate vi cristiano, et state qui in Sicilia. — Ma lo so¬ no. — Ma non siete cattoliso. — Ma sono bene co¬ si; non si puo meglio. Die Frau aſs im Eifer Bonbon und trank Wein und ward heftig, und da ich denn trocken halsstarrig fort blieb, rief sie in heiliger Wuth aus, indem sie den Teller von sich stieſs: Ma vol altri voi siete tutti baroni f-t-ti. Ueber diese Nai¬ vetät erschrak ich, und wäre jetzt für zwey Unzen gern zurück in mein Wirthshaus gewesen. Nach Ti¬ sche ging ich zu Rosalien, wie ich Dir erzählte. Ich glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut ge¬ merkt zu haben und irrte mich doch; ich kam in ein unrechtes. Nun wollte ich eben fragen, wo hier Don Filippo wohne, als ein Kerl ladro, briccone, furfante heraus schrie und wüthend mit dem Messer auf mich zu stürzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisen¬ zwinge meines Knotenstocks, flüchtete eben so schnell zum Hause hinaus und eilte die finstere Gasse hinun¬ ter. Die Nachbarschaft gerieth in Lärm: eine schöne Nachbarschaft, dachte ich, und ging in mein altes Gasthaus. Dort war ich sehr willkommen. Ich hatte mich eben zu Bette gelegt, als der Herr Steuerrevisor kam und mich aufsuchte. Er war meinetwegen in Todesangst. Ich erzählte ihm mein Abenteuer und sagte, daſs ich in einer solchen Nachbarschaft nicht wohnen möchte; er lieſs aber nicht nach bis ich ihm versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen, denn diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/348
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 322. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/348>, abgerufen am 29.11.2020.