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Schottel, Justus Georg: Grausame Beschreibung und Vorstellung Der Hölle Und der Höllischen Qwal . Wolfenbüttel, 1676.

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Nachdenkliche Beschreibung

Lange Zeiten/ viele geraume Jahre fressen und verzehren
Eisen und Stahl/ machen faul und verulmen auch das här-
teste Holtz/ mergelen und machen mürbe endlich Kisel und
Felsen/ wie solte dann die Betrachtung der künftigen E-
wigkeit nicht endlich erweichen die stählerne Hartnäkkig-
keit des Menschlichen Hertzens/ und den Kiselstein unserer
Eigensinnigkeit. Aber daran ermangelt es allerdings/ daß
die Ewigkeit von uns Menschen nur obenhin/ schlech-
terdings/
mit Anhörung oder Lesung nur des Wortes/
und Vergessung des Nachdruks vernommen/ angehö-
ret/ gelesen/ und dabei zugleich verwindschlaget wird.

Der vortrefliche Mann Seneca, dem doch von der
rechten wahren Ewigkeit nichts bewust/ kan sich doch nicht
gnugsam verwunderen/ und zureichende Worte finden das
jenige/ was er als ein ewiges Wesen bedenket/ zu be-
schreiben; Dabam me spei tantae, sagt er/ in immensum
illud tempus, & in possessionem omnis aevi transitu-
rus. Item, contemnebam reliquum vitae, & in illud
seculorum inexplicabile volumen memet extende-
bam. Omnia huic viro nauseanda videbantur prae
una illa interminatiaevi possessione.



III. Bi-
Nachdenkliche Beſchreibung

Lange Zeiten/ viele geraume Jahre freſſen uñ verzehren
Eiſen uñ Stahl/ machen faul und verulmen auch das haͤr-
teſte Holtz/ mergelen und machen muͤrbe endlich Kiſel und
Felſen/ wie ſolte dann die Betrachtung der kuͤnftigen E-
wigkeit nicht endlich erweichen die ſtaͤhlerne Hartnaͤkkig-
keit des Menſchlichen Hertzens/ und den Kiſelſtein unſerer
Eigenſiñigkeit. Aber daran ermangelt es allerdings/ daß
die Ewigkeit von uns Menſchen nur obenhin/ ſchlech-
terdings/
mit Anhoͤrung oder Leſung nur des Wortes/
und Vergeſſung des Nachdruks vernommen/ angehoͤ-
ret/ geleſen/ und dabei zugleich verwindſchlaget wird.

Der vortrefliche Mann Seneca, dem doch von der
rechten wahꝛen Ewigkeit nichts bewuſt/ kan ſich doch nicht
gnugſam veꝛwundeꝛen/ und zureichende Worte finden das
jenige/ was er als ein ewiges Weſen bedenket/ zu be-
ſchreiben; Dabam me ſpei tantæ, ſagt er/ in immenſum
illud tempus, & in poſſeſſionem omnis ævi tranſitu-
rus. Item, contemnebam reliquum vitæ, & in illud
ſeculorum inexplicabile volumen memet extende-
bam. Omnia huic viro nauſeanda videbantur præ
una illa interminatiævi poſſeſſione.



III. Bi-
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[6/0074] Nachdenkliche Beſchreibung Lange Zeiten/ viele geraume Jahre freſſen uñ verzehren Eiſen uñ Stahl/ machen faul und verulmen auch das haͤr- teſte Holtz/ mergelen und machen muͤrbe endlich Kiſel und Felſen/ wie ſolte dann die Betrachtung der kuͤnftigen E- wigkeit nicht endlich erweichen die ſtaͤhlerne Hartnaͤkkig- keit des Menſchlichen Hertzens/ und den Kiſelſtein unſerer Eigenſiñigkeit. Aber daran ermangelt es allerdings/ daß die Ewigkeit von uns Menſchen nur obenhin/ ſchlech- terdings/ mit Anhoͤrung oder Leſung nur des Wortes/ und Vergeſſung des Nachdruks vernommen/ angehoͤ- ret/ geleſen/ und dabei zugleich verwindſchlaget wird. Der vortrefliche Mann Seneca, dem doch von der rechten wahꝛen Ewigkeit nichts bewuſt/ kan ſich doch nicht gnugſam veꝛwundeꝛen/ und zureichende Worte finden das jenige/ was er als ein ewiges Weſen bedenket/ zu be- ſchreiben; Dabam me ſpei tantæ, ſagt er/ in immenſum illud tempus, & in poſſeſſionem omnis ævi tranſitu- rus. Item, contemnebam reliquum vitæ, & in illud ſeculorum inexplicabile volumen memet extende- bam. Omnia huic viro nauſeanda videbantur præ una illa interminatiævi poſſeſſione. III. Bi-

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Zitationshilfe: Schottel, Justus Georg: Grausame Beschreibung und Vorstellung Der Hölle Und der Höllischen Qwal . Wolfenbüttel, 1676, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schottel_hoelle_1676/74>, abgerufen am 05.08.2020.