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Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

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stand Hohenstädt mit seinen schönen Gruppen, und
am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedeley, wo
wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plau¬
derten und ernteten, und Kartoffeln assen und Pfir¬
schen: an den Bergen lagen die freundlichen Dörfer
umher, und der Fluss wand sich gekrümmt durch die
Bergschluchten hinab, in denen mir kein Pfad und
kein Eichbaum unbekannt war.

Die Sonne blickte warm wie im Frühling und wir
nahmen dankbar und mit der heitersten Hoffnung der
Rückkehr von unsern Begleitern Abschied. Noch ein¬
mahl sah ich links nach der neuen Mühle auf die
grösste Höhe hin, die uns im Gartenhause zu Hohen¬
städt so oft zur Gränze unserer Aussicht über die Thä¬
ler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Strasse
nach Hubertsburg hinab. In Altmügeln empfing
man uns mit patriarchalischer Herzlichkeit, bewirthete
uns mit der Freundschaft der Jugend und schickte
uns den folgenden Morgen mit einer schönen Melodie
von Göthens Liede -- Kennst du das Land? -- unter
den wärmsten Wünschen weiter nach Meissen, wo
wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir
uns doch die freundlichen Bekannten an der südlichen
Küste von Sicilien bestellen könnten! Die Elbe rollte
majestätisch zwischen den Bergen von Dresden hinab.
Die Höhen glänzten, als ob eben die Knospen wieder
hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem
Flusse an den alten Scharfenberg romantisch hinauf.
Das Wetter war den achten December so schwül, dass
es unserm Gefühl sehr wohlthätig war, als wir aus
der Sonne in den Schatten des Waldes kamen.

stand Hohenstädt mit seinen schönen Gruppen, und
am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedeley, wo
wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plau¬
derten und ernteten, und Kartoffeln aſsen und Pfir¬
schen: an den Bergen lagen die freundlichen Dörfer
umher, und der Fluſs wand sich gekrümmt durch die
Bergschluchten hinab, in denen mir kein Pfad und
kein Eichbaum unbekannt war.

Die Sonne blickte warm wie im Frühling und wir
nahmen dankbar und mit der heitersten Hoffnung der
Rückkehr von unsern Begleitern Abschied. Noch ein¬
mahl sah ich links nach der neuen Mühle auf die
gröſste Höhe hin, die uns im Gartenhause zu Hohen¬
städt so oft zur Gränze unserer Aussicht über die Thä¬
ler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Straſse
nach Hubertsburg hinab. In Altmügeln empfing
man uns mit patriarchalischer Herzlichkeit, bewirthete
uns mit der Freundschaft der Jugend und schickte
uns den folgenden Morgen mit einer schönen Melodie
von Göthens Liede — Kennst du das Land? — unter
den wärmsten Wünschen weiter nach Meiſsen, wo
wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir
uns doch die freundlichen Bekannten an der südlichen
Küste von Sicilien bestellen könnten! Die Elbe rollte
majestätisch zwischen den Bergen von Dresden hinab.
Die Höhen glänzten, als ob eben die Knospen wieder
hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem
Fluſse an den alten Scharfenberg romantisch hinauf.
Das Wetter war den achten December so schwül, daſs
es unserm Gefühl sehr wohlthätig war, als wir aus
der Sonne in den Schatten des Waldes kamen.

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[2/0028] stand Hohenstädt mit seinen schönen Gruppen, und am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedeley, wo wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plau¬ derten und ernteten, und Kartoffeln aſsen und Pfir¬ schen: an den Bergen lagen die freundlichen Dörfer umher, und der Fluſs wand sich gekrümmt durch die Bergschluchten hinab, in denen mir kein Pfad und kein Eichbaum unbekannt war. Die Sonne blickte warm wie im Frühling und wir nahmen dankbar und mit der heitersten Hoffnung der Rückkehr von unsern Begleitern Abschied. Noch ein¬ mahl sah ich links nach der neuen Mühle auf die gröſste Höhe hin, die uns im Gartenhause zu Hohen¬ städt so oft zur Gränze unserer Aussicht über die Thä¬ ler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Straſse nach Hubertsburg hinab. In Altmügeln empfing man uns mit patriarchalischer Herzlichkeit, bewirthete uns mit der Freundschaft der Jugend und schickte uns den folgenden Morgen mit einer schönen Melodie von Göthens Liede — Kennst du das Land? — unter den wärmsten Wünschen weiter nach Meiſsen, wo wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir uns doch die freundlichen Bekannten an der südlichen Küste von Sicilien bestellen könnten! Die Elbe rollte majestätisch zwischen den Bergen von Dresden hinab. Die Höhen glänzten, als ob eben die Knospen wieder hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem Fluſse an den alten Scharfenberg romantisch hinauf. Das Wetter war den achten December so schwül, daſs es unserm Gefühl sehr wohlthätig war, als wir aus der Sonne in den Schatten des Waldes kamen.

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Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/28>, abgerufen am 21.09.2019.