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Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

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gern wieder vergessen habe. Ich erzähle die Thatsa¬
che, und überlasse Dir die Glossen.

Minerva hat in ihrem Tempel der heiligen Luci¬
lie Platz machen müssen. Man hat das Gebäude nach
der gewöhnlichen Weise behandelt, und aus einem
sehr schönen Tempel eine ziemlich schlechte Kirche
gemacht. Das Ganze ist verbaut, so dass nur noch
von innen und aussen der griechische Säulengang
sichtbar ist. Das Frontespice ist nach dem neuen Stil
schön und gross, sticht aber gegen die alte griechische
Einfachheit nicht sehr vortheilhaft ab.

Bald wäre ich unschuldiger Weise Veranlassung
eines Unglücks geworden. Ein Kastrat, der in der Ka¬
thedralkirche singt und nicht mehr als sechzig Piaster
jährlich hat, war mein Gast in der Auberge, weil er
sehr freundlich war und ein sehr gutmüthiger Kerl
zu seyn schien. Ein Geiger, sein Nebenbuhler, neckte
ihn lange mit allerhand Sarkasmen über seine Zuthu¬
lichkeit, und kam endlich auch auf einen eigenen ei¬
gentlichen topischen Fehler, an dem der arme Teufel
ganz unschuldig war, da ihn andere vermuthlich ohne
seine Beystimmung an ihm gemacht hatten. Darüber
gerieth das entmannte Bild so in Wuth, dass er mit
dem Messer auf den Geiger zuschoss und ihn erstochen
haben würde, wäre dieser durch die Anwesenden nicht
sogleich fortgeschafft worden. Auch der Sänger konnte
die Aergerniss durchaus nicht verdauen und entfernte
sich.

Eben sitze ich hier bey einem Gericht Aale aus
dem Anapus, die hier für eine Delikatesse der Dom¬
herrn gelten, und die ich also wohl eben so verdienst¬

gern wieder vergessen habe. Ich erzähle die Thatsa¬
che, und überlasse Dir die Glossen.

Minerva hat in ihrem Tempel der heiligen Luci¬
lie Platz machen müssen. Man hat das Gebäude nach
der gewöhnlichen Weise behandelt, und aus einem
sehr schönen Tempel eine ziemlich schlechte Kirche
gemacht. Das Ganze ist verbaut, so daſs nur noch
von innen und auſsen der griechische Säulengang
sichtbar ist. Das Frontespice ist nach dem neuen Stil
schön und groſs, sticht aber gegen die alte griechische
Einfachheit nicht sehr vortheilhaft ab.

Bald wäre ich unschuldiger Weise Veranlassung
eines Unglücks geworden. Ein Kastrat, der in der Ka¬
thedralkirche singt und nicht mehr als sechzig Piaster
jährlich hat, war mein Gast in der Auberge, weil er
sehr freundlich war und ein sehr gutmüthiger Kerl
zu seyn schien. Ein Geiger, sein Nebenbuhler, neckte
ihn lange mit allerhand Sarkasmen über seine Zuthu¬
lichkeit, und kam endlich auch auf einen eigenen ei¬
gentlichen topischen Fehler, an dem der arme Teufel
ganz unschuldig war, da ihn andere vermuthlich ohne
seine Beystimmung an ihm gemacht hatten. Darüber
gerieth das entmannte Bild so in Wuth, daſs er mit
dem Messer auf den Geiger zuschoſs und ihn erstochen
haben würde, wäre dieser durch die Anwesenden nicht
sogleich fortgeschafft worden. Auch der Sänger konnte
die Aergerniſs durchaus nicht verdauen und entfernte
sich.

Eben sitze ich hier bey einem Gericht Aale aus
dem Anapus, die hier für eine Delikatesse der Dom¬
herrn gelten, und die ich also wohl eben so verdienst¬

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[258/0284] gern wieder vergessen habe. Ich erzähle die Thatsa¬ che, und überlasse Dir die Glossen. Minerva hat in ihrem Tempel der heiligen Luci¬ lie Platz machen müssen. Man hat das Gebäude nach der gewöhnlichen Weise behandelt, und aus einem sehr schönen Tempel eine ziemlich schlechte Kirche gemacht. Das Ganze ist verbaut, so daſs nur noch von innen und auſsen der griechische Säulengang sichtbar ist. Das Frontespice ist nach dem neuen Stil schön und groſs, sticht aber gegen die alte griechische Einfachheit nicht sehr vortheilhaft ab. Bald wäre ich unschuldiger Weise Veranlassung eines Unglücks geworden. Ein Kastrat, der in der Ka¬ thedralkirche singt und nicht mehr als sechzig Piaster jährlich hat, war mein Gast in der Auberge, weil er sehr freundlich war und ein sehr gutmüthiger Kerl zu seyn schien. Ein Geiger, sein Nebenbuhler, neckte ihn lange mit allerhand Sarkasmen über seine Zuthu¬ lichkeit, und kam endlich auch auf einen eigenen ei¬ gentlichen topischen Fehler, an dem der arme Teufel ganz unschuldig war, da ihn andere vermuthlich ohne seine Beystimmung an ihm gemacht hatten. Darüber gerieth das entmannte Bild so in Wuth, daſs er mit dem Messer auf den Geiger zuschoſs und ihn erstochen haben würde, wäre dieser durch die Anwesenden nicht sogleich fortgeschafft worden. Auch der Sänger konnte die Aergerniſs durchaus nicht verdauen und entfernte sich. Eben sitze ich hier bey einem Gericht Aale aus dem Anapus, die hier für eine Delikatesse der Dom¬ herrn gelten, und die ich also wohl eben so verdienst¬

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Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 258. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/284>, abgerufen am 19.09.2020.