Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natürlich? Ich
will die Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben
so wenig hartnäckig behaupten.

Als ich hier in der Kirche sass, die eben ausge¬
bessert wird, und den Schlüssel zur erwähnten Gruft
erwartete, gesellte sich ein neapolitanischer Offizier zu
mir, der ein Franzose von Geburt und schon über
zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach
recht gut deutsch und hatte ehemals mehrere Reisen
durch verschiedene Länder von Europa gemacht. Wenn
man diesen Mann von der Regierung und der Kir¬
chendisciplin sprechen hörte; man hätte das Feuer
vom Himmel zur Vertilgung der Schande rufen mö¬
gen. Alles bestätigte seine Erzählung, und Unzufrie¬
denheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter
des Mannes zu liegen. Vorzüglich war die Unzucht
der römischen Kirche, nach seiner Aussage, ein Gräuel,
wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthum
nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art
ist in der Gegend gar nichts ungewöhnliches und wird
mit einem kleinen Ablassgelde in Ordnung gebracht
und fortgesetzt. Der Beichtstuhl ist ein Kuppelplatz,
wo sich der Klerus für eine kleine Belohnung sehr
leicht zum Unterhändler her giebt, wenn er nicht
Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in sei¬
ner Liebschaft findet, wendet sich an einen Mönch
oder sonstigen Geislichen, und die ehrsamste sprödeste
Person wird bald gefällig gemacht. Der Mann sprach
den Altar gegen über davon wie von Dingen, die je¬
dermann wisse, und nannte mir mit grosser Freymü¬
thigkeit zu seinen Behauptungen Beyspiele, die ich

17

vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natürlich? Ich
will die Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben
so wenig hartnäckig behaupten.

Als ich hier in der Kirche saſs, die eben ausge¬
bessert wird, und den Schlüssel zur erwähnten Gruft
erwartete, gesellte sich ein neapolitanischer Offizier zu
mir, der ein Franzose von Geburt und schon über
zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach
recht gut deutsch und hatte ehemals mehrere Reisen
durch verschiedene Länder von Europa gemacht. Wenn
man diesen Mann von der Regierung und der Kir¬
chendisciplin sprechen hörte; man hätte das Feuer
vom Himmel zur Vertilgung der Schande rufen mö¬
gen. Alles bestätigte seine Erzählung, und Unzufrie¬
denheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter
des Mannes zu liegen. Vorzüglich war die Unzucht
der römischen Kirche, nach seiner Aussage, ein Gräuel,
wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthum
nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art
ist in der Gegend gar nichts ungewöhnliches und wird
mit einem kleinen Ablaſsgelde in Ordnung gebracht
und fortgesetzt. Der Beichtstuhl ist ein Kuppelplatz,
wo sich der Klerus für eine kleine Belohnung sehr
leicht zum Unterhändler her giebt, wenn er nicht
Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in sei¬
ner Liebschaft findet, wendet sich an einen Mönch
oder sonstigen Geislichen, und die ehrsamste sprödeste
Person wird bald gefällig gemacht. Der Mann sprach
den Altar gegen über davon wie von Dingen, die je¬
dermann wisse, und nannte mir mit groſser Freymü¬
thigkeit zu seinen Behauptungen Beyspiele, die ich

17
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0283" n="257"/>
vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natürlich? Ich<lb/>
will die Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben<lb/>
so wenig hartnäckig behaupten.</p><lb/>
        <p>Als ich hier in der Kirche sa&#x017F;s, die eben ausge¬<lb/>
bessert wird, und den Schlüssel zur erwähnten Gruft<lb/>
erwartete, gesellte sich ein neapolitanischer Offizier zu<lb/>
mir, der ein Franzose von Geburt und schon über<lb/>
zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach<lb/>
recht gut deutsch und hatte ehemals mehrere Reisen<lb/>
durch verschiedene Länder von Europa gemacht. Wenn<lb/>
man diesen Mann von der Regierung und der Kir¬<lb/>
chendisciplin sprechen hörte; man hätte das Feuer<lb/>
vom Himmel zur Vertilgung der Schande rufen mö¬<lb/>
gen. Alles bestätigte seine Erzählung, und Unzufrie¬<lb/>
denheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter<lb/>
des Mannes zu liegen. Vorzüglich war die Unzucht<lb/>
der römischen Kirche, nach seiner Aussage, ein Gräuel,<lb/>
wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthum<lb/>
nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art<lb/>
ist in der Gegend gar nichts ungewöhnliches und wird<lb/>
mit einem kleinen Abla&#x017F;sgelde in Ordnung gebracht<lb/>
und fortgesetzt. Der Beichtstuhl ist ein Kuppelplatz,<lb/>
wo sich der Klerus für eine kleine Belohnung sehr<lb/>
leicht zum Unterhändler her giebt, wenn er nicht<lb/>
Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in sei¬<lb/>
ner Liebschaft findet, wendet sich an einen Mönch<lb/>
oder sonstigen Geislichen, und die ehrsamste sprödeste<lb/>
Person wird bald gefällig gemacht. Der Mann sprach<lb/>
den Altar gegen über davon wie von Dingen, die je¬<lb/>
dermann wisse, und nannte mir mit gro&#x017F;ser Freymü¬<lb/>
thigkeit zu seinen Behauptungen Beyspiele, die ich<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">17<lb/></fw>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[257/0283] vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natürlich? Ich will die Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben so wenig hartnäckig behaupten. Als ich hier in der Kirche saſs, die eben ausge¬ bessert wird, und den Schlüssel zur erwähnten Gruft erwartete, gesellte sich ein neapolitanischer Offizier zu mir, der ein Franzose von Geburt und schon über zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach recht gut deutsch und hatte ehemals mehrere Reisen durch verschiedene Länder von Europa gemacht. Wenn man diesen Mann von der Regierung und der Kir¬ chendisciplin sprechen hörte; man hätte das Feuer vom Himmel zur Vertilgung der Schande rufen mö¬ gen. Alles bestätigte seine Erzählung, und Unzufrie¬ denheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter des Mannes zu liegen. Vorzüglich war die Unzucht der römischen Kirche, nach seiner Aussage, ein Gräuel, wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthum nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art ist in der Gegend gar nichts ungewöhnliches und wird mit einem kleinen Ablaſsgelde in Ordnung gebracht und fortgesetzt. Der Beichtstuhl ist ein Kuppelplatz, wo sich der Klerus für eine kleine Belohnung sehr leicht zum Unterhändler her giebt, wenn er nicht Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in sei¬ ner Liebschaft findet, wendet sich an einen Mönch oder sonstigen Geislichen, und die ehrsamste sprödeste Person wird bald gefällig gemacht. Der Mann sprach den Altar gegen über davon wie von Dingen, die je¬ dermann wisse, und nannte mir mit groſser Freymü¬ thigkeit zu seinen Behauptungen Beyspiele, die ich 17

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/283
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 257. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/283>, abgerufen am 19.09.2020.