Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

freundliche Miene, als bis ich seinen Kindern von
meinem schönen Brote aus Syrakus gab; dann holte
er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In
der Gegend des Simäthus war das Wasser ziemlizh
gross, das man auf die Felder umher auf den Reis
leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter
wohl nicht recht geschickt lenken mochte, fiel in eine
morastige Lache des Flusses, und bekam meine halbe
Personalität unter sich. Mein linker Fuss, der wegen
einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wur¬
de gequetscht und etwas verrenkt und ich kam lahm
hier an. Sehr leicht hätte ich eines sehr unidyllischen
schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simäthus
sterben können: doch zürne ich desswegen dem Flusse
nicht: denn er ist doch der einzige Fluss, der diesen
Namen auf der Insel verdient, und durchaus der
grösste, wenn gleich einige den Salzfluss bey Alikata
oder gar den Himera bey Termini grösser machen.
Der Simäthus ist ein eigentlicher Fluss, und die an¬
dern sind nur Waldströme, die sich freylich zuweilen
mit vieler Gewalt von den Gebirgen herabwälzen mö¬
gen, wie ich schon selbst die Erfahrung gemacht habe.
Das dauert aber gewöhnlich nur einige Tage; dann
kann man wieder zu Fuss durch ihr Bette gehen.
Nicht weit diesseit des Simäthus, über den hier eine
ziemlich gute Fähre geht, führte mich mein unkundi¬
ger Eseltreiber in Büsche und Moräste hinein, dass
weder ich, noch er, noch der Esel weiter wussten.
Mein Schmutz und mein Schmerz am Fusse hatten
mich etwas grämlich gemacht, so dass ich im Aerger
dem Jungen mit der Ruthe einige Schläge über das

freundliche Miene, als bis ich seinen Kindern von
meinem schönen Brote aus Syrakus gab; dann holte
er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In
der Gegend des Simäthus war das Wasser ziemlizh
groſs, das man auf die Felder umher auf den Reis
leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter
wohl nicht recht geschickt lenken mochte, fiel in eine
morastige Lache des Flusses, und bekam meine halbe
Personalität unter sich. Mein linker Fuſs, der wegen
einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wur¬
de gequetscht und etwas verrenkt und ich kam lahm
hier an. Sehr leicht hätte ich eines sehr unidyllischen
schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simäthus
sterben können: doch zürne ich deſswegen dem Flusse
nicht: denn er ist doch der einzige Fluſs, der diesen
Namen auf der Insel verdient, und durchaus der
gröſste, wenn gleich einige den Salzfluſs bey Alikata
oder gar den Himera bey Termini gröſser machen.
Der Simäthus ist ein eigentlicher Fluſs, und die an¬
dern sind nur Waldströme, die sich freylich zuweilen
mit vieler Gewalt von den Gebirgen herabwälzen mö¬
gen, wie ich schon selbst die Erfahrung gemacht habe.
Das dauert aber gewöhnlich nur einige Tage; dann
kann man wieder zu Fuſs durch ihr Bette gehen.
Nicht weit diesseit des Simäthus, über den hier eine
ziemlich gute Fähre geht, führte mich mein unkundi¬
ger Eseltreiber in Büsche und Moräste hinein, daſs
weder ich, noch er, noch der Esel weiter wuſsten.
Mein Schmutz und mein Schmerz am Fuſse hatten
mich etwas grämlich gemacht, so daſs ich im Aerger
dem Jungen mit der Ruthe einige Schläge über das

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0295" n="269"/>
freundliche Miene, als bis ich seinen Kindern von<lb/>
meinem schönen Brote aus Syrakus gab; dann holte<lb/>
er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In<lb/>
der Gegend des Simäthus war das Wasser ziemlizh<lb/>
gro&#x017F;s, das man auf die Felder umher auf den Reis<lb/>
leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter<lb/>
wohl nicht recht geschickt lenken mochte, fiel in eine<lb/>
morastige Lache des Flusses, und bekam meine halbe<lb/>
Personalität unter sich. Mein linker Fu&#x017F;s, der wegen<lb/>
einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wur¬<lb/>
de gequetscht und etwas verrenkt und ich kam lahm<lb/>
hier an. Sehr leicht hätte ich eines sehr unidyllischen<lb/>
schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simäthus<lb/>
sterben können: doch zürne ich de&#x017F;swegen dem Flusse<lb/>
nicht: denn er ist doch der einzige Flu&#x017F;s, der diesen<lb/>
Namen auf der Insel verdient, und durchaus der<lb/>
grö&#x017F;ste, wenn gleich einige den Salzflu&#x017F;s bey Alikata<lb/>
oder gar den Himera bey Termini grö&#x017F;ser machen.<lb/>
Der Simäthus ist ein eigentlicher Flu&#x017F;s, und die an¬<lb/>
dern sind nur Waldströme, die sich freylich zuweilen<lb/>
mit vieler Gewalt von den Gebirgen herabwälzen mö¬<lb/>
gen, wie ich schon selbst die Erfahrung gemacht habe.<lb/>
Das dauert aber gewöhnlich nur einige Tage; dann<lb/>
kann man wieder zu Fu&#x017F;s durch ihr Bette gehen.<lb/>
Nicht weit diesseit des Simäthus, über den hier eine<lb/>
ziemlich gute Fähre geht, führte mich mein unkundi¬<lb/>
ger Eseltreiber in Büsche und Moräste hinein, da&#x017F;s<lb/>
weder ich, noch er, noch der Esel weiter wu&#x017F;sten.<lb/>
Mein Schmutz und mein Schmerz am Fu&#x017F;se hatten<lb/>
mich etwas grämlich gemacht, so da&#x017F;s ich im Aerger<lb/>
dem Jungen mit der Ruthe einige Schläge über das<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[269/0295] freundliche Miene, als bis ich seinen Kindern von meinem schönen Brote aus Syrakus gab; dann holte er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In der Gegend des Simäthus war das Wasser ziemlizh groſs, das man auf die Felder umher auf den Reis leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter wohl nicht recht geschickt lenken mochte, fiel in eine morastige Lache des Flusses, und bekam meine halbe Personalität unter sich. Mein linker Fuſs, der wegen einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wur¬ de gequetscht und etwas verrenkt und ich kam lahm hier an. Sehr leicht hätte ich eines sehr unidyllischen schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simäthus sterben können: doch zürne ich deſswegen dem Flusse nicht: denn er ist doch der einzige Fluſs, der diesen Namen auf der Insel verdient, und durchaus der gröſste, wenn gleich einige den Salzfluſs bey Alikata oder gar den Himera bey Termini gröſser machen. Der Simäthus ist ein eigentlicher Fluſs, und die an¬ dern sind nur Waldströme, die sich freylich zuweilen mit vieler Gewalt von den Gebirgen herabwälzen mö¬ gen, wie ich schon selbst die Erfahrung gemacht habe. Das dauert aber gewöhnlich nur einige Tage; dann kann man wieder zu Fuſs durch ihr Bette gehen. Nicht weit diesseit des Simäthus, über den hier eine ziemlich gute Fähre geht, führte mich mein unkundi¬ ger Eseltreiber in Büsche und Moräste hinein, daſs weder ich, noch er, noch der Esel weiter wuſsten. Mein Schmutz und mein Schmerz am Fuſse hatten mich etwas grämlich gemacht, so daſs ich im Aerger dem Jungen mit der Ruthe einige Schläge über das

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/295
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 269. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/295>, abgerufen am 19.09.2020.