Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

der doch fast unbewölkt war, hinderten mich weiter
zu sehen. Messina habe ich nicht gesehen; und mich
däucht, man kann es von hier nicht sehen: es liegt
zu tief landeinwärts an der Meerenge und die Berge
müssen es decken. Palermo kann man durchaus nicht
sehen, sondern nur die Berge umher. Von den Lipa¬
ren sahen wir nur etwas durch die Wölkchen. Nach¬
dem wir rund umher genug hinabgeschaut hatten, und
das erste Staunen sich zu etwas Ruhe setzte, sagte der
Major nach englischer Sitte: Now be sure, we needs
must give a shout at the top down the gulf;
und so
stimmten wir denn drey Mahl ein mächtiges Freuden¬
geschrey an, dass die Höhlen des furchtbaren Riesen
wiederhallten, und die Führer uns warnten, wir möch¬
ten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten
wecken. Sie nannten den Schlund nur mit etwas ver¬
ändertem Mythus: la casa del diavolo und das Echo
in den Klüften la sua risposta.

Der Umfang des kleinen tief unten liegenden
Kessels mag ungefähr eine kleine Viertelstunde seyn.
Es kochte und brauste, und wüthete und tobte und
stürmte unaufhörlich aus ihm herauf. Einen zweyten
Krater habe ich nicht gesehen; der dicke Rauch müsste
vielleicht ganz seinen Eingang decken, oder dieser
zweyte Schlund müsste auf der andern Seite der Fel¬
sen liegen, zu der wir wegen des Windes, der den
Dampf dorthin trieb, nicht kommen konnten. Auch
hier waren wir nicht ganz vom Rauche frey; die rothe
Uniform der Engländer mit den goldenen Achselbän¬
dern war ganz schwarzgrau geworden; mein blauer
Rock hatte seine Farbe nicht merklich geändert.

der doch fast unbewölkt war, hinderten mich weiter
zu sehen. Messina habe ich nicht gesehen; und mich
däucht, man kann es von hier nicht sehen: es liegt
zu tief landeinwärts an der Meerenge und die Berge
müssen es decken. Palermo kann man durchaus nicht
sehen, sondern nur die Berge umher. Von den Lipa¬
ren sahen wir nur etwas durch die Wölkchen. Nach¬
dem wir rund umher genug hinabgeschaut hatten, und
das erste Staunen sich zu etwas Ruhe setzte, sagte der
Major nach englischer Sitte: Now be sure, we needs
must give a shout at the top down the gulf;
und so
stimmten wir denn drey Mahl ein mächtiges Freuden¬
geschrey an, daſs die Höhlen des furchtbaren Riesen
wiederhallten, und die Führer uns warnten, wir möch¬
ten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten
wecken. Sie nannten den Schlund nur mit etwas ver¬
ändertem Mythus: la casa del diavolo und das Echo
in den Klüften la sua risposta.

Der Umfang des kleinen tief unten liegenden
Kessels mag ungefähr eine kleine Viertelstunde seyn.
Es kochte und brauste, und wüthete und tobte und
stürmte unaufhörlich aus ihm herauf. Einen zweyten
Krater habe ich nicht gesehen; der dicke Rauch müſste
vielleicht ganz seinen Eingang decken, oder dieser
zweyte Schlund müſste auf der andern Seite der Fel¬
sen liegen, zu der wir wegen des Windes, der den
Dampf dorthin trieb, nicht kommen konnten. Auch
hier waren wir nicht ganz vom Rauche frey; die rothe
Uniform der Engländer mit den goldenen Achselbän¬
dern war ganz schwarzgrau geworden; mein blauer
Rock hatte seine Farbe nicht merklich geändert.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0316" n="290"/>
der doch fast unbewölkt war, hinderten mich weiter<lb/>
zu sehen. Messina habe ich nicht gesehen; und mich<lb/>
däucht, man kann es von hier nicht sehen: es liegt<lb/>
zu tief landeinwärts an der Meerenge und die Berge<lb/>
müssen es decken. Palermo kann man durchaus nicht<lb/>
sehen, sondern nur die Berge umher. Von den Lipa¬<lb/>
ren sahen wir nur etwas durch die Wölkchen. Nach¬<lb/>
dem wir rund umher genug hinabgeschaut hatten, und<lb/>
das erste Staunen sich zu etwas Ruhe setzte, sagte der<lb/>
Major nach englischer Sitte: <hi rendition="#i">Now be sure, we needs<lb/>
must give a shout at the top down the gulf;</hi> und so<lb/>
stimmten wir denn drey Mahl ein mächtiges Freuden¬<lb/>
geschrey an, da&#x017F;s die Höhlen des furchtbaren Riesen<lb/>
wiederhallten, und die Führer uns warnten, wir möch¬<lb/>
ten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten<lb/>
wecken. Sie nannten den Schlund nur mit etwas ver¬<lb/>
ändertem Mythus: <hi rendition="#i">la casa del diavolo</hi> und das Echo<lb/>
in den Klüften <hi rendition="#i">la sua risposta.</hi></p><lb/>
        <p>Der Umfang des kleinen tief unten liegenden<lb/>
Kessels mag ungefähr eine kleine Viertelstunde seyn.<lb/>
Es kochte und brauste, und wüthete und tobte und<lb/>
stürmte unaufhörlich aus ihm herauf. Einen zweyten<lb/>
Krater habe ich nicht gesehen; der dicke Rauch mü&#x017F;ste<lb/>
vielleicht ganz seinen Eingang decken, oder dieser<lb/>
zweyte Schlund mü&#x017F;ste auf der andern Seite der Fel¬<lb/>
sen liegen, zu der wir wegen des Windes, der den<lb/>
Dampf dorthin trieb, nicht kommen konnten. Auch<lb/>
hier waren wir nicht ganz vom Rauche frey; die rothe<lb/>
Uniform der Engländer mit den goldenen Achselbän¬<lb/>
dern war ganz schwarzgrau geworden; mein blauer<lb/>
Rock hatte seine Farbe nicht merklich geändert.</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[290/0316] der doch fast unbewölkt war, hinderten mich weiter zu sehen. Messina habe ich nicht gesehen; und mich däucht, man kann es von hier nicht sehen: es liegt zu tief landeinwärts an der Meerenge und die Berge müssen es decken. Palermo kann man durchaus nicht sehen, sondern nur die Berge umher. Von den Lipa¬ ren sahen wir nur etwas durch die Wölkchen. Nach¬ dem wir rund umher genug hinabgeschaut hatten, und das erste Staunen sich zu etwas Ruhe setzte, sagte der Major nach englischer Sitte: Now be sure, we needs must give a shout at the top down the gulf; und so stimmten wir denn drey Mahl ein mächtiges Freuden¬ geschrey an, daſs die Höhlen des furchtbaren Riesen wiederhallten, und die Führer uns warnten, wir möch¬ ten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten wecken. Sie nannten den Schlund nur mit etwas ver¬ ändertem Mythus: la casa del diavolo und das Echo in den Klüften la sua risposta. Der Umfang des kleinen tief unten liegenden Kessels mag ungefähr eine kleine Viertelstunde seyn. Es kochte und brauste, und wüthete und tobte und stürmte unaufhörlich aus ihm herauf. Einen zweyten Krater habe ich nicht gesehen; der dicke Rauch müſste vielleicht ganz seinen Eingang decken, oder dieser zweyte Schlund müſste auf der andern Seite der Fel¬ sen liegen, zu der wir wegen des Windes, der den Dampf dorthin trieb, nicht kommen konnten. Auch hier waren wir nicht ganz vom Rauche frey; die rothe Uniform der Engländer mit den goldenen Achselbän¬ dern war ganz schwarzgrau geworden; mein blauer Rock hatte seine Farbe nicht merklich geändert.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/316
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 290. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/316>, abgerufen am 15.08.2020.